Bessere TouristInnen?

Von Redaktion ·

Die Zahl jener, die mit Benachteiligten der Welt in Dialog treten wollen, steigt. Moralisch gesehen glaubwürdig. Doch kann dieser Dialog gleichberechtigt sein? Nutzt er beiden Seiten in gleicher Weise? fragt sich Andreas Köstenbauer.

Die Adresse eines Projektes ist aufgestöbert, also munter den Rucksack schultern, raus in die Welt und mal sehen … So beginnen? Das kann, muss aber nicht gut gehen. Jedenfalls ist es nicht jedermanns Sache. Für jene, die es gern geordneter angehen, gibt es Vereine und Initiativen, die sich in diesen Dingen schon schlau gemacht haben. Was sie im Bauchladen haben: Begegnungsreisen, Austausch, Bildungsreisen, Workcamps, Praktika, Volontariate. Die Anstrengungen der Anbieter, häufig ehrenamtliche AktivistInnen, sind beachtlich. Gemeinsam mit den neuen TeilnehmerInnen bereitet man sich monatelang auf die Begegnung vor. Die Leute, ihr Land, die politische Situation, Entwicklungsprobleme, Geschichte, Sprache, Interkulturelles – kaum etwas wird ausgelassen, um gut vorbereitet zu sein auf die große Reise. Nach der Rückkehr ist es nicht zu Ende. Die starken Eindrücke wollen mitgeteilt sein. Über das private Umfeld hinaus gibt es Diaabende in Pfarrsälen, Zeitungsartikel oder Engagement in diversen Kampagnen. StudentInnen beziehen das Thema ins Studium mit ein und münzen mitunter ihre Karrierepläne zugunsten der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) um. Nicht selten bleiben Kontakte in das besuchte Land bestehen, man lädt zum Gegenbesuch ein, Partnerschaft entsteht.

Reisen solcher Art wirken. Also alles eitle Wonne? Eine Teilnehmerin des Programms von HORIZONT3000, die gute Kontakte während einer Reise nach Kenia geknüpft hatte, kehrte für ein halbes Jahr als Praktikantin zurück in jenes Straßenkinderprojekt, in dem sie zuvor als Teil der Gruppe zu Gast war. Alsbald schrieb sie, wie genervt sie selbst und ihre einheimischen KollegInnen vom nicht endenden Strom des Besuchs von Delegationen und Gruppen aller Art sind. Sie würden von der Arbeit abgelenkt. Das Interesse der Gäste an der Arbeit ihres Teams von GemeinwesenarbeiterInnen sei zwar aufrichtig, am stärksten beeindruckt sei man allerdings von den Lebensbedingungen im Slumviertel. Ihr sei es damals bei der Reise nicht anders gegangen. Die Einheimischen sähen, was läuft und es gäbe bereits Überlegungen, Geld damit zu machen: Geführte Stadtspaziergänge ins Elend. Nairobi ist anders.
Wenn man ohne Rücksichten Angebot und Nachfrage vergleicht, müsste die Idee der Führungen ein Knüller sein. Was ist an einem Slum so attraktiv? In unserer Wohlstandsgesellschaft ist Armut zu etwas Exotischem geworden. Auch wenn die hiesige Freizeitindustrie allerlei Schrilles bietet, hat die Armut in Nairobi doch einen entscheidenden Vorteil: Sie ist real. Der fromme Schauder, den manche angesichts großer Armut empfinden mögen, kommt aus einer ähnlichen Gefühlslage wie das Mitleid für eine abgewählte KandidatIn in der Reality-TV-Show „Big-Brother“.

Auch wenn Begegnungsreisende von Solidarität beseelt sind, darf man das Quäntchen Perfidie nicht übersehen, das darin liegt, dass man Menschen letztlich deshalb besucht, weil sie so arm sind. Man ist betroffen, tankt geradezu Betroffenheit und erhält damit Impulse für eine sinnvolle Lebensgestaltung angesichts des Reichtums an Möglichkeiten.
Entscheidend ist, ob die TeilnehmerInnen der Begegnungsreisen nach ihrer Rückkehr über ihre Betroffenheit hinauswachsen. Wenn sie an diesem Punkt stehen bleiben, werden sie zu emotionalen AusbeuterInnen, naiv zwar, aber doch. In Zeiten, in denen man es schwer hat, erinnert man sich an die so beeindruckende Reise, denkt an die tapferen Leute im Slum, die es noch viel schwerer haben, und schon geht es einem wieder besser. Eigentlich ist es bei uns gar nicht so schlecht.

Genau an diesem Punkt kommt die Kunst der Organisationen, die diese Begegnungen organisieren, zum Tragen. Sie sorgen mit Witz und Grips dafür, dass die RückkehrerInnen nicht in die Falle der Selbstzufriedenheit tappen. In Reflexionsseminaren und Workshops zur Nachbereitung kommen jene Impulse dazu, die etwas wachsen lassen. Es muss kein großes Projekt sein, auch Kleines hat Platz. Die Bandbreite geht vom Einkauf im Weltladen bis zum hauptberuflichen Einstieg in den EZA-Bereich. Mittelbares ist ebenso wertvoll wie Unmittelbares. Würde man nur das Unmittelbare betrachten, also jene Kontakte zwischen GastgeberInnen und BesucherInnen, die bleiben, dann wäre die Bilanz so mancher Reise aus der Sicht der GastgeberInnen ziemlich enttäuschend. Viele RückkehrerInnen engagieren sich nicht direkt in der EZA. Cornelia Staritz etwa, die auch an der erwähnten Reise nach Kenia teilgenommen hat, ist mittlerweile im Vorstand von ATTAC Österreich aktiv. Ein Teil ihrer Motivation rührt von dieser Reise her. Alles in allem kommt unterm Strich viel Gutes heraus, für die Gäste ebenso wie für die GastgeberInnen.

www.eza.at/ausl.htm

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