Bio-Landwirtschaft im Wüstenstaat

Klimawandel und Verschwendung zwingen Saudi-Arabien zu einem schonenden Umgang mit der knappen Ressource Wasser. Doch wie nachhaltig kann Landwirtschaft inmitten der Wüste überhaupt sein?

Von Frank Odenthal
Gemüse aus der Wüste: Hamad Al Fawaz ist einer der ersten Bio- Bauern Saudi-Arabiens.

Sein Vater hat hier keine 300 Meter tief bohren müssen, um an Grundwasser zu gelangen. Hamad Al-Fawaz lässt eine Handvoll Wüstensand durch seine Finger rieseln. „Heute muss ich bis zu 1.500 Meter hinunter bohren, um an Wasser zu kommen, auf anderen Feldern bis zu 2.000 Meter.“ Hamad Al-Fawaz ist Großgrundbesitzer, doch er ist ein bescheidener Mann geblieben. Was er sein Büro nennt, ist nichts weiter als ein mit Teppichen ausgelegter Schuppen. Hier, vor den Toren der Hauptstadt Riad, instruiert er seine Vorarbeiter, trifft seine Söhne und Enkel, empfängt BesucherInnen, die inzwischen auch aus den Nachbarländern angereist kommen. Denn Al-Fawaz ist mittlerweile auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt: Er ist einer der ersten Biobauern Saudi-Arabiens.

Das heutige Saudi-Arabien scheint sich zwischen Tradition und Moderne zu zerreiben. Es ist ein Land zwischen religiöser Unterwerfung und offen ausgelebter Maßlosigkeit. Der Rhythmus des Alltags wird von den Gebetszeiten vorgegeben, deren Einhaltung eine allgegenwärtige klerikale Sittenpolizei, die Mutawa, überwacht. Gleichzeitig reihen sich in den Einkaufsstraßen amerikanische Fast-Food-Ketten an italienische Edelboutiquen, und die achtspurigen innerstädtischen Highways sind bis weit nach Mitternacht mit monströsen Geländewagen verstopft.

Der Wassermangel ist mittlerweile das größte Problem der Landwirtschaft und damit der Nahrungssicherheit des Landes. Der seit 2005 amtierende König Abdullah unternimmt zaghafte Versuche, seine Landsleute auf einen behutsameren Umgang mit den schwindenden Wasserreserven einzustimmen, vor allem in der Landwirtschaft. Die Förderung des besonders wasserintensiven Weizenanbaus läuft in wenigen Jahren aus, für andere Produkte wurde bereits ein Exportstopp verhängt. Dabei hatte Saudi-Arabien mit dem Beginn des Erdölbooms in den 1970er Jahren seine landwirtschaftliche Produktion noch intensiviert. Schon 1984 reichte die inländische Weizenproduktion aus, den eigenen Bedarf zu decken. Zu Beginn der 1990er Jahre gehörte Saudi-Arabien zu den größten Weizenexporteuren der Welt. Dabei stehen weniger als 0,5% der Landesfläche als Kulturland zur Verfügung.

Doch der Erfolg war teuer erkauft. Die Felder mussten dem sandigen Boden regelrecht abgetrotzt werden. Hinzu kamen höchst ineffiziente Bewässerungsmethoden, etwa der Einsatz riesiger Beregnungsanlagen, bei denen bis zu 50% des versprühten Wassers verdunstet, bevor es den Boden erreicht. Die Folgen zeigen sich heute. Der Grundwasserspiegel ist in den letzten Jahrzehnten rapide gesunken. Viele Brunnen sind trockengefallen, selbst in fruchtbaren Gegenden.

 

Durch Tröpfchenbewässerung wird kostbares Wasser gespart.

Auf seinem Feld in der Oase Al-Kharj hat Hamad Al-Fawaz 400 Tunnelzelte aufgespannt, die ihm als Gewächshäuser dienen. Hier baut er Tomaten, Gurken und Zucchini an. Auf den umliegenden Feldern gedeihen Karotten, Melanzani, Pfefferoni, Kürbisse und Bohnen – alles in bester Bioqualität. Er hat inzwischen ganz auf Tröpfchenbewässerung umgestellt. Die schwarzen Schläuche durchziehen seine Felder und führen das kostbare Wasser direkt an die Pflanzenwurzeln. So spare er über 40% an Wasser gegenüber den Beregnungsanlagen, sagt er. Zwar seien die Anschaffungskosten höher und die Wartung aufwendiger, doch ein staatlicher Entwicklungsfonds erstatte ihm 70% der Kosten.

Und das sei erst der Anfang. Inzwischen kompostiert er die vertrockneten Überreste aus den Gewächshäusern und düngt damit die Felder. Er beachtet Fruchtfolgen bei der Aussaat; durch den Wechsel der Bepflanzung könne sich der Boden besser regenerieren. Er verwendet besonders stickstoffbindende Pflanzensorten, sogenannte Leguminosen. Und natürlich verzichtet er auf Kunstdünger und Pestizide, sagt er stolz. Das alles verbessere die Qualität der Böden und damit ihre Wasserhaltefähigkeit, haben ihm die deutschen Berater erklärt. Die Berater, das sind die Experten der GIZ, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, die seit 2005 im Auftrag des saudischen Agrarministeriums vor Ort sind. Es sei die Erfahrung auf dem Biosektor gewesen, die damals den Ausschlag für die Deutschen gegeben habe, sagt Saad Khalil, der Leiter des saudischen Ökolandbauverbandes SOFA.

Anfangs sei es nur um den Aufbau von Kapazitäten gegangen, erklärt Khalil. „Wir mussten der biologischen Landwirtschaft erst einen verlässlichen rechtlichen Rahmen schaffen, eine saudische Ökoverordnung. Und wir haben die SOFA ins Leben gerufen, die heute als Schnittstelle zwischen den Landwirten, den Verbraucherinnen und Verbrauchern und der Regierung dient.“

Heute gehe es vor allem um Vertrauensbildung. „Die Kundinnen und Kunden müssen sich darauf verlassen können, dass die Biolandwirte saubere und gesunde Ware liefern.“ Denn daran mangelte es in den letzten Jahren. Viele Saudis misstrauten den ausländischen Experten auf den Farmen, die aus Indien, Pakistan oder Bangladesch geholt wurden. Viele dieser Fachkräfte verfuhren nach dem Motto „mehr bringt mehr“ – und versprühten Unmengen an Pflanzenschutzmitteln in der Hoffnung auf größere Erntemengen. „Die Saudis müssen erst wieder Vertrauen in die heimischen Produkte fassen“, sagt Khalil. Dazu soll das saudische Biosiegel beitragen, das 2011 eingeführt wurde – das erste seiner Art auf der arabischen Halbinsel.

Nach heutigem Stand werden 16.000 Hektar Land gemäß der saudischen Ökoverordnung bewirtschaftet, das sind knapp 2% der gesamten landwirtschaftlichen Fläche des Landes. Bis 2017 soll der Anteil auf 5% steigen. Ein realistisches Ziel, wenn man berücksichtigt, dass der König und einige der Prinzen der herrschenden Al-Saud-Familie angekündigt haben, die gesamte Produktion ihrer riesigen Farmen auf ökologische Methoden umzustellen.

Inzwischen gibt es landesweit 30 Biosupermärkte. Das Sortiment kann sich sehen lassen, auch diverse Früchte wie Mangos, Papayas, Pfirsiche, Marillen, Weintrauben und Oliven werden angeboten. Der Stand mit Bioware auf einem der großen Wochenmärkte in Riad ist regelmäßig nach kurzer Zeit ausverkauft. Zuletzt startete sogar ein Auslieferungsservice, eine saudische „Bio-Kiste“.

Der deutsche Agrarökonom Marco Hartmann leitet das Projekt „Organic Farming“ der GIZ in Saudi-Arabien. „Das Problem des saudischen Marktes ist, dass noch nicht das ganze Jahr über konstant Bioprodukte angeboten werden können“, erklärt Hartmann. „Was bringt es, die Kundschaft mit großem Werbeaufwand für Bio-Paprika zu begeistern, wenn man in den folgenden sechs Monaten keine Bio-Paprika liefern kann?“ Kurzfristig sollen Engpässe durch Importe überbrückt werden. Das Agrarministerium verhandelt bereits mit möglichen Lieferanten aus dem Mittelmeerraum und dem Nahen Osten. Und aus Afrika.

Hier zeigt sich die Schattenseite des neu entdeckten saudischen Sinns für Nachhaltigkeit. Weizen, Soja und Reis, die demnächst nicht mehr die Grundwasserreserven auf der Arabischen Halbinsel dezimieren sollen, sollen in Zukunft auf den fruchtbaren Feldern Tansanias, Äthiopiens, Kenias, des Sudan, Ghanas, Senegals wachsen. KritikerInnen sprechen von massivem „Land Grabbing“. Der Vorwurf: Saudi-Arabien und andere reiche Golfstaaten kaufen oder pachten in großem Stil fruchtbares Land in Afrika, das den dortigen Kleinbäuerinnen und -bauern fortan nicht mehr zur Verfügung steht.

Die internationale Nichtregierungsorganisation „Grain“ wies erst kürzlich den staatlich kontrollierten saudischen Fonds eine besonders rigorose Praxis der Landnahme nach. Von systematischer Vertuschung und Bestechung war die Rede, von der Vertreibung unzähliger Kleinbäuerinnen und -bauern, und vom Fehlen jeglicher Transparenz.

Zur fehlenden Transparenz seiner Regierung mag sich Saad Khalil, der Geschäftsführer des Ökolandbauverbandes, nicht äußern. Ob er glaube, dass die ökologische Landwirtschaft sein Land vor dem Austrocknen bewahre? Das könne er nicht abschätzen, antwortet Khalil. „Wir haben im Landesinneren eine Dürreperiode, die nun schon 20 Jahre andauert. Wenn es auch die kommenden 20 Jahre nicht regnet und die Versandung infolge des Klimawandels fortschreitet, brauchen wir uns über Landwirtschaft in Saudi-Arabien – bio hin oder her – keine Gedanken mehr zu machen.“ Dann, so Khalil, müsse man wohl mit den Einnahmen der einen knappen Ressource, dem Erdöl, den Import der anderen knappen Ressource, Wasser – enthalten in den eingeführten Nahrungsmitteln – finanzieren. Keine wirklich nachhaltige Praxis.

Frank Odenthal, in Köln geboren, lebt in der Nähe von Basel. Er arbeitet als freischaffender Journalist und Autor.

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