Biblische und andere Flüchtlinge

Von Rudi Lindorfer ·

Flucht ist ein echtes Weihnachtsthema, in der Wirklichkeit und in Buchform, meint der Buchhändler unseres Vertrauens.

Der Martinstag ist vorbei. Gläubige haben das Fest gefeiert, ebenso AtheistInnen und AgnostikerInnen, die in den Laternen der Kinder Lichter entzündet und der Tradition wegen Gänse verschmaust haben. Die Teilung des Mantels, die Martin von Tours’ Bekanntheitsgrad ausmacht, tritt in den Hintergrund. Mehr Aufmerksamkeit erhält die vergebliche Herbergssuche, die in der Bibel in einem Halbsatz erwähnt wird; dann müssen wir ein paar Bibelstellen zusammenstoppeln, um von Christi Geburt und vom Besuch der drei Weisen zu lesen. Und von der Flucht nach Ägypten, um Herodes’ Wüten, das historisch nicht belegt ist, zu entgehen. Die Flucht war vor allem deshalb notwendig, um die jüdische Bevölkerung von der Geburt des Messias zu überzeugen, denn mit ihr wurde das Wort des Propheten Jesaja erfüllt. Nicht belegt ist, dass die FluchthelferInnen mit dem Gold der Weisen entlohnt wurden.

In unserer Zeit finden viele Flüchtlinge nicht einmal mehr die Gelegenheit, eine Herberge erflehen zu können. Der Kinder, die heute auf der Flucht zu Tode kommen, wird nicht am Tag der Unschuldigen Kinder (28.12.) gedacht. Sinkt ein Schiff, fällt eine Bombe in ein Wohnviertel, bekommen sie in den Medien eine Schlagzeile; aber für die, die still an einer durch Unterernährung bedingten Krankheit sterben, gibt es keine. Da glauben wir lieber an das Christkind als daran, dass alle fünf Sekunden ein Kind, auch in der Weihnachtszeit, verhungert (Jean Ziegler).

Zwischen 1846 und 1906 haben 52 Millionen Menschen Europa verlassen, die Armut fliehend. Historisch gesehen finden wir das vernünftig, denn welcher Ire, welche Italienerin oder Spanierin wollte schon verhungern, nur weil sie in Europa gelebt haben? Und diese Vernunft gestehen wir EmigrantInnen heute nicht zu?

Den Völkermord und die Vertreibung eines Volkes beschreibt Varujan Vosganian im „Buch des Flüsterns“. So umstritten er als neoliberaler, rumänischer Politiker auch ist, sein Roman steht in direkter Nachfolge von Franz Werfels „Die letzten Tage des Musa Dagh“. Voll gepackt mit Geschichten des armenischen Volkes, seines Volkes, legt Vosganian ein Werk vor, das literarisch wie auch historisch Bestand haben und bei den LeserInnen Empörung über das Im-Stich-Lassen eines Volkes hervorrufen wird.

Gilles Reckinger: Lampedusa. Begegnungen am Rande Europas
Edition Trickster, Wuppertal 2013; 230 Seiten; € 20,50

Fabio Geda: Im Meer schwimmen Krokodile. Eine wahre Geschichte
cbj, TB, München 2013; 192 Seiten; € 9,30

Claude K. Dubois: Akim rennt
Moritz Verlag, Frankfurt am Main 2013; 96 Seiten; € 13,40

Chalid al-Chamissi: Arche Noah
Lenos Verlag, Zürich 2013; 407 Seiten; € 23,20

Varujan Vosganian: Buch des Flüsterns
Zsolnay Verlag, Wien 2013; 512 Seiten; € 26,80

Claude K. Dubois, deren Mutter während des Zweiten Weltkrieges Kinderflüchtling war, erzählt mit wenigen Sätzen und ausdrucksstarken Zeichnungen die Geschichte Akims, dem auf der Flucht seine Mutter verloren geht.  Besser kann für Kinder ab sechs Jahren und Erwachsene (!) kaum dargestellt werden, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein. Tröstlich, dass Akim wenigstens seine Mutter wieder findet.

Chalid al-Chamissi knüpft in seinem Roman Schicksale von Menschen aneinander, die mangels Perspektiven aus Ägypten emigriert sind: ein Nubier, eine koptische Ärztin, eine Prostituierte, ein Jurist, ein Menschenschmuggler … Sie verabschieden sich mehr oder weniger freiwillig aus einer Gesellschaft, in der religiöse und ethnische Minderheiten diskriminiert werden und Korruption zum Alltag gehört.

Die wahre Geschichte von Enaiatollah Akbari erzählt Fabio Geda so, dass sie auch für Jugendliche ab zwölf Jahren empfehlenswert ist. Enaiat, ein Bauernbub aus Afghanistan, schlägt sich unter widrigsten Umständen nach Europa durch. Aufrecht halten ihn drei Versprechen, die ihm seine Mutter abgenommen hat. Sein Schicksal wendet sich zum Guten. Diese Erfahrung können die in Lampedusa wenigstens heil Gelandeten nicht teilen. Der Ethnologe Gilles Reckinger nahm sich Zeit für die BewohnerInnen der Insel, die von der europäischen Staatengemeinschaft politisch wie auch ökonomisch im Stich gelassen werden und mit Versorgungsengpässen konfrontiert sind. Sie erzählten ihm von ihrem Alltag und ließen dabei keine Ressentiments gegenüber den Gestrandeten aufkommen. Zu diesen Menschen sollten die bei einem Unglück immer „betroffenen und tief erschütterten“ PolitikerInnen in die Lehre gehen, bevor sie menschenverachtende Gesetze beschließen. Oder gelingt es nur einem Gott, Mensch zu werden?

Der Autor ist Buchhändler bei Südwind-Buchwelt in Wien.

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