Benjamin R. Barber: Die Europäische Herausforderung

Vom Ende der Vorherrschaft Amerikas.

Von Robert Lessman
Übersetzt von Friedrich Mielke. Hamburg, Rowohlt 2003, 319 Seiten, EUR 19,90

Bill Clinton forderte kürzlich bei einem Vortrag an der Yale-Universität, die politische Führung der Vereinigten Staaten müsse eine Welt mit Partnerschaften, Regeln und Institutionen schaffen für die Zeit, wenn ihr Land nicht mehr die unangefochtene militärische, politische und wirtschaftliche Supermacht sein wird. Genau darum geht es im Buch seines früheren Beraters Charles Kupchan.
Während für den Globalisierungskritiker Benjamin Barber die Nationen in ein System gegenseitiger Abhängigkeiten (Interdependenz) verstrickt sind, argumentiert der Professor für internationale Politik an der Georgetown University und Mitglied des Council of Foreign Relations quasi von innen her: Für den „Realisten“ oder Machttheoretiker sind Armutsbekämpfung, Ökologiefragen „oder was auch immer“ schlicht Nebensache: Weltpolitik werde von den Großmächten und ihrem Verhältnis zueinander bestimmt. So sehen das auch George W. Bush und sein Team. Wie Barber war Kupchan im vergangenen Herbst als Gast des Renner-Instituts in Wien.
Aus dieser Sicht scheinen die Dinge klar zu liegen: Die USA stehen als einziger Boxer im Ring und haben den Kampf damit automatisch gewonnen. Doch gerade in dem Augenblick, wo die US-Vorherrschaft unangefochten zu sein scheint, sieht Kupchan Zeichen für deren Niedergang. Ihr Führungsanspruch verliere durch die Art und Weise, wie er wahrgenommen wird, an Legitimität und sei zunehmend mit Gegnerschaft konfrontiert. Innenpolitisch, so prophezeit Kupchan, werde das Scheitern der außenpolitischen Abenteuer von George W. Bush in eine Rückkehr zur Tradition des Isolationismus münden.
Ein gedankenreiches und unbequemes Buch, das sich an ein US-Publikum richtet, aber auch uns EuropäerInnen viele Einblicke in die US-Geschichte und –Politik bietet. Ein kurzes Kapitel über die Länder des „Südens“ strotzt vor Plattheiten; kein Wunder, die sind eben in der Vorstellung der „Realisten“: Peripherie.

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