Boom mit Schönheitsfehlern

Brasiliens Zuckerbranche ist hochmodern und archaisch zugleich. Auch während der Regierung Lula hat sich da wenig geändert. Während fast rechtlose WanderarbeiterInnen bis zum Umfallen schuften müssen, produzieren die Zuckerbarone für die Fahrzeuggeneration der Zukunft.

Von Gerhard Dilger
Zufrieden lehnt sich Cícero Junqueira zurück: „Die Liberalisierung des EU-Zuckermarktes ist für uns eine hervorragende Nachricht“, sagt der 74-jährige Direktor der Zucker- und Alkoholfabrik Vale do Rosário. Das Werk liegt fünf Autostunden nordwestlich von São Paulo und ist eines der größten seiner Art in Brasilien. Rund um die Uhr werden hier Rohrzucker und Ethanol hergestellt. Lastwagen voller frisch geerntetem Zuckerrohr stehen Schlange vor der Anlage, in der die Stauden zermalmt werden. Durch die imposanten Fabrikshallen, durch die hin und wieder plastikbehelmte Angestellte gehen, weht ein etwas strenger süßlicher Geruch. Es dampft und qualmt an allen Ecken und Enden. Dicke Stahlrohre durchziehen das Gelände.
Der konzentrierte Zuckerrohrsaft wird entweder zur Zuckerfabrik oder in Fermentierbottiche geleitet, der ersten Etappe auf dem Prozess zur Alkoholdestillierung. Die jeweiligen Mengen richten sich nach den Preisen. „Wir haben immer die Trends auf den Märkten im Blick“, erläutert Junqueira. Ein beträchtlicher Teil der Produktion wird bereits vorab verkauft.
Mit dem „Proálcool“-Programm wollten Brasiliens Militärs das Land im Gefolge des ersten Erdölschocks Anfang der 1970er Jahre energiepolitisch autark machen. Milliardenschwere Subventionen flossen in die Zucker- und Automobilbranche. Mit einer Jahresproduktion von rund 26 Millionen Tonnen Zucker ist Brasilien heute klarer Weltmarktführer. Auch die Nachfrage nach Biosprit boomt: Bis 2013 werde Brasilien seine Ethanolproduktion von derzeit fast 17 Milliarden Liter jährlich mehr als verdoppeln, sagen Analysten voraus. Die Zuckerproduktion dürfte bis dahin bei 40 Millionen Tonnen jährlich liegen.
Mittlerweile haben drei Viertel der neu zugelassenen Autos in Brasilien so genannte Flex-Fuel-Motoren, die mit Benzin oder Alkohol betrieben werden können – oder einer beliebigen Mischung von beiden.

Kritiker sehen das brasilianische Agrobusiness als Fortsetzung der kolonialen Plantagenwirtschaft, die vom Import von Millionen afrikanischer SklavInnen abhängig war. So zum Beispiel Edivar Lavratti von der Landlosenbewegung MST aus dem Regionalzentrum Ribeirão Preto: „Wie vor 500 Jahren bauen wir das an, was im Interesse der Metropolen liegt“, sagt der Aktivist. Durch die Monokulturen werde die fruchtbare rote Erde regelrecht vergeudet. In dem unterirdischen Süßwasserreservoir Aquífero Guarani seien bereits Schwermetalle nachgewiesen worden, Restbestände des übermäßigen Kunstdünger- und Pestizideinsatzes auf den Riesenfeldern.
Seit dem Jahr 2000 versuchen die Landlosen diesem „Raubbaumodell“ etwas entgegenzusetzen: In der näheren Umgebung von Ribeirão Preto haben sie auf zwei Ländereien, die sie erstritten haben, Siedlungen gegründet. Hunderte Kleinbauernfamilien bauen jetzt Bioobst und -gemüse an, manch einer der Neusiedler war früher Zuckerrohrschneider.
„Wir sind nicht das brasilianische Kalifornien, wie es immer heißt“, findet auch Staatsanwalt Marcelo Goulart. Der Zuckerrohranbau trage zur Waldzerstörung und zur Verminderung der Artenvielfalt bei, sagt Goulart. Aber das gravierendste Problem sei der Einsatz von Feuer bei der Ernte: „Am späten Nachmittag gibt es im Bundesstaat tausende Feuerstellen, die giftige Gase in die Atmosphäre ausstoßen.“ Deswegen hätten in der Region die Atemkrankheiten drastisch zugenommen, vor allem bei Kindern und älteren Menschen. Unmittelbar vor der manuellen Ernte werden die Felder angezündet, damit die Stauden von dem lästigen Blattwerk befreit werden. Beim Einsatz von Erntemaschinen stellt sich das Problem nicht. Doch viele Unternehmer sperren sich gegen eine aufgezwungene Mechanisierung, weil die Zuckerrohrschneider billiger sind.

