BürgerInnen einer Welt

Dass physische Mobilität automatisch mit Weltoffenheit Hand in Hand geht, ist wohl nur ein Wunschdenken. Was tatsächlich für ein kosmopolitisches WeltbürgerInnentum notwendig ist, erklärt Veronika Wittmann.

„Reisen veredelt den Geist“, sagte Oscar Wilde. Das muss aber nicht immer der Fall sein …

Es war in der Epoche absolutistischer Monarchien in Europa, als in Königsberg ein Gelehrter namens Immanuel Kant seine Schrift „Zum Ewigen Frieden“ veröffentlichte. Kant war Zeit seines Lebens niemals aus Königsberg hinausgekommen und korrespondierte anhand von Briefen mit der Welt „außerhalb“. Seine Gedanken zu der „Föderation freier Republiken“, die er als Grundelement für den Erhalt des Friedens ansah, verfasste er in seiner Gelehrtenstube in Königsberg. Von diesem Ort aus schrieb er über die Abschaffung der Kolonien (in der Zeit des Wettrennens europäischer Mächte um dieselben in Afrika und Asien), forderte das Prinzip der Hospitabilität gegenüber „Fremden“ und formulierte wesentliche friedenspolitische Gedanken, auf denen das heutige Völkerrecht basiert.

Kant ist ein gutes Beispiel dafür, dass physische Immobilität nicht unmittelbar mit fehlender Weltoffenheit und einem defizitären Respekt vor geografisch entfernteren Menschen einhergeht. Nehmen wir eine Zeitreise von 200 Jahren und einen Ortswechsel vor: eine Österreicherin in der Epoche der Millenniumswende in außereuropäischen Weltregionen. Ich habe einige Jahre in Ländern Afrikas gearbeitet, ebenso wie in Lateinamerika bei den Vereinten Nationen. Die physische Mobilität war hierbei ein zentrales Moment wissenschaftlicher Feldforschungsaufenthalte und der Berufstätigkeit in einer internationalen Organisation. Es bedeutete, sich dessen bewusst zu werden, dass man einer privilegierten Weltminderheit angehört, für die transkontinentale Flüge ein selbstverständlicher Teil ihres Berufslebens sind.

In Ländern des Südens selbst angekommen zu sein bedingte neben dem „Sich-Einlassen-Können“ auf einen vorerst nicht vertrauten kulturellen Kontext auch das Kennenlernen einer anderen Art der physischen Mobilität. Ich war nie zuvor in Europa in Kleinbussen unterwegs, in denen in Ghana 25 Personen Platz fanden, fuhr als Fahrgast im Kofferraum eines Taxis durch Bulawayo in Zimbabwe oder kaufte ein Jahrzehnte altes Auto, um die geplanