Boko Haram in der Endlosschleife

Terror in Nigeria, SWM 4/12

Neue Angriffsziele: Ende April verübte Boko Haram einen Anschlag auf die Tageszeitung „This Day“.

Ein großer Flugzeugabsturz im Juni und der andauernde Terror der Boko Haram - Nigeria kommt nicht aus den internationalen Schlagzeilen.

Drei Tage lang hat Nigeria Anfang Juni Staatstrauer getragen, nachdem eine Maschine der Fluggesellschaft Dana Air im Anflug auf Lagos abgestürzt war. Alle 153 InsassInnen kamen ums Leben. Insgesamt sollen mehr als 200 Menschen gestorben sein, als die McDonnell Douglas MD-83 in das dicht besiedelte Wohngebiet Iju in der Nähe des Flughafens krachte. ZynikerInnen sagen, dass das zweifellos verheerende Unglück für kurze Zeit von Nigerias eigentlichem Problem abgelenkt hat: Alleine in den ersten sechs Monaten dieses Jahres sind mindestens doppelt so viele Menschen durch die Anschläge der islamistischen Sekte Boko Haram (Bedeutung: Westliche Bildung ist Sünde) ums Leben gekommen – wahrscheinlich waren es sogar mehr. Eine Statistik führt niemand mehr darüber. Emmanuel Onwubiko, Chef der Organisation „Journalisten und Schriftsteller für Menschenrechte“, sagt deshalb: „Eigentlich müsste Nigeria ständig Staatstrauer tragen.“ Denn im Moment vergeht kein Sonntag – und auch kaum ein Freitag – ohne neuen Anschlag der Terrorgruppe. Besonders ins Visier geraten sind neben dem Bundesstaat Borno nun Bauchi, Kano und Plateau. Mitte Juni sprengte sich dort ein Selbstmordattentäter vor einer Kirche in die Luft, die anschließend teilweise einstürzte. Mindestens sieben Menschen kamen ums Leben. 40 sollen verletzt worden sein. Zwei Tage vorher war das Polizeihauptquartier von Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaates Borno, Terrorziel geworden.

Eine neue Dimension hatte indes der Anschlag auf die Tageszeitung „This Day“ in Abuja Ende April. Medien waren bisher nicht in den Fokus der Gruppe geraten, im Gegenteil: Immer wieder riefen sogenannte Boko-Haram-Sprecher JournalistInnen an und wollten ihnen Informationen und Bekennerschreiben zukommen lassen. Glaubt man einem Tags darauf geführten Interview mit dem vermeintlichen Sprecher der Sekte, dann müsste der Anschlag die Rache auf einen im Jahr 2002 erschienen Artikel sein. Damals schrieb eine junge Journalistin während der Wahl zur Miss World, die in Nigeria stattfinden sollte, vielleicht hätte sogar Prophet Mohammed eine der Teilnehmerinnen zur Frau genommen. Eine nie da gewesene Beleidigung. Im Norden folgten schwere Unruhen, bei denen hunderte Menschen starben. Besteht dieser Zusammenhang tatsächlich, dann heißt das auch: Boko Haram vergisst nicht und ist tatsächlich bereit, überall zuzuschlagen – schnell, effektiv und Aufsehen erregend. Genau davor scheint der Staat seine Bevölkerung weniger denn je schützen zu können. Straßensperren und Kontrollen haben zwar weiter zugenommen, doch führen sie meist nur zu mehr Staus und Unmut in der Bevölkerung. Denn sicherer fühlt sich niemand. Dazu trägt wohl auch Präsident Goodluck Jonathan selbst bei, dessen erstes Amtsjahr in der Bilanz ausgesprochen düster ausfällt. Fast gebetsmühlenartig wiederholt er nun seit Monaten, man würde alles tun, um den Boko-Haram-Terror zu bekämpfen. Doch das hört sich mittlerweile nur noch nach Floskel und nicht mehr nach der Ansage eines starken Präsidenten an. Viele NigerianerInnen dürften deshalb das Vertrauen in ihn längst verloren haben.
Katrin Gänsler

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