„Wir haben es mit einem Wirtschaftsmodell zu tun, das den Landbesitz, den Reichtum und die politische Macht konzentriert“, sagt der Staatsanwalt. „Technisch ist die Zuckerindustrie auf dem neusten Stand, sozial ist sie genauso rückständig wie im Nordosten.“ Kleinbauern und -bäuerinnen oder mittelständische UnternehmerInnen könnten bei den Dimensionen und den erforderlichen Investionen gar nicht mithalten, deswegen würden sie von den Großen geschluckt oder verdrängt: „Entweder sie verkaufen ihr Land oder sie unterwerfen sich Pachtverträgen zu ungünstigen Konditionen.“ Doch der schlimmsten Ausbeutung seien die ZuckerrohrarbeiterInnen ausgesetzt.
Es sind Männer wie Francisco Cardoso, der in Guariba, einer Kleinstadt westlich von Ribeirão Preto, müde seine Beine ausstreckt. Nach einem langen Arbeitstag sitzt der drahtige Mann in der Wohnküche der 20-Quadratmeter-Wohnung, die er mit seiner Frau, einer dreijährigen Tochter und seinem Bruder teilt. Im Fernsehen läuft ein Fußballspiel. „Morgen geht es wieder aufs Feld“, sagt der 31-Jährige. Auf fünf Tage Plackerei folgt ein Ruhetag.
Auch wenn die Mechanisierung der Zuckerrohrernte langsam voranschreitet: Immer noch schuften allein auf den Feldern São Paulos Jahr für Jahr 300.000 Männer und Frauen. Über zwei Drittel von ihnen sind Wanderarbeiter – wie Francisco und sein Bruder. „Es ist meine sechste Ernte“, erzählt er. Wie viele seiner NachbarInnen stammt er aus dem nordostbrasilianischen Bundesstaat Maranhão, wo die Armut auf dem Lande besonders groß ist. Acht Monate lang schneidet er Zuckerrohr und verdient damit monatlich umgerechnet 250, manchmal auch 300 Euro – je nach geernteter Menge.

Die beiden Brüder stehen zwischen drei und vier Uhr morgens auf. Um fünf Uhr, wenn es noch dunkel ist, steigen sie in den Bus, der sie nach einer langen Fahrt zu ihrem Einsatzort bringt. Bis drei Uhr dauert die Akkordarbeit, eine Stunde Mittagspause inklusive. „Die Zuckerrohrschneider müssen ausdauernd sein wie Langstreckenläufer“, sagt der Ökonom Francisco Alves. „Heute ernten sie im Schnitt zwölf Tonnen Zuckerrohr am Tag – doppelt so viel wie vor 20 Jahren. Bei der Arbeit unter brennender Sonne, bei der sie um die 10.000 Machetenhiebe ausführen, verlieren sie bis zu acht Liter Wasser am Tag.“
Francisco Cardoso klagt über Rückenschmerzen. „Ich habe einmal miterlebt, wie mein Schwager erschöpft zusammengebrochen ist“, berichtet er. „Er wäre fast umgekommen.“ Er selbst möchte sich nach einer weiteren, der letzten Erntesaison seinen großen Lebenstraum erfüllen: mit dem Ersparten in der Heimat „ein Häuschen bauen und einen kleinen Laden eröffnen“. Auch nach sechs Jahren ist er im brasilianischen Südwesten nicht heimisch geworden. In Guariba lebt er, um zu arbeiten.
„Die Leute aus Maranhão wissen sich kaum zu wehren“, sagt Schwester Inês Facioli von der katholischen Wanderarbeiter-Pastoral. Seit gut 20 Jahren kümmert sie sich mit Gemeindepriester Antonio Garcia um die Arbeitsnomaden und klärt sie über ihre Rechte auf.

Zusammen mit engagierten BeamtInnen wie Staatsanwalt Goulart, MenschenrechtlerInnen, GewerkschafterInnen und Umweltgruppen haben die Basischristen handfeste Erfolge erzielt. Die Kinderarbeit ist auf den Plantagen mittlerweile abgeschafft. Die Arbeiter werden nun mit Bussen statt mit Lastwagen auf die Felder gefahren. Es gibt weniger Verstöße gegen die Arbeitsgesetze. Dennoch habe sich die Ausbeutung verschärft, betont Padre Garcia. „Allein 2005 sind in unserem Bundestaat mindestens zwölf Zuckerrohrschneider an Herzinfarkt gestorben.“
Das ist die offizielle Zahl, die Dunkelziffer liegt weitaus höher. Doch kein Gericht stellt fest, was für Garcia und andere offensichtlich ist: dass diese Todesfälle mit der systematischen Überanstrengung der Wanderarbeiter zusammenhängen. Hinzu kommt ein namenloses Heer von Arbeitern, die dauerhafte Gesundheitsschäden mit nach Hause nehmen.
„Unter sozialen und ökologischen Gesichtspunkten ist das Wirtschaftsmodell in unserer Region eine Katastrophe“, lautet das Fazit von Staatsanwalt Goulart. „Langfristig ist die einzig vernünftige Perspektive eine Agrarreform, die mit einer Ausweitung des Biolandbaus einhergeht.“

Gerhard Dilger lebt und arbeitet seit 1999 als freier Journalist in Brasilien. Er ist Korrespondent der Berliner ?taz? und anderer deutschsprachiger Medien.

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