Bücher gegen die Angst

Herz und Verstand in Buchform – das sollte heuer unterm Weihnachtsbaum liegen, findet Rudi Lindorfer, der Buchhändler unseres Vertrauens.

Jede Zeit braucht ihre Bücher, und jetzt sind das aufrüttelnde, aufklärende, hilfreiche, denn Angst ist ein mieser Ratgeber. Sie folgt oft aus Unwissenheit und Unwissende sind stark gefährdet, den falschen Tönen der Rattenfänger zu folgen.

In Massimo Livi Bacchis „Kurze Geschichte der Migration“ (Wagenbach, Berlin 2015, 175 Seiten, Euro 11,30) fließen seine zahlreichen Studien zu den globalen Bevölkerungswanderungen ein. Es startet mit der Frühzeit der Menschheit und führt durch die historischen Epochen bis in unsere Gegenwart. Bacchis Wissen ermöglicht es ihm, die großen Migrationsströme begreifbar zu machen und trotz der Fülle an Daten und Ereignissen gut lesbar darzustellen. So ergibt sich seine Schlussfolgerung für unsere Zukunft: „Wenn wir das hohe Lebensniveau in Europa halten wollen, müssen wir Einwanderung erleichtern und befördern.“

Auch wenn Nina Horaczek und Sebastian Wiese „Gegen Vorurteile“ (Czernin, Wien 2015, 190 Seiten, Euro 17,90) vor allem für junge Menschen geschrieben haben wollen, so meine ich, dass dieses Werk auch für alle älteren, die oft ebenso sprachlos dummdreisten, falschen Behauptungen über Flüchtlinge, Islam, EU und Nationalismus gegenüber stehen, von unschätzbarem Wert ist. Anhand von Fakten, praktischen Beispielen und aktuellen Studien entlarvt das Buch bösartige Lügen und rückt die Realität ins Licht.

Wie Zivilcourage in der Praxis aussehen könnte, führt Jenny Erpenbeck in „Gehen, ging, gegangen“ (Knaus, München 2015, 351 Seiten, Euro 20,60) vor. Sie erzählt von einem in Pension gegangen Altphilologen, der über einen sinnvollen Umgang mit der vergehenden Zeit sinniert. Zufällig stolpert er über hungerstreikende Flüchtlinge und sein erstes Interesse an ihnen ist: Wie kommen sie mit ihrer vielen Zeit zurecht, sind sie doch von Gesetzes wegen zum Nichtstun verurteilt? Mit einem selbst erstellten Fragebogen tritt er mit ihnen in Kontakt. Das Großartige an dem Roman ist, dass die Autorin keinen gutbürgerlichen Samariter vorführt, sondern einen Mann, der, wenn auch nach einigem Zögern, offen und fragend auf diese Menschen zugeht. Sie ruft nicht zur Weltverbesserung auf, aber fordert Hinschauen ein, indem sie gut recherchierte Biografien afrikanischer Flüchtlinge erzählt und die Praktiken der Ämter im Umgang mit den Menschen schildert.

Und nicht nur jetzt, weil Weihnachten naht: Ich wünsche ein erfolgreiches Herbergsfinden allen Suchenden!

Diese Bücher und noch viele mehr sind ­erhältlich auf: www.suedwind-buchwelt.at

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