Bodos Kampf mit dem Öl

Nach wie vor spielt sich im Nigerdelta im Südosten Nigerias eine Umweltkatastrophe ab. Seit Jahren wird über die Verantwortung für die Öllecks und um Entschädigungen gestritten. Ein Lokalaugenschein in der Fischerstadt Bodo.

Von Katrin Gänsler
Cecilia Teela hat früher Schalentiere am Ufer von Bodo gesammelt. Seit 2008 ist der Küstenstreifen mit Öl bedeckt.

Das rote Schild warnt schon viele Kilometer vor Bodo: „Verseuchtes Gebiet, bitte fernbleiben“, heißt es darauf. Auf dem Weg in die kleine Fischerstadt, die eine gute Autostunde von der Großstadt Port Harcourt entfernt liegt, ist es längst nicht der einzige Warnhinweis. Die EinwohnerInnen von Bodo können darauf nur noch mit einem zynischen Lächeln reagieren. Seit Jahren müssen sie mit der verseuchten Erde und dem Wasser leben, das zu einer pechschwarzen, klebrigen Brühe geworden ist.

2008 kam es hier zur Ölkatastrophe: Über Wochen leckte laut Berichten der Menschenrechtsorganisation Amnesty International an zwei Stellen eine Pipeline des Ölmultis Shell. Täglich sickerten – so schätzte die NGO – zwischen 1.440 und 4.320 Barrel Öl (1 Barrel sind etwa 159 Liter; Anm, d. Red.) nach und nach in die Erde und die umliegenden Bäche und Flüsse. Shell hingegen spricht von insgesamt nur 1.640 Barrel Öl.

Die Gewässer in der Region gehören zu einem weit verzweigten, charakteristischen System – und sind umsäumt von Mangroven. Und Bodo ist kein Einzelfall. Immer wieder kommt es in Ogoniland, der Region um Bodo, zu größeren und kleineren Ölkatastrophen. In mindestens zehn Ortschaften Ogonilands sei das Trinkwasser durch Ölförderung und Lecks verseucht, so Amnesty International. Um die Auswirkungen kümmerte sich niemand – weder die Ölfirmen noch die nigerianische Regierung.

Sechs Jahre danach beeinflusst die Katastrophe in Bodo heute Mensch und Natur tagtäglich. Die 70.000-EinwohnerInnen-Stadt ist ein ruhiger Ort. Besonders in der Mittagshitze sind die paar Kneipen, Kirchen und Schulen, die an der Durchgangsstraße liegen, verlassen. Auch auf dem Markt im Zentrum bleibt die Kundschaft zu dieser Tageszeit aus. Das Angebot ist typisch für Nigeria: Gemüse, Fleisch, Eier, Maggi-Würfel, gebrauchte Kleidung, bunte Plastikschüsseln in allen Größen und natürlich Fisch, eines der Hauptnahrungsmittel.

Gerade in den ländlichen Regionen im Nigerdelta sind viele Männer bis heute Fischer – auf jeden Fall im Herzen.

Einer von ihnen ist Pii Vito, der am Ende des Dorfes am Anlegesteg wartet. Der grauhaarige Mann trägt ein weißes Polo-Shirt. Das Leibchen strahlt besonders weiß, ist das Ufer doch seit Ende 2008 mit einem pechschwarzen Ölfilm überzogen. Der Ölstreifen hat den Fischerort und auch das Leben von Pii Vito zum Stillstand gebracht.

Pii Vito deutet auf die schwarze Ölschicht unter seinen Füßen. Nicht nur rund um den Anlegesteg ist sie zu sehen, sondern auch an den Ufern auf der gegenüber liegenden Seite. „Damals hat es immer wieder Feuer gegeben“, erinnert sich Pii Vito. Und die Fische blieben plötzlich aus.

Er zählt die Fische auf, die er früher gefangen hat. Seine Liste ist lang. Doch es geht ihm nicht nur um das Ökosystem, das zerstört wurde, sondern vor allem um die Jobs. Wer hier nicht fischt, betreibt Landwirtschaft in kleinem Stil. Andere Jobs gibt es kaum. Dafür müsste man schon in Port Harcourt, der nächst gelegenen großen Stadt, arbeiten. Doch ohne Ausbildung und vor allem Kontakten zu den richtigen Personen ist auch dort die Arbeitssuche schwierig bis unmöglich.

