Brennpunkte

Von der Arktis bis zum Kaspischen Meer suchen hunderte kleine und große Unternehmen unerbittlich weiter nach Erdöl und Erdgas. Es ist ein romantisches, riskantes Geschäft mit hohen Kosten - nicht nur finanzieller Art: Den höchsten Preis zahlen traditionelle Gemeinschaften in den Explorationsgebieten und die Umwelt. An einigen Orten ist die Ölindustrie mit hartnäckigem Widerstand konfrontiert.

Alaska, USA

Bedeutende Unternehmen: Im wesentlichen BPAmoco (Großbritannien/USA). Sollte die Bush-Regierung die Öffnung des Arctic National Wildlife Refuge (ANWR) durchsetzen, werden aber alle großen Konzerne lautstark ihren Anteil am Kuchen fordern.

Projekt: In Alaska wird bereits in erheblichem Umfang nach Erdöl gesucht, insbesondere bei der Prudhoe Bay, 130 Kilometer westlich des ANWR an der Küste des Nordpolarmeers. Dort wurden mehr als 2.600 Quadratkilometer Tundra in ein wucherndes Industriegebiet verwandelt. Das ANWR ist ein naturbelassenes Schutzgebiet mit einer Fläche von 75.000 Quadratkilometern, das wegen seiner einzigartigen natürlichen Vielfalt manchmal die "amerikanische Serengeti" genannt wird. Die Erdöllobby in Washington drängt auf die Aufhebung eines 20-jährigen Moratoriums für Erdölbohrungen in der Region.*

Auswirkung: Die geplante Erdölexploration im ANWR stößt auf heftigen Widerstand von Umweltorganisationen und lokalen indigenen Völkern. Kein Wunder: Die Bilanz der Ölunternehmen in der Arktis ist nicht beeindruckend. Beim katastrophalen Exxon-Valdez-Tankerunfall 1989 strömten mehr als 40 Millionen Liter Öl ins Meer, und im selben Jahr wurden an der Nordküste Alaskas 1.314 Fälle von Umweltverschmutzung durch austretendes Erdöl verzeichnet. Nach Angaben der US Public Interest Research Group war BPAmoco zwischen Jänner 1997 und März 1998 für 104 derartige Erdölunfälle in der Region verantwortlich. Im Schutzgebiet leben neben einer der größten Karibuherden der Welt auch Grizzlybären, Polarbären, Ringelrobben, Wölfe, Moschusochsen und 135 Zugvögelarten. Das Volk der Gwich'in befürchtet die Vernichtung der Karibuherden und den Untergang seiner traditionellen Lebensweise.

Widerstand: Unter Führung des republikanischen Senators von Alaska, Frank Murkowski, macht die Bush-Regierung Druck auf eine rasche Öffnung des ANWR. Die demokratische Partei und US-Umweltschutzorganisationen sind gegen den Plan, und laut Umfragen haben sie dabei die Mehrheit der US-AmerikanerInnen hinter sich. Nach Schätzungen des US-Bundesamts für Geowissenschaften reichen die gesamten Reserven im ANWR lediglich aus, den gegenwärtigen Erdölbedarf der USA für sechs Monate zu decken.

Sudan

Bedeutende Unternehmen: Talisman Energy (Kanada), Petronas (die staatliche Erdölgesellschaft Malaysias), TotalFinaElf (Frankreich/Belgien), BPAmoco (Großbritannien/USA), Chinese National Petroleum Corporation, Lundin Oil (Schweden); u.a. auch die österreichische OMV.

Projekt: In der Erdölregion im Südsudan wird sowohl gefördert als auch nach Erdöl gesucht. Das größte Konsortium, die Greater Nile Operating Company (GNOC), hat dem brutalen Regime unter Präsident Omar Bashir in Khartum bereits Einkünfte von 500 Millionen US-Dollar verschafft.

Auswirkung: Nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen hat die Erdölförderung im Südsudan zur Vertreibung von 36.000 Menschen geführt, da die regierende National Islamic Front (NIF) versucht, aufständische, nicht-arabische Völker in der südlichen Hälfte des Landes aus dem Weg zu räumen. Im Jänner 2000 stellte eine von der kanadischen Regierung finanzierte Studie schwere Menschenrechtsverletzungen fest und kam zum Schluss, dass "Erdöl den Konflikt im Sudan verschärft". Gegen das afrikanische Land wurden bereits UNO-Sanktionen wegen Terrorismus und Menschenrechtsverletzungen verhängt. Der UNO-Menschenrechtsberichterstatter für den Sudan konstatierte "eine systematische Politik des Bombardements der Zivilbevölkerung". Präsident Bashir sagt, er werde die Erdöleinnahmen zum Ankauf der Waffen verwenden, die er braucht, um den Krieg zu gewinnen.

Widerstand: Die Unterstützung des blutigen Regimes im Sudan durch Erdölunternehmen wurde vielfach verurteilt. Die selbe Armee, die im gesamten Südsudan eine Politik der verbrannten Erde verfolgt, schützt auch die Pipelines und die Bohranlagen der Unternehmen. Talisman Energy ist in Kanada auf massive Kritik von Kirchen, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen gestoßen, hat es aber bisher abgelehnt, sich aus dem Sudan zurückzuziehen. Mit einer Geldspritze von 300 Millionen US-Dollar hat BP der staatlichen chinesischen Erdölgesellschaft die weitere Tätigkeit im Sudan ermöglicht (China ist zu 40 Prozent an der GNOC beteiligt). AktivistInnen drohen, BP-Tankstellen in Großbritannien zu boykottieren, und in den Niederlanden wurde kürzlich auf kirchliche Initiative eine Kampagne für den Rückzug der Erdölunternehmen aus dem Sudan gestartet.

Tschad und Kamerun

Bedeutende Unternehmen: ExxonMobil (USA), Chevron (USA), Shell (Großbritannien/Niederlande), Petronas (die staatliche Erdölgesellschaft Malaysias). Im Juni 2000 gab auch die Weltbank grünes Licht für eine Kofinanzierung in Höhe von 360 Millionen US-Dollar.

Projekt: Das Erdöl- und Pipelineprojekt im Tschad und in Kamerun umfasst mehr als 300 Ölbohrungen im Süden des Tschad und die Errichtung einer 1.050 Kilometer langen Pipeline an die Atlantikküste Kameruns. Die Gesamtinvestitionen betragen 3,7 Milliarden Dollar.

Auswirkung: Menschenrechtsgruppen in beiden Ländern warnen davor, dass das Projekt letztlich das repressive Regime im Tschad stärken wird. Die Erdölregion Doba im Tschad ist das traditionelle Zentrum der Rebellion gegen die Zentralregierung. Vom Staat unterstützte bewaffnete Truppen haben dort in den letzten Jahren Hunderte ZivilistInnen ermordet. Vergangenen November gab Staatschef Idriss Deby zu, ein Fünftel der ihm von ExxonMobil, Chevron und Petronas übergebenen "Prämie" von 25 Millionen Dollar zum Kauf von Waffen verwendet zu haben. Kamerun gilt weithin als eines der korruptesten Länder der Welt. Geldflüsse aus dem Ölgeschäft werden das Problem nur verschlimmern. Außerdem kreuzt die Pipeline einige der wichtigsten Flüsse Afrikas, und es besteht die Gefahr, dass Wilderer und illegale Holzfäller Zugang zum weitgehend naturbelassenen Küstenregenwald Kameruns erhalten.

Widerstand: Shell und Elf zogen sich 1999 nach massivem Druck von MenschenrechtsaktivistInnen aus dem Projekt zurück. Die Weltbank brachte den Tschad dazu, einen Plan zur Prüfung der Umweltverträglichkeit des Projekts anzunehmen. KritikerInnen meinen jedoch, dass keine der beiden Regierungen in der Lage wäre, die Auswirkungen des Projekts zu kontrollieren. Katholische und protestantische Kreise in Kamerun sind über die Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung und die Umwelt besorgt. Gegen die Pipeline hat sich auch die Menschenrechtsorganisation "Association for the Promotion and Defence of Human Rights" im Tschad ausgesprochen.

Sumatra, Indonesien

Bedeutende Unternehmen: ExxonMobil (USA), Chevron (USA), PT Arun (Indonesien).

Projekt: Aus der Provinz Aceh am nördlichen Zipfel von Sumatra stammen ein Drittel des indonesischen Erdöls und 40 Prozent der nationalen Produktion von Flüssig-Erdgas (LNG). Allein die Erdgasförderung von ExxonMobil verschafft Indonesien Einkünfte von zwei Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Auswirkung: Seit Anfang der 80er Jahre war Aceh das Zentrum einer militanten Unabhängigkeitsbewegung. NGOs in Indonesien werfen ExxonMobil vor, in den vergangenen 24 Jahren für den Schutz ihrer Anlagen Millionenbeträge an Polizei und Militär gezahlt zu haben. Für die "Bewegung zur Befreiung von Aceh" (GAM) trägt das Geld aus dem Erdölgeschäft dazu bei, die Zentralregierung in Java zu stärken und die Armee zu finanzieren, die bisher alle verfolgt hat, die unter Verdacht gerieten, die Unabhängigkeit zu unterstützen. Joko Darmono, der Energiebeauftragte der Regierung, räumte ein, dass die "Gewährleistung der Sicherheit die wichtigste Forderung des Managements von ExxonMobil ist". Der Konzern stellte vor einigen Monaten die gesamte LNG-Produktion ein.

Widerstand: Nach Angaben der Menschenrechtsgruppe Kontras in Sumatra gibt ExxonMobil bis zu 500.000 Dollar täglich für "Sicherheitszwecke" aus. Aufgrund der Abhängigkeit Indonesiens von Erdölexporten sind die Anlagen von ExxonMobil ein logisches Ziel für die Aceh-Rebellen. NGOs in Aceh beschuldigen die Armee, bei Razzien auf der Suche nach GAM-AnhängerInnen routinemäßig Zivilpersonen einzuschüchtern und zu misshandeln. Manchen Angaben zufolge werden bis zu 1.000 Soldaten direkt von ExxonMobil bezahlt. Nach dem Sturz Suhartos 1999 entdeckte der indonesische Menschenrechtsausschuss in der Nähe der Erdölfelder von Aceh zahlreiche Massengräber mit Hunderten Leichen.

Tibet

Bedeutende Unternehmen: BPAmoco (Großbritannien/USA), Enron (USA) und Agip (Italien) gemeinsam mit der staatlichen PetroChina.

Projekt: Die Sebei-Lanzhou-Pipeline wird Erdgas aus den Sebei-Erdgasfeldern im Tsaidam-Becken im Norden Tibets nach Lanzhou in Nordwestchina transportieren. Geschätzte Kosten: 580 Millionen US-Dollar.

Auswirkung: BPAmoco hat 580 Millionen Dollar in PetroChina investiert, die zum Teil für den Bau der Pipeline bestimmt sind, und weitere 2,5 Milliarden Dollar in Joint ventures mit der Chinese National Petroleum Corporation gesteckt. Trotz des jahrzehntelangen Widerstands tibetischer NationalistInnen betrachtet China Tibet als integralen Bestandteil seines Staatsgebiets. Die Ausweitung der wirtschaftlichen Aktivitäten ist eine Schlüsselstrategie zur Stärkung der chinesischen Herrschaft über Tibet.

Widerstand: Auf internationaler Ebene wächst der Widerstand von NGOs gegen Investitionen westlicher Unternehmen, die einer Stärkung der chinesischen Position in Tibet dienen, auch gegen die Sebei-Lanzhou-Pipeline. Peking zeigt sich unbeeindruckt. Nach offiziellen Angaben wurden seit 1989 bereits 20 Millionen Tonnen Erdöl aus dem Tsaidam-Becken gefördert, und die Produktion soll in den nächsten fünf Jahren drastisch gesteigert werden.

Nigeria

Bedeutende Unternehmen: Shell (Großbritannien/Niederlande), Chevron (USA), Texaco (USA), Agip (Italien), Nigeria National Oil Company sowie Dutzende kleinere, unabhängige Unternehmen.

Projekt: Nigeria ist der größte Erdölproduzent Afrikas. Ausländische Konzerne haben seit mehr als 40 Jahren im Nigerdelta Erdöl gefördert, weitgehend ohne sich um die Umweltkosten und sozialen Folgen ihrer Tätigkeit zu kümmern. Das Delta ist ein Labyrinth aus Pipelines und Förderpumpen. Chevron und Shell planen derzeit eine neue, 1.000 Kilometer lange Pipeline zum Transport von Erdgas aus dem Delta nach Benin, Togo und Ghana.

Auswirkung: Anfang der 90er Jahre schlossen sich Zehntausende Menschen in der Bewegung für das Überleben der Ogoni zusammen, um gegen die Verwüstung ihrer Heimat durch Shell und andere Erdölunternehmen zu protestieren. Als Shell mit der Einstellung der Förderung drohte, mobilisierte Staatschef General Sani Abacha die Armee, die brutal gegen die Deltabevölkerung vorging. Hunderte wurden gefoltert und eingesperrt. Trotz weltweiter Proteste ließ die Militärdiktatur 1995 den Ogoni-Führer Ken Saro-Wiwa und acht andere Aktivisten aufhängen. Die Feuchtgebiete und Flüsse der Region wurden vergiftet und die Fischereiindustrie zerstört, eine der Lebensgrundlagen der lokalen Bevölkerung. Heute haben Shell und andere Unternehmen die Förderung wieder aufgenommen, und wieder regt sich Widerstand vor Ort.

Widerstand: Im Nigerdelta kommt es nach wie vor zu sporadischen Protestaktionen. Vor einigen Monaten stoppten Angehörige des Ijaw-Volkes für einige Tage die Erdölförderung von Shell. Danach wurden neun Ijaw getötet, als sie versuchten, eine Offshore-Förderanlage von Agip stillzulegen. Sie wollten damit gegen das Versäumnis des Unternehmens protestieren, versprochene Projekte für lokale Gemeinschaften zu finanzieren. Laut Africa Human Rights Watch werden in der gesamten Region Protestaktionen nach wie vor gewaltsam unterdrückt, um die Erdölförderung durch ausländische Erdölkonzerne zu ermöglichen: "Auf Proteste der lokalen Bevölkerung reagieren die Sicherheitskräfte mit wahlloser Anwendung tödlicher Gewalt". Nigerianische NGOs wie die Environmental Rights Group kämpfen gegen die Ölkonzerne. Bis heute leben mehr als 1.000 Ogoni in Flüchtlingslagern in Nachbarländern.

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