Bolivien in Thalgau

Von Hans Eder ·

Bei einer „Bildungswoche“ im salzburgischen Thalgau standen Bolivien, die Agenda 21 und die nachhaltige Entwicklung im Mittelpunkt der Veranstaltungen und Debatten.

Der Agenda 21-Prozess ist in Österreich ins Stocken geraten, noch bevor er richtig initiiert worden ist. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie reichen von der allgemein verbreiteten politischen Perspektivenlosigkeit über die häufige Unkenntnis, was denn mit der Agenda 21 gemeint sei. Dass es aber auch ein „anderes Österreich“ gibt, beweisen die vielen Klimabündnis-Gemeinden (meist allerdings mit einer starken Akzentuierung auf den Umwelt- und Nahbereich) und konsequente Nord-Süd-Intitiativen einiger weniger Gemeinden. Und dazu zählt zweifellos die Gemeinde Thalgau im östlichen Flachgau Salzburgs.

Was im Rahmen der Bildungswoche des Salzburger Bildungwerkes zusammen mit der Eine-Welt-Gruppe Thalgau und mit INTERSOL in den letzten Wochen versucht und durchgezogen wurde, ist in der Tat überzeugend und bahnbrechend. Denn bisher gibt es kaum eine Gemeinde, die die offiziellen Bildungswochen der Kommune unter den Gesichtspunkt des Nord-Süd-Bezuges gestellt hat und die versucht, die Gemeindeentwicklung mit dem Aspekt der Nord-Süd-Solidarität zu verknüpfen.

Um eine objektive Grundlage zu erhalten über die bisherige Gemeindepolitik und die Perspektiven für eine „sinnvoll und nachhaltige Entwicklung“, wurde von der Eine-Welt-Gruppe eine umfangreiche Befragung durchgeführt. Es zeigte sich dabei unter anderem, dass es sehr wohl das Potential für eine kohärente Politik zwischen Entwicklung und Umwelt einerseits sowie dem Nah- und Fernbereich andererseits gibt. So optierten die ThalgauerInnen überdurchschnittlich stark für Müllvermeidung beim Einkauf, Förderung alternativer Energiequellen, keine Verwendung von gentechnisch verändertem Saatgut, Einsatz von Nützlingen statt Pestiziden; Verwendung natürlicher Baumaterialien; Förderung der Nahversorgung und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Gemeinden in Entwicklungsländern.

Dass sich die Eine-Welt-Gruppe so intensiv mit der Innen- und Außendimension der Gemeinde auseinandergesetzt hat, beeindruckte nicht nur die zahlreichen BesucherInnen, sondern auch die PodiumsteilnehmerInnen zur Agenda 21 und die OrtspolitikerInnen bei einer Veranstaltung am 7. Juni. Es zeigte sich aber auch, dass es noch keinen Konsens über die zukünftige Prioritätensetzung gibt. Zu unterschiedlich sind (noch) die politischen Zugänge und die Perspektiven. Und mehrere versuchen, aus den Resultaten der Befragung politisches Kleingeld herauszuschlagen anstatt die vielen Anregungen als Basis für ein konzertierten politisches Programm zu verstehen. Es wird sich erst zeigen, ob eine „Institutionalisierung“ des Agenda-Prozesses auf Gemeindeebene möglich ist, etwa durch Behandeln der Vorschläge bei der nächsten Gemeinderatssitzung.

Ein wichtiger Anknüpfungspunkt für die Bildungswoche war der Thalgauer Zinnoxid-Fabrikant Nicolaus Gärtner, der Ende des vorigen Jahrhunderts in seinem florierenden Betrieb unter anderem Zinnerz aus Bolivien verarbeitete. Dieser historische Kontext gab Anlass für eine intensive Erörterung der Geschichte des Bergbaus in Bolivien, die man mit der Erkenntnis der Minenarbeiter zusammenfassen kann, „dass unser Reichtum immer unsere Armut hervorgebracht“ (hat). Sehr aufschlussreich waren die Ausführungen von Isaac Meneses Guzman, dem Vorsitzenden einer Kooperative aus Oruro. Er schilderte ebenso sachlich wie emotionell den Überlebenskampf der Kleinbetriebe, die sich nach der Zerschlagung des staatlichen Bergbaus und der Einführung der neoliberalen „Neuen Wirtschaftspolitik“ gebildet haben.

Meneses G. und Orlando Acosta, ein bolivianischer Anthropologe, bezeugten, dass die von den Eine-Welt-Gruppen Thalgau und St.Johann/Pongau in Zusammenarbeit mit INTERSOL seit sieben Jahren praktizierte Kooperation wichtig und erfolgreich war. So konnten zum Beispiel Kooperativen erfolgreich Explorationen durchführen, für die keine herkömmliche Nichtregierungsorganisation Geld zur Verfügung stellte. Kleine Unterstützungen gibt es nämlich erst dann, wenn die Mineros nachweisen können, dass sie auf Erzadern gestossen sind. Mitunter erfordert das über ein Jahr Vorarbeit.

Der Autor ist Leiter von INTERSOL, dem „Verein zur Förderung internationaler Solidarität“, und des Instituts für internationale Solidarität des Salzburger Bildungswerkes.

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