Blick in die Ferne

Von Michaela Krimmer
Fernsehen in einem Slum in Mumbai.

Aktive Couch-Potatoes? Ein Widerspruch in sich. Doch selbst die Wissenschaft kommt davon ab, FernsehseherInnen ausschließlich als passive KonsumentInnen zu sehen. Beim Thema „Fernsehen global“ steht im Mittelpunkt, wie Menschen (weltweit) das Medium Fernsehen aktiv nutzen und (Fernseh)Inhalten unterschiedliche Bedeutung geben. Die ZuschauerInnenforschung steckt noch in den Kinderschuhen. Auffallend in der Fernsehlandschaft sind derzeit die vielen „glokalen“ Formate, die weltweit auf den Fernsehkanälen laufen. Millionenshow, Starmania oder Promi-Tanzwettbewerbe zum Beispiel werden weltweit verkauft und kopiert und an die marokkanischen, indischen oder argentinischen Verhältnisse angepasst und lokalisiert.

Trotzdem ist es schwer, sich der „Macht der Bilder“ ohne geschultes Bewusstsein zu entziehen. Gerade Kinder und Jugendliche in Ländern des globalen Südens sind gefährdet, sich beispielsweise nur noch mit westlichen „HeldInnen“ zu identifizieren – kommen doch viele Serien und Filme weiterhin aus der US-amerikanischen „Traumfabrik“. Medienbildung und -kompetenz werden deshalb immer wichtiger.

Fernsehen kann so vieles sein: Es kann hegemoniale Strukturen festigen und koloniale Verhältnisse ins Wanken bringen; Geschlechterrollen untermauern oder aufbrechen; Regime stützen, PolitikerInnen in die Hände spielen oder helfen, Despoten zu stürzen. Trotz all der Debatten, ob das Fernsehen nun Bildung oder doch Volksverblödung sei, darf man nicht vergessen, dass das Fernsehen noch immer vielen Menschen an der „Peripherie“ vor allem in Ländern des globalen Südens nicht zugänglich ist. Sie sind von öffentlichen Diskursen ausgeschlossen, ihnen bleibt der Blick in die Ferne verwehrt. Nicht umsonst begehen Menschen große Anstrengungen, um doch einmal einen Abend vor dem Fernsehen zu verbringen. Sie radeln viele Kilometer zum nächsten Dorf, um die nächste Folge der Simpsons zu sehen, sie werfen Dieselaggregate an, um die neuesten Nachrichten zu erfahren, sie nehmen Kredite auf für den Kauf eines Fernsehers, um täglich ihre Telenovela sehen zu können. Für viele Menschen weltweit bedeutet Fernsehen, ein Stück näher ins Zentrum der Welt zu rücken.

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