Blutige Nachrichten

Guatemala ist eines der gewalttätigsten Länder der Welt. Der „Notas Rojas“-Journalismus übernimmt eine zwiespältige Rolle in der Gewaltspirale des Landes.

Von Fritz Ofner
Durchschnittlich 16 Morde pro Tag verzeichnet Guatemala: Carlos Andrino berichtet meist live vom Ort des Geschehens.

Guatemala Stadt. Die Straße vor einer Kirche ist mit gelben Bändern abgesperrt, Einsatzwagen mit Blaulicht versperren den Weg, PassantInnen wollen einen Blick erhaschen. Ein TV-Reporter kommt mit seinem Kameramann an. Hinter den gelben Absperrungen arbeiten einige Polizisten an der Spurensicherung. Ein schwarzer Leichensack liegt am Boden, rundherum Blut.

Guatemala City gehört zu den Städten mit den höchsten Mordraten der Welt. An manchen Tagen sterben hier mehr Menschen eines gewaltsamen Todes als in Bagdad. Die Häuser der Altstadt wirken wie eine Ansammlung von Gefängnissen, alles ist verbarrikadiert hinter Schlössern, Gittern und Stacheldraht. Jeder, der es sich leisten kann, wohnt in abgeschirmten Nachbarschaften, die von bewaffneten privaten Sicherheitsfirmen bewacht werden. Die Gewaltschwelle ist niedrig und viele PassantInnen sind bewaffnet. So enden Überfälle oft in Schießereien.

Doch eine Industrie blüht und gedeiht in dieser Kultur der Gewalt: Die so genannten Notas Rojas, die „roten Nachrichten“, bestimmen hier die Medienwelt. Minuten nach dem Bekanntwerden eines Verbrechens eilen Übertragungswagen, JournalistInnen, Kameraleute und FotografInnen zum Ort des Verbrechens. Telenovelas werden von Liveschaltungen vom Ort des Verbrechens unterbrochen.

Inzwischen hat sich eine schaulustige Menge beim Tatort eingefunden. Der Reporter befragt den Zeugen des Mordes. „Um zwei Uhr morgens kamen die Maras, die Jugendbanden, und wollten Geld von uns.“ Der Reporter fragt weiter nach, aber der Mann will nichts Genaueres erzählen. Der Reporter stellt sich vor die Kirche und moderiert in die Kamera: „Soeben wurde im Zentrum der Zone 1 der Hauptstadt eine männliche Leiche aufgefunden. Laut Auskünften der Polizei wurde der Mann von einer Jugendbande ermordet. Für Noti7, Carlos Andrino“.

In Guatemala, einem Land mit zwölf Millionen EinwohnerInnen, werden durschnittlich 16 Menschen pro Tag ermordet, 97% aller Morde werden nicht aufgeklärt. Die Rolle des Fernsehens in dieser Gewaltspirale ist zwiespältig. Einerseits nehmen die Medien eine Zeugenrolle ein: Dieses Verbrechen wurde begangen. In einem Land mit nicht funktionierender Justiz ist die Berichterstattung der Medien oft das einzige Druckmittel der Angehörigen der Opfer, die Behörden zu Ermittlungen zu zwingen. Anderseits wird durch die Medien eine ständige Paranoia verstärkt, wonach die Gewalt allgegenwärtig und unausweichlich sei. Der Notas Rojas-Journalismus verbreitet das kollektive Unsicherheitsgefühl in alle Teile des Landes und wird damit zur Rechtfertigung der Repression durch die Polizei.

Sämtliche TV-Stationen des Landes sind im Besitz des mexikanischen Medien-Tycoons Carlos Slim, dem beste Beziehungen zur politischen Oligarchie des Landes nachgesagt werden. Die ständige Berichterstattung über Gewalttaten spielt den populistischen Rechtsparteien in die Hand, die sich für ein Durchgreifen mit „eiserner Hand“ gegen das Verbrechen aussprechen. Gewalt und Kriminalität waren bereits bei den letzten Präsidentschaftswahlen 2007 das Hauptthema im Wahlkampf und auch die bereits beginnenden Debatten zur bevorstehenden Präsidentschaftswahl im September sind von diesem Thema geprägt.

Die Wurzeln der Gewalt in Guatemala sind vielfältig, haben aber viel mit der Geschichte des Landes zu tun. Zwischen 1960 und 1996 tobte hier der blutigste Konflikt Lateinamerikas zwischen einer von den USA unterstützten Militärdiktatur und linken Guerillagruppen, die sich gegen koloniale Ausbeutung zur Wehr setzten. 1982 erreichte die Gewalt unter dem Militärpräsidenten Rios Montt ihren Höhepunkt. Hunderte Dörfer wurden im Zuge eines Genozids an der indigenen Bevölkerung dem Erdboden gleichgemacht. Mehr als 200.000 Menschen wurden massakriert. Der Krieg endete 1996 offiziell, doch die Gewaltrate ist heute höher als während des eigentlichen Konflikts.

Carlos Andrino ist der Star unter den Notas Rojas-JournalistInnen in Guatemala. Er arbeitet für die Nachrichtensendung Noti7 des größten privaten Fernsehnetzwerkes des Landes. Gemeinsam mit einem Kameramann und einem Übertragungstechniker ist er den ganzen Tag in einem Satellitenübertragungswagen in der Hauptstadt unterwegs, um live vom Ort des Verbrechens zu berichten. Seine Meinung zu der Gewalt: „Bei uns sind die Morde etwas Normales, etwas Alltägliches. Wenn die Leute einen Toten auf der Straße sehen, kommt es ihnen normal vor. Sie kommen mit ihren Kindern, um es sich anzusehen.“

Carlos hat sehr gute Verbindungen zu den PolizistInnen, SanitäterInnen und Feuerwehrleuten der Stadt. Passiert ein Verbrechen oder wird in der Straße eine Leiche gefunden, läutet wenige Minuten später Carlos´ Telefon und er rast mit Blaulicht zum Ort des Verbrechens. Und es gibt ständig etwas zu tun. Auch morgen wird Carlos Andrino wieder zu mehreren Morden gerufen werden: „Wenn man hier in Guatemala Journalismus studiert, weiß man, was auf einen zukommt. Wir berichten jeden Tag über drei oder vier Morde, nur hier in der Hauptstadt. Ein Tag ohne Tote ist ein langweiliger Tag.“

Fritz Ofner ist Dokumentarfilmschaffender und freier Journalist. Sein in Guatemala gedrehter Film „Evolution der Gewalt“ kommt ab Herbst 2011 in die österreichischen Kinos.

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