„Black Lives Matter war für mich eine Befreiung“

Von Marina Wetzlmaier ·
© Anneliese Erdemgil-Brandstätte

Anti-Rassismus gehörte nicht immer zur politischen Agenda von Mireille Ngosso. Im Interview erklärt die SPÖ-Politikerin, was Black Lives Matter für sie persönlich verändert hat – und weshalb es jetzt ein Volksbegehren gegen Rassismus braucht.

Im Jahr 2020 haben Sie sich stark in der Black Lives Matter-Bewegung (BLM) engagiert. Auf dem Onlinedienst Instagram schrieben Sie im Zuge dessen, dass es sehr viel Kraft koste, immer über Rassismus zu sprechen. Wird man dessen auch einmal müde?

Absolut. Wenn man immer dieselben Fragen beantworten muss und man das Gefühl hat, die Menschen verstehen nicht, worum es mir und uns als Bewegung geht. Das ist schon sehr kräftezehrend. Über Rassismuserfahrungen zu sprechen ebenso. Ich hatte die Erfahrungen eigentlich in einem Koffer versperrt und dachte mir, ich werde nie wieder darüber sprechen. Dass man sie wieder hervorholt, ist noch einmal ein Trauma.

Woher nehmen Sie die Energie dafür?

Eigentlich geben mir die Menschen Kraft, gerade in der Bewegung. Ich habe davor sehr lange nicht über Anti-Rassismus gesprochen, weil ich oft das Gefühl hatte, es wurde nicht angenommen oder es wurde mir abgesprochen, dass es Rassismus überhaupt gibt.

Die BLM-Bewegung ist für mich eine Befreiung, weil ich einfach so viele Verbündete gefunden habe, die dasselbe erlebt haben wie ich.

Haben Sie das Thema Anti-Rassismus erst durch Black Lives Matter konkret politisch aufgegriffen?

Ja. Als ich vor zehn Jahren politisch aktiv geworden bin, sagte ich mir: Ich bin nicht nur eine Schwarze* Frau, ich bin Ärztin und Mutter. Es gibt viele Themen, die mich interessieren und wo ich mich einbringen möchte. Auf die habe ich fokussiert.

Wie ermutigen Sie Menschen und Betroffene, über ihre Rassismuserfahrungen zu sprechen?

Ich ermutige sie, sich nicht unterkriegen zu lassen und Verbündete zu suchen. Nicht nur unter People of Colour oder Schwarzen Menschen, sondern auch in der weißen Mehrheitsgesellschaft, weil wir das Thema gemeinsam angehen müssen. Es geht darum, sich Unterstützung zu holen, wenn es einem zu viel wird.

Das Team des Black Voices- Volksbegehrens kämpft für die gleichberechtigte Teilhabe Schwarzer Menschen. © Miriam Amann

Höchste Zeit für ein Volksbegehren

In welchem Ausmaß Schwarze Menschen von rassistischer Diskriminierung betroffen sind, hat die Studie „Being Black in the EU“ 2018 erhoben. Ein Drittel der Befragten berichtete davon, in den vergangenen fünf Jahren Diskriminierung oder rassistische Gewalt erfahren zu haben, diese aber nur selten zur Anzeige bringen.

Österreich schnitt dabei besonders schlecht beim Thema Racial Profiling ab: Zwei Drittel der Befragten gaben an, in den vergangenen fünf Jahren von der Polizei angehalten worden zu sein.

Im vergangenen Jahr dokumentierte der Verein Zara rund 2.000 rassistische Fälle in Österreich.

Ziel des Black Voices-Volksbegehrens ist ein nationaler Aktionsplan gegen Rassismus. Dazu werden eine unabhängige Meldestelle für Racial Profiling, Anti-Rassismus-Schulungen in öffentlichen Unternehmen, Einführung des aktiven und passiven Wahlrechts auf allen politischen Ebenen (ab einer gemeldeten Wohndauer von fünf Jahren in Österreich) und eine menschliche Asylpolitik gefordert.

