Brennpunkt Melilla

Von Jan Marot ·

Melillas EU-Außengrenze umgibt ein dreifacher Schutzwall. Sieben Meter hoch, soll er Spaniens Afrika-Enklave am Fuße von Marokkos Rifgebirge gegen illegale ImmigrantInnen schützen. Diese warten auf ihre Chance und wagen immer öfter lebensgefährliche Schwimmversuche entlang der Küste.

Während die Welt den Jahrestag des Berliner Mauerfalls feierte, wurden die Schutzbauten um Spaniens Bollwerke gegen Afrika ausgebaut. Über zwölf Kilometer in Melilla, acht Kilometer in Ceuta, zieht sich der Grenzwall, einer eisernen Schlange gleich. Spaniens Afrika-Enklaven Ceuta, an der Straße von Gibraltar, und Melilla, knapp 130 Kilometer westlich der seit 1992 geschlossenen Grenze Marokkos zu Algerien, haben sich innerhalb einer Dekade zu Brennpunkten der Migration nach Europa entwickelt. Der Grenzschutz „wachse mit den Bedürfnissen“, sagt der auf seine Anonymität beharrende Oberstleutnant der Guardia Civil, die für die Bewachung der Grenze Melillas verantwortlich ist: „Vor etwas mehr als zehn Jahren war hier nicht einmal ein Zaun. Stellen Sie sich das vor!“

„Der Wall“: Bestehend aus drei Zäunen und so „konzipiert“, dass „keiner beim Überschreiten verletzt würde“, betont man seitens der spanischen Guardia Civil. Zuerst wurde 1999 ein drei Meter hoher Zaun aufgezogen. Es folgten Wachtürme und sukzessive entstand das, was ImmigrantInnen heutzutage stoppen soll: Ein Radar spürt Bewegungen am Grenzwall auf. Starke Scheinwerfer werden aktiviert, um die sich des Nachts nähernden Menschen zu blenden. Mit rasiermesserscharfen Klingen gespickter NATO-Draht säumt die unteren Meter des ersten Zauns, der heute mittlerweile auf sieben Meter gewachsen ist. 20 Millionen Euro kostete der Ausbau bis 2007.

Ein Kippmechanismus am höchsten Punkt des Zaunes – sollte man diesen erreichen – sorgt für den Sturz zurück ins Niemandsland. Etwas Bewegung am Zaun genügt, dass Sensoren Alarm auslösen. Überwindet jemand die erste Hürde, folgt der Fall in ein „Spinnennetz“ aus Stahldraht, in dem man sich verheddert. Ohne fremde Hilfe könne man sich nicht daraus befreien, ist der Wachbeamte überzeugt. Wenn es trotzdem gelänge, versperren Zäune zu fünf und drei Metern den weiteren Weg. Kameras haben die Grenze stets im Visier. Rund 600 Beamte der Guardia Civil und ebenso viele der Polizei arbeiten in Melilla. Es fehle ein Infrarot-System, für die Nachtstunden. Die installierten Tränengas-Einrichtungen hätten bislang keinen Einsatz gefunden. Der Wall wäre jedoch auch so „unbezwingbar“, sagt der Oberstleutnant. Das Budget für die Überwachung pro Jahr könne er nicht preisgeben, nur soviel: „Sicher nicht wenig.“

Manche bezwingen den Wall aber doch: Während der Fußball-Europameisterschaft 2008 sah eine mehr als 60-köpfige Gruppe in Ceuta ihre Chance. Während des Elfmeterschießens zwischen Italien und Spanien setzten sie zum Sturm auf den Zaun an. Die Hälfte erreichte ihr Ziel, die andere das Centro de Estancia Temporal de Inmigrantes, kurz CETI, wie die Auffanglager der Afrika-Enklaven heißen.

Im Frühjahr 2009 brachten Überschwemmungen nach Regenfällen die Grenzbefestigungen Melillas zum Einsturz. Über 40 Menschen drangen durch die beschädigten Stellen in ein vermeintlich besseres Leben ein. Auf beiden Seiten gab es Verletzte zu beklagen. Die Konsequenz: Selbst die Durchflussschleusen des in Melilla mündenden Rio de Oro wurden nun auf Höhe des Walls mit Stahlgittern verkleidet. Sie werden bei starkem Regen, sollte etwa Müll anschwemmt werden, fern bedient geöffnet und prompt wieder geschlossen.

Den MigrantInnen die – wortwörtlich – den Sprung nach Europa geschafft haben, bleiben Narben an den Händen vom NATO-Draht. Doch für viele Schicksalsgenossen endete der Versuch tödlich. Im vergangenen Herbst fand ein Benefiz-Fußballspiel für die Hinterbliebenen eines jungen Senegalesen statt, der im März 2009 am Wall Ceutas tot aufgefunden wurde. Die Migranten siegten gegen eine Auswahl der Guardia Civil 5:1. Die geplante Revanche soll mehr Spenden bringen.

Tragischer Höhepunkt der Gewalt war 2005: Binnen weniger Herbsttage starben bei Massenanstürmen in Melilla und Ceuta elf Migranten durch Schüsse, drei weitere verloren ihr Leben durch die am Wall erlittenen schweren Verletzungen. Spanien stritt die Verantwortung ab. Auf der anderen Seite des Niemandslandes, in Marokko, wo laut dem Guardia-Civil-Oberstleutnant „übel mit Migranten und Migrantinnen umgegangen werde“, würden die mitunter tödlichen Schüsse fallen. Wie in der Nacht des Jahreswechsels auf 2009, als rund 80 Migranten zum Sturm auf Melillas Wall ansetzten. Ein weiterer junger Mann wurde dabei erschossen. Erst Ende November 2009 versuchten 15 Migranten es erneut, zehn wurden von marokkanischen Polizeikräften festgenommen. Nur wenige Frauen versuchen den Ansturm, wie drei im September 2008. Die Todesopfer am Wall waren alle männlich. Doch allein zum Zaun vorzudringen, ist so gut wie unmöglich: In Marokko steht alle 500 Meter entlang des Walls ein Wachzelt.

Politische Zerwürfnisse der Regierungen des spanischen Präsidenten José Luis Rodríguez Zapatero und des marokkanischen Königs Mohammed VI. hätten keinen Einfluss auf das gewachsene gute Verhältnis der Grenzwachen Marokkos und Melillas miteinander. „Man verstehe sich“, sagt der Guardia-Civil-Oberstleutnant. So erreicht ein Funkspruch den Beamten: „Ein Mann hat sich auf marokkanischer Seite das Bein gebrochen.“ Man werde ihn in ein spanisches Spital bringen, auf seinen eigenen Willen. Hier sei die Versorgung besser und für MigrantInnen kostenlos.

„In den Wäldern“, der Oberstleutnant deutet auf die andere Seite, „warten und leben sie.“ Er blickt nachdenklich auf den Grenzwall, der an der steil abfallenden Klippe endet, unter der in dreißig Metern das Meer liegt. „Es wird sich nicht bessern, solange Menschen in ihrer Heimat an Hunger sterben. Es ist eine Schande, die eine politische Lösung verlangt.“

Die augenscheinliche Nähe des Ziels verleitet zu fatalen Selbstüberschätzungen. MigrantInnen versuchen immer öfter mit selbst gebastelten Schwimmhilfen und -westen, Luftmatratzen oder Billig-Schlauchbooten, im Idealfall gar mit Neopren-Tauchanzügen bekleidet, im Meer die Küste entlang zu treiben, um sich in den Enklaven an Land zu ziehen. Sechs Migranten hat die Küstenwache am vergangenen 28. Dezember in „fortgeschrittenem Stadium der Unterkühlung“ abseits von Ceuta aus einem Boot gerettet.

„Die meisten Menschen aus den Subsaharastaaten können nicht schwimmen“, sagen die Zivilgardisten. Auch José, Guardia-Civil-Wachmann, der am Turm der alten Festung Melillas Ausschau nach Flüchtlingen zur See hält: „Gestern haben sie eine Leiche dort drüben aus dem Meer geborgen“, sagt er. Wer „ohne Papiere“ beim Versuch, die „Festung Europa“ schwimmend zu erreichen oder den Wall zu stürmen, stirbt, dem bleibt einzig ein namenloses Grab am hiesigen Friedhof, dem Cementerio de la Purísima.

Im Dezember berichtete die Lokalzeitung Melilla Hoy, dass ein junger Nigerianer, unter doppeltem Boden, eingepfercht neben dem Tank eines Autos am Grenzübergang entdeckt wurde. „Viele kommen über das Meer. Oder in Autos versteckt und in Lastwägen. Sie versuchen es immer und immer wieder, bis es ihnen gelingt, diese Grenze zu überwinden“, sagt Isabel Torrente, Koordinatorin der seit 15 Jahren in Melilla und in Andalusien arbeitenden Nichtregierungsorganisation Melilla Acoge. Im lokalen Lager, dem CETI, werden viele beherbergt, die es über den Wall geschafft haben. Zu „Zeiten des Massenansturms“ um 2004/2005 lebten dort knapp 600 Menschen. Das Lager quoll aus allen Nähten. Nun sind rund 350 dort untergebracht. „Manche über Jahre“, wie Torrente betont: „Sie kommen nicht weiter auf die spanische Halbinsel.“ Ihre Grundbedürfnisse würden hier zwar gestillt, wie Gesundheitsversorgung, Ernährung, Unterkunft. Doch psychologisch wäre ihre Situation miserabel, sagt Torrente: „Es ist, als wären sie frei in der Stadt, aber doch irgendwie Gefangene. Ihr Weg, ihr Ziel, die Mittel, die ihnen ihre Familien bereitgestellt haben, ihre Anstrengungen, auch ökonomischer Art, all das, das war umsonst.“ Ihre Chance auf legalen Aufenthaltsstatus sei mehr als gering. Den meisten winkt die Rücküberstellung in ihre Heimatländer, „von wo aus sie zu ihrer Odyssee aufgebrochen sind“. „Darunter auch vielen Frauen, die im CETI leben, mit ihren Kindern, die im Lager auf die Welt gebracht wurden“, sagt Torrente, die betont: „Viele Frauen auf der Flucht sind schwanger.“ Doch auch Torrente ist überzeugt, dass der Wall „unverzichtbar“ sei. Man müsse „den Zustrom bremsen“.

In Melilla existiere ein „Zusammenleben“, sagt Torrente. „Nicht mehr und nicht weniger.“ Als MigrantInnen massenhaft die Stadt erreichten, war es die Bevölkerung, die Hilfe leistete, Nahrung und Kleidung bereitgestellt hatte. Nachdem sie in der Stadt keiner Arbeit nachgehen dürfen, verdienen sie sich mit dem Autoscheibenwaschen an Ampeln wenige Euro. „Die Migration ist eine Realität. Das kann man nicht stoppen“, ist die NGO-Leiterin überzeugt. Die Grenzen weiter südlich dichtzumachen, hält Torrente für kontraproduktiv, man „verschiebe das Problem“. Und außerdem: Man dürfe nicht vergessen, dass „das Spanien von heute, ohne andere Kulturen und ihre Einflüsse, nicht das wäre, was es heute ist. Dank all der Völker, die zu uns gekommen sind und der, die ankommen und jener, die noch ankommen werden“.

Jan Marot ist freier Journalist deutschsprachiger Tageszeitungen und Magazine für Spanien und den Maghreb. Er lebt in Granada (Spanien).

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