Blauer Tod

Von Anouk Ride ·

Der milliardenschwere Handel mit tropischen Zierfischen zerstört menschliches und maritimes Leben.

Taucher mit Sprühflaschen . – dieser Anblick ist in Südostasien und im Südpazifik keine Seltenheit mehr. Die Objekte ihrer Begierde allerdings werden immer rarer: Schwärme von kleinen, leuchtenden Tropenfischen werden in Korallenbänke getrieben, wo die Unterwasserjäger anschließend eine Ladung Blausäure in die Löcher sprühen. Augenblicke später treiben die Fische benommen aus ihrem Versteck. Bis zu 90 Prozent davon sterben in der Zyanidwolke oder tragen bleibende Schäden davon, der Rest wird an Händler geliefert, die sie an Lebendfisch-Restaurants oder für tropische Aquarien weiterverkaufen.

„Es ist wie Kokain“, erklärt ein Fischhändler aus Hongkong. „Für einen einzigen Napoleon-Lippfisch bekommt man 300 Dollar. Für all die Kutter aus China, Hongkong, Taiwan und den Philippinen mit ihren Zyanidfässern bedeutet das ein Riesengeschäft. Es geht um sehr viel Geld, und das zieht auch üble Typen an.“

Für die Korallenbänke hat die Blausäure, die den Lebendfang der Fische ermöglicht, eine fatale Wirkung: Sie sterben ab. Ein tüchtiger Zyanidsprüher nebelt täglich 50 Korallenköpfe ein, und das an 225 Tagen pro Jahr. Auf den Philippinen, dem Land, das als erstes mit dem Zyanidfischen begonnen hat, finden sich inzwischen ganze Küstenabschnitte mit abgestorbenen Korallenriffs. Dreitausend Fischer verseuchen dort jährlich mehrere Millionen Korallenköpfe.

Die Zerstörung ihres natürlichen Lebensraums hat für die Fischbestände einen drastischen Rückgang gebracht, der die täglichen Fangerträge der philippinischen Kleinfischer um die Hälfte schrumpfen ließ.

Der Zyanidgebrauch fordert aber auch Todesopfer unter den Menschen: Einheimische etwa, die Fische gegessen haben, die in einem ehemaligen Blausäurebehälter transportiert wurden oder Fischer, die durch eine Giftwolke geschwommen sind oder Taucher mit mangelhafter Ausrüstung.

Selbst jene Fische, die es bis in ein Aquarium schaffen, verenden oft kurze Zeit später. In manchen Zoogeschäften werden tropische Fische, die mit Zyanid gefangen wurden, nicht gefüttert – ihre inneren Organe sind zu gechädigt, als dass sie die Nahrung überhaupt verdauen könnten.

Um der tödlichen Praktik ein Ende zu bereiten, wird von den Umweltschutzorganisationen den Konsumenten empfohlen, sich genauestens zu informieren, woher die tropischen Fische stammen. Darüberhinaus sind die staatlichen Einfuhrbehörden aufgefordert, bei Lebendfisch-Importen häufigere Untersuchungen auf ihren Zyanidgehalt vorzunehmen. Aufklärungskampagnen bei den einheimischen Fischern über die Gefahren der Blausäure scheinen ebenfalls einen ersten Erfolg zu zeitigen. So haben sich einige Filipino-Dörfer zusammengetan, um ihre Korallenbänke vor einer weiteren Verseuchung zu schützen und festgestellt, dass sich nach einigen Jahren wieder junge Korallen ansiedeln und auch die Fische wieder verstärkt zurückkehren – ein kräftiges und farbenfrohes Lebenszeichen als Hoffnungsschimmer auf den totenbleichen Riffs.

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