Zu Öllecks kommt es überall im Nigerdelta. Dafür gibt es unterschiedliche Ursachen: Die EinwohnerInnen des Deltas beschuldigen, wie es westliche Medien auch gerne tun, die Ölfirmen und kritisieren, dass die Leitungen zu alt seien und nicht gewartet würden. Die multinationalen Firmen wiederum machen oft die AnrainerInnen verantwortlich und klagen über das illegale Anzapfen der Pipelines.

„Aus meiner Sicht haben die Anwohner überwiegend Recht“, sagt Inemo Samiama, Leiter der NGO Stakeholder Democracy Network (SDN) in Nigeria. Doch auch illegale Raffinerien, mit denen immer wieder Einheimische temporär an Flussarmen und gut versteckt durch Mangroven Pipelines anzapfen, tragen aus seiner Sicht dazu bei.

Ob Lecks durch Nachlässigkeiten der Konzerne oder durch illegales Anzapfen entstehen – Samiama nimmt auch die nigerianische Regierung in die Verantwortung: Ihr würde es nur darum gehen, möglichst große Gewinne einzustreichen. „Die Zerstörung der Natur, der Einnahmequellen der Bewohner und die Beeinträchtigung ihrer Gesundheit werden quasi als Kollateralschaden hingenommen“, kritisiert er.

Nigeria ist mittlerweile sechstgrößtes Erdöl-Förderland weltweit. Laut offiziellen Angaben werden täglich bis zu 2,5 Mio. Barrel gefördert. Das Einkommen des bevölkerungsreichsten Landes auf dem Kontinent hängt seit den ersten Funden im Jahr 1956 massiv vom schwarzen Gold ab.

Im August 2011 veröffentlichte des Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) eine 260 Seiten starke Studie zum Desaster im Ogoniland, inklusive der Öllecks in Bodo 2008. Das Ergebnis der 14-monatigen Untersuchung: 30 Jahre würde es dauern, bis der Boden wieder einigermaßen vom Öl gereinigt werden könnte. Dafür sei mindestens eine Milliarde US-Dollar nötig. Die Verfasser der Studie regten die Bildung eines Fonds an, in den Ölfirmen wie nigerianische Regierung gleichermaßen einzahlen.

Shell begann mit den BewohnerInnen über Kompensationszahlungen zu verhandeln. Die hatten – vertreten durch eine britische Anwaltsfirma – Klage vor einem Gericht in Großbritannien eingereicht. Passiert ist bis vor kurzem nichts.

„Trotz der Studie und des Verfahrens in England ist alles so geblieben“, sagt Pii Vito und klingt mehr resigniert als frustriert. Um noch irgendwo anders zu fischen, dafür fühlt er sich zu müde und zu alt. Er ist über 50 Jahre alt. Im Nigerdelta liegt die Lebenserwartung zwischen 45 und 49 Jahren.

Hoffnung setzen Pii Vito und die übrigen EinwohnerInnen in das Verfahren gegen Shell. Im Juni kam es zum Prozess-auftakt in London: Das Gericht sah die Verantwortung für die Öllecks bei Shell. Der Konzern reagierte in einer ersten Aussendung uneinsichtig und verwies auf illegal angezapfte Pipelines. Gleichzeitig wolle man sich um eine schnelle und gerechte Entschädigung bemühen. Shell, sagte Martyn Day, der britische Rechtsanwalt der EinwohnerInnen von Bodo, habe anschließend 35 Millionen Euro dafür angeboten. Das würde rund 1.300 Euro pro Person bedeuten. „Lachhaft“, so Day. Der Hauptprozess ist für das kommende Jahr geplant.

Katrin Gänsler ist Korrespondentin mehrerer deutschsprachiger Medien. Sie lebt in Lagos, -Nigeria und Cotonou, Benin.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen