Brisante Botschaft globaler Krisen

Die ungerechte Weltwirtschaft ist Ursache für Elend und Flucht.

Von Erhard Stackl
© Illustration: Thomas Kussin

Teils grinsend, teils ängstlich schauen neun zentralamerikanische Flüchtlinge aus dem Türspalt eines Güterwaggons. Sie halten ein Transparent, auf dem steht: „Wir sind Syrer. Nicht schießen.“ („Somos Sirios. No disparen.“)

Die Botschaft des Pressefotos aus Mexiko ist klar: Die SyrerInnen, die auf der Flucht vor Zerstörung und Tod daheim ihr Leben riskieren, finden zumindest bei einem Teil der EuropäerInnen und bei einigen – entscheidenden – PolitikerInnen Verständnis und Unterstützung. Bei den Tausenden AfrikanerInnen, die sich in überfüllten Booten aufs Mittelmeer wagen, um Hunger und Elend zu entkommen, ist das schon viel weniger der Fall. Ähnliche Schicksale erleben die Flüchtlinge aus Myanmar, die in Thailand rechtlos in Lagern vegetieren. Oder eben die Latinos und Latinas, die aus Zentralamerika flüchten, wo manche Regionen in Gewalt versinken. Unterwegs auf der lebensgefährlichen Route in die USA machen sie auf die weltumspannende Dimension des Problems aufmerksam.

Für MitteleuropäerInnen, die sich mit dem globalen Süden beschäftigen, ist daran nichts neu. Seit Jahren engagieren sich gar nicht so wenige Menschen in der Solidaritätsarbeit. Und so überrascht es eigentlich nicht, dass es solchen Gruppen, wie etwa dem österreichischen Guatemala-Komitee, zuletzt kaum gelang, Treffen zu vereinbaren. Zu sehr waren die Mitglieder damit beschäftigt, aus dem Nahen Osten kommenden Flüchtlingen an den Grenzen oder auf Bahnhöfen konkrete Hilfe zu leisten.

Hierzulande packten derart viele Freiwillige mit an, dass sie in ihrer Hilfsbereitschaft auch staatliche Stellen mitrissen. Sie beeinflussten die politische Stimmung im Land so stark, dass die Propagandisten von Neid und Fremdenfeindlichkeit ihre Ziele nicht erreichten.

Schwierige Lösungen. Wer über den Tag hinaus denkt, dem wurde aber rasch klar, dass auch eine sehr menschliche Haltung nichts an den Ursachen für Flucht und Elend ändert. In Kriegen, wie jenem in Syrien, muss eine politische Lösung, möglichst unter der Ägide der UNO, erreicht werden.

Bei den wirtschaftlichen Ursachen für den Zusammenbruch ganzer Staaten ist es noch viel schwieriger, Lösungen zu finden. Zu einem wesentlichen Teil sind es ja Länder des Nordens, die etwa die AfrikanerInnen daran hindern, „ihre Gesellschaften zu ändern“, wie es der Philosoph Slavoj Žižek formuliert. Staaten werden in die Verschuldung getrieben. Bei der massiven Korruption – wenn es etwa um Rohstoffausbeutung geht – herrscht internationale Komplizenschaft. Und auch die negativen Folgen des Klimawandels treffen den Süden stärker als den Norden. Die dadurch wachsende Ungleichheit könnte „das zentrale Problem des 21. Jahrhunderts werden“, schreibt Manfred Nowak in seinem neuen Buch „Menschenrechte“ (siehe Seite 47).

Manche PolitikerInnen sehen die Lösung in mehr Entwicklungshilfe. Es ist aber klar, dass selbst eine deutliche Erhöhung der Hilfe für grundsätzliche Veränderungen nicht reicht. In der Krise liegt vielmehr die Chance, dass die Menschen im Norden endlich die Notwendigkeit einer Kehrtwende begreifen: Weg von der auch bei uns zunehmend ungleichen Verschwendungsgesellschaft, hin zu gerechteren und nachhaltigen Modellen, wie sie auch in dieser Zeitschrift immer wieder diskutiert werden.

Der außenpolitische Journalist ist Herausgebervertreter des Südwind-Magazins.

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