Bittersüße Geschäfte

Kambodschas Agrarflächen sind bei in- und ausländischen InvestorInnen heiß begehrt. Der auf dem geraubten Land produzierte Zucker wird auch in die EU exportiert. Die einheimische Bauernschaft verliert ihre Existenzgrundlage.

Von Brigitte Reisenberger
Die Reisbauernfamilien in Omleang verteidigen ihre Felder gegen die bevorstehendie Rodung durch das Zuckerrohrunternehmen.

Das halbe Dorf Ou Ang Kom hat sich unter einem Schatten spendenden Mangobaum versammelt. You Tho, der gewählte Chef der Kommune Omleang in Kambodscha, sitzt in der Mitte. Der hoch angesehene ältere Mann ist noch etwas angeschlagen, er ist gerade erst wieder aus dem Gefängnis freigekommen, nachdem hunderte DorfbewohnerInnen im Protest für ihn die Nationalstraße Nr. 4 blockierten. You Tho wurde Tage zuvor der Anstiftung zu Straftaten bezichtigt. Denn in seiner Kommune setzten sich Bauern und Bäuerinnen gewaltsam gegen Land raubende Plantagenbetreiber zur Wehr: Sie zündeten zwei Hütten des Sicherheitsunternehmens der Zuckerrohrproduzenten an und gingen mit Stöcken und Steinen gegen Bulldozer vor, die ihr Land roden sollten.

„2007 ist die Firma zum ersten Mal in meinem Dorf aufgetaucht“, so You Tho. Ihre Vertreter hätten mit offiziellen Besitzdokumenten vor seiner Nase gewedelt, erinnert er sich. „Ich lebe mit meiner Familie seit fast dreißig Jahren hier, seht die alten Mangobäume und unsere Häuser.“ Nach dem Landrechtsgesetz von 2001 haben alle Anrecht auf das Land, auf dem sie mehr als fünf Jahre leben. In vielen Fällen scheitert es jedoch an der Umsetzung dieses Rechts. Die gebotene Entschädigung für sein Land war für You Tho ein Schlag ins Gesicht. „Für 200 US-Dollar soll ich mir meine gesamte Existenz wegnehmen lassen? Auf meinem Hektar Land produziere ich in guten Jahren sechs Tonnen Reis, den ich am Markt für über 1.000 Dollar verkaufen kann.“

„Die Firma“, die sich im Dorf breitmacht, sind eigentlich zwei Unternehmen: Phnom Penh Sugar Company und Kampong Speu Sugar Company. Beiden wurde eine je fast 10.000 Hektar große Landkonzession zugesprochen, eine größere Fläche für eine einzelne Konzession wäre gesetzwidrig. Beide gehören Ly Yong Phat, dem Senator der seit 25 Jahren regierenden Kambodschanischen Volkspartei CPP, und seiner Frau Kim Heang. Das Ehepaar ist landesweit in zahlreiche Landkonflikte verwickelt. Allein in Omleang in der Provinz Kampong Speu sind mehr als 2.000 Familien von ihren Plänen betroffen. Im offiziellen Antrag um die Genehmigung der Landkonzession in Omleang heißt es, die geplante Zuckerrohrplantage würde „die Entwicklung der ländlichen Gebiete unterstützen“ und einen „Beitrag zur nationalen Armutsbekämpfung“ leisten. Die angepriesene Win-win-Situation blieb aus, stattdessen wird den künftigen Generationen der Zugang zu ihrer Existenzgrundlage entzogen und ihr Menschenrecht auf Nahrung verletzt.

Im Dorf klingeln plötzlich alle Handys, zwei Motorräder biegen in die Einfahrt. „Sie roden wieder!“ In den letzten Monaten hat sich in der Omleang-Kommune eine Art Notfallsystem entwickelt: Steht das Reisfeld einer Familie kurz davor, von Bulldozern zerstört zu werden, dann versuchen alle gemeinsam, das zu verhindern. Viele schlafen schon auf ihren Reisfeldern, um ihren Besitz zu verteidigen. Immer öfter hilft auch das nichts. Ein Dutzend Baumaschinen fahren auf dem bereits gerodeten Feld auf und ab und bereiten es für seine zukünftige Bestimmung als Zuckerrohrplantage vor. Im Hintergrund steigt Rauch auf, abgebrannte Bäume verkohlen langsam. Die Reisbauernfamilien stehen vor den Resten ihrer zerstörten Existenz.

Kambodschas Zuckerindustrie erlebt gerade ein Comeback. Eine Zuckermühle der thailändischen Khon Kaen Sugar Industry Plc (KSL), die ihre Produktion im Jänner 2010 in Koh Kong aufnahm, ist die erste operierende Zuckerfabrik in Kambodscha seit 40 Jahren. Wie die Zuckerrohrplantage in Omleang hatte auch die für 90 Jahre gewährte Konzession in Koh Kong im Jahr 2006 die Vertreibung von mehreren hundert Familien zur Folge. Senator Ly Yong Phat, berüchtigt für seine Vertreibungstaktik, hält 20% an der Zuckerrohrplantage in Koh Kong, KSL kontrolliert 50%, die restlichen 30% gehören dem taiwanesischen Partner Ve Wong Corp. Aus Koh Kong wurden im Juni 2010 erstmals 10.000 Tonnen Rohzucker nach Großbritannien zum Nahrungsmittelkonzern Tate & Lyle verschifft.

Der Fokus auf Kambodschas Agrarflächen hat seine Gründe: Denn dort lassen sich die Vorteile der „Alles-außer-Waffen“-Initiative genießen. Diese erlaubt es den am wenigsten entwickelten Ländern, bestimmte Produkte zollfrei in die EU zu exportieren. „Wenn die EU keine Zölle auf Importe einhebt, dann öffnet das neue Möglichkeiten für ausländische Investoren“, so Khan Samban vom kambodschanischen Landwirtschaftsministerium. David Pred von der NGO Bridges Across Borders in Kambodscha ist „extrem besorgt über diesen Zollfrei-Status von Kambodscha ohne Verknüpfung mit Umwelt- oder Sozialschutzmaßnahmen“ – weil er die Expansion des industriellen Landwirtschaftsmodells anfeuere, das nachteilig für die kambodschanische Bauernschaft sei und in direkter Verbindung mit Gewalt und Menschenrechtsverletzungen stehe.

Von den bittersüßen Geschäften der Khon Kaen Sugar Industry (KSL) profitierten auch Anleger von drei DWS-Fonds der Deutsche Bank Group, die mit 10,9 Millionen Euro an KSL beteiligt waren, wie die Menschenrechtsorganisation FIAN untersuchen ließ. Nach den Vorwürfen habe man „die Aktien verkauft“, so ein DWS-Sprecher. Roman Herre, der Agrarreferent bei FIAN fordert nun: „Die DWS muss in Zukunft genauer prüfen, in welche Firmen sie investiert.“ Sonst bezahlen den Preis dafür die Familien in den Dörfern – wie jene von You Tho.

Der Grundstein für den Ausverkauf des Agrarlandes wurde in Kambodscha schon während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer (1975–1979) gelegt. Diktator Pol Pot wollte Kambodscha in eine maoistisch geprägte, klassenlose Agrargesellschaft verwandeln. Sämtliche Grundregister wurden vernichtet. In den 1990er Jahren gab die Regierung die Wälder zur Abholzung frei, sehr zur Freude der kambodschanischen Elite, deren Mitglieder sich so ihre Taschen füllten. „Lokale Tycoons und die Regierung selbst haben die Angewohnheit, Land zu stehlen. Es gibt nichts, was sie heute noch von ausländischen Investoren lernen müssten“, sagt Manfred Hornung von der kambodschanischen Menschenrechtsorganisation Licadho. Er und seine KollegInnen haben mehr Fälle von Vertreibung gesammelt, als sie bearbeiten können: In den 13 der 20 Provinzen Kambodschas, in denen Licadho aktiv ist, sind 250.000 Menschen in Landkonflikte verstrickt. In Kambodscha stieg die Landlosigkeit von 13% in 1997 auf fast 30% im Jahr 2008. Für diesen Trend sind auch die Kautschukplantagen verantwortlich, die seit Jahren in Kambodscha aus dem Boden schießen. Das Land profitiert vom Kautschuk kaum, die Gewinne fließen direkt zu den Investoren nach Vietnam. Die kambodschanische Regierung will die Anbauflächen bis 2015 auf 150.000 Hektar erweitern, 100.000 Hektar davon sind für 14 vietnamesische Kautschukunternehmen vorgesehen.

„Ich habe mein gesamtes Land verloren. Ich weiß nicht, wie ich meine drei kleinen Kinder ernähren soll“, sagt die 23-jährige Phall Mam. Dort, wo bis vor Kurzem ihre Felder waren, wachsen junge Bäume in ordentlichen Reihen in die Höhe. Das Dorf Dey Krahom, nahe der Grenze zu Vietnam, wurde von den Planierraupen überrascht, die ihre Felder niederwalzten. Das Land wurde vom Provinzgouverneur an die CIV Development Company, einen vietnamesischen Plantagenbetreiber, verpachtet, der dort Kautschuk produziert. Entschädigung für ihre Felder habe sie keine bekommen, sagt Mam. „Ich will auch kein Geld, ich will mein Land zurück!“ Die DorfbewohnerInnen gehören der indigenen Minderheit der Stieng an. Eigentlich steht ihr Land durch das kambodschanische Landgesetz unter besonderem Schutz. Doch darum kümmert sich niemand. Arbeit auf der Plantage gibt es für die lokale Bevölkerung nicht. „Sie stellen nie Leute von uns ein. Außerdem, warum sollten wir für die Plantage arbeiten und so unsere eigene Lebensgrundlage zerstören?“, fragt Mam.

Weitere Agro-Investoren geben sich währenddessen die Klinke in die Hand. Die indische Amira Group plant, 40 Millionen Dollar in den kambodschanischen Reisanbau zu investieren – um den Reis anschließend in die Heimat zu exportieren. Kuwait hat sich bereits 130.000 Hektar für Reisfelder gesichert. Das größte Aufsehen erregte bisher Indochina Gateway Capital, ein australischer Investmentfonds, der 600 Millionen Dollar in das kambodschanische Agrarbusiness pumpen will. Dieses Projekt wäre die bisher größte ausländische Einzelinvestition. Welche Ackerflächen dafür in Beschlag genommen werden sollen, wird noch geheim gehalten.

Die Autorin ist Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation FIAN.

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