Die Unterstützungserklärung für das Black Voices- Volksbegehren kann noch bis Ende 2021 per Handysignatur oder am Gemeindeamt unterschrieben werden. Aktuelle Infos zum Volksbegehren unter: blackvoices.at

chrit

Im Zuge der BLM-Bewegung ist das Black Voices-Volksbegehren entstanden, das Ende 2020 mit einer Unterschriftensammlung startete. Wie ist es dazu gekommen?

Nach der BLM-Demo im Juni haben wir gesagt, dass es sehr wichtig ist, wenn unsere Forderungen auch in der Politik besprochen werden, vor allem im Nationalrat. So sind wir auf die Idee gekommen, ein Volksbegehren zu initiieren. Und zwar nicht nur für Schwarze Menschen, sondern für alle Menschen, die in Österreich leben und von Rassismus betroffen sind.

Wir haben uns mit verschiedenen Organisationen zusammengesetzt, um die Forderungen von allen so gut es geht einfließen zu lassen.

Zentrale Forderung des Volksbegehrens ist ein nationaler Aktionsplan gegen Rassismus. Warum braucht es den jetzt?

2001 hat Österreich an der Weltkonferenz gegen Rassismus teilgenommen, und damals wurde im Abschlussdokument festgehalten, dass es einen nationalen Aktionsplan gegen Rassismus geben muss. Seitdem ist so gut wie nichts passiert.

Gerade von der Politik ist ein Statement wesentlich, dass man sich gegen Rassismus einsetzen wird. Ich denke, man benötigt einerseits politische Unterstützung und andererseits die Zivilgesellschaft.

Vor allem, weil Rassismus System hat. Er besteht in allen Institutionen, sei es in der Schule, bei der Polizei, in der Politik. Das strukturelle Problem betrifft ja die ganze Gesellschaft.

Deshalb braucht es einen Aktionsplan. Die türkis-grüne Regierung hat in ihrem Regierungsübereinkommen ja so einen Aktionsplan gegen Rassismus angekündigt, aber konkrete Vorschläge sind bis jetzt noch nicht gekommen.

In Deutschland gibt es einen Aktionsplan. Könnte man sich davon etwas für Österreich abschauen?

Schon alleine der Diskurs in Deutschland ist anders und etwas, das man in Österreich übernehmen könnte. Ich war verblüfft und glücklich, als ich gesehen habe, wie offen Schwarze Politikerinnen und Politiker mit dem Thema Rassismus umgehen, wie klar und deutlich sie es benennen und wie das zudem angenommen wird.

Davon sind wir hier noch meilenweit entfernt. Was den Aktionsplan betrifft, gibt es in Deutschland zum Beispiel Rassismus-Beauftragte in der Polizei. Sowie richtige Anti-Rassismus-Workshops, bei denen Schwarze Menschen und People of Colour dabei sind.

Hierzulande gibt es doch Anti-Rassismus-Schulungen für die Polizei, reichen die nicht?

Es gibt sie, aber seit der türkis-blauen Regierung (2017-2019, Anm. d. Red.) ist viel gestrichen und verändert worden. Wir müssen mehr forcieren, dass wirklich auch die verschiedenen Communities zu diesen Workshops eingeladen werden. Dass es einen regen Austausch, eine Kommunikation gibt zwischen Polizei und den Communities.

Die Organisationen ZARA vermutet, dass viele Fälle von Polizeigewalt und Ethnic Profiling, also dem auf Stereotypen basierenden Agieren von Beamt*innen, gar nicht behördlich gemeldet werden. Aus Angst, oder weil man denkt, es bringe nichts …

Daher geht es darum, eine unabhängige Beschwerdestelle einzurichten, die nicht im Innenministerium verankert ist, wie es jetzt der Fall ist. 

Ich appelliere an Betroffene, sich wirklich bei ZARA oder der Dokustelle für antimuslimischen Rassismus zu melden, u.a. damit man die Fälle auch statistisch erfassen kann.

Zum Thema Bildung gibt es konkrete Forderungen im Volksbegehren, nämlich das „Unterrichtsprinzip Post-Kolonialismus“. Wieso ist Geschichte so zentral?

Österreich hatte genauso Sklaven und Sklavinnen, die man vom Sklavenmarkt in Spanien und Portugal geholt hat. Der bekannteste Vertreter ist Angelo Soliman (ca. 1721-1796, Anm. d. Red.). In der Wiener Praterstraße hat es einen Menschenzoo gegeben, in dem afrikanische Dörfer ausgestellt wurden.

Die erste Generation von Schwarzen Menschen in Österreich gab es nach dem Zweiten Weltkrieg, als US-Soldaten mit Wienerinnen Kinder gezeugt haben. Von ihnen wurde ein Großteil nach Amerika gebracht, weil man diese Kinder hier nicht haben wollte.

Ich finde es wichtig, dass man diese Dinge der heutigen Jugend erzählt. Schwarze Menschen oder People of Colour sind nicht fremd, die gibt es hier schon lange.

Mireille Ngosso wurde 1980 in Kinshasa, Demokratische Republik Kongo geboren. Mit vier Jahren musste sie mit ihren Eltern aus dem Land fliehen und lebt seither in Wien. Die hauptberufliche Ärztin ist seit über zehn Jahren in der SPÖ politisch aktiv, seit November 2020 als Wiener Landtagsabgeordnete und Gemeinderätin.

Ngosso war Initiatorin der Black Lives Matter-Demonstration in Wien und gehört zu den Unterstützer*innen des Black Voices-Volksbegehrens.

© Minitta Photography

Sie fordern außerdem eine Schulbuchanalyse. Warum?

Wir müssen uns die Schulbücher genau anschauen, weil es immer noch welche gibt, in denen beispielsweise das N-Wort oder der Begriff Mohr vorkommt. Und auch wenn es in einem historischen Kontext auftaucht, müsste immer dabeistehen, was sie bedeuten und dass man diese Wörter heutzutage nicht mehr verwendet. Im Jahr 2021 sollten wir schon so weit sein.

Kinder und Jugendliche sollten nicht in dem Glauben aufwachsen, dass das N-Wort in Ordnung ist.

Viele Probleme haben sich seit Jahrzehnten aufgebaut und keine der vergangenen Regierungen hat sie ernsthaft lösen können. Warum hat die SPÖ Anti-Rassismus so wenig thematisiert?

Es hat immer wieder einen kleinen Aufschrei gegeben, aber es gab nie Konsequenzen. Bei keiner Partei. Die SPÖ hat das Thema Anti-Rassismus an sich selten aufgegriffen, sondern sie setzt sich für die Schwächsten der Schwachen in der Gesellschaft ein. Man macht Politik für Menschen, die unter Ungerechtigkeiten leiden und es besonders schwer haben.

In den vergangenen Monaten haben Sie sich vermehrt zur Demokratischen Republik Kongo und zur Ausbeutung der Ressourcen geäußert. Wurde das, so wie Anti-Rassismus, erst in letzter Zeit für Sie Thema?

Ich habe es weniger angesprochen und wenn, dann unter Schwarzen Menschen und People of Colour, die einfach verstanden haben, was ich meine mit ungleicher Ressourcenverteilung und Neokolonialismus.

Jetzt denke ich mir, nein, ich möchte schon berichten, weil ich das Land kenne und immer wieder in den Kongo reise, zuletzt 2020. Ich möchte für die Situation der Menschen sensibilisieren. Gerade jetzt, da viele aus Afrika migrieren und im Mittelmeer ertrinken.

Ich möchte den Diskurs verändern, indem ich erzähle, was dort passiert, welche Probleme es gibt – und was die Menschen veranlasst, zu gehen.

Interview: Marina Wetzlmaier

Das Interview wurde online geführt.

* „Schwarz“ wird großgeschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt. „Schwarz“ ist eine politisch gewählte Selbstbezeichnung, in Ablehnung kolonial-rassistischer Bezeichnungen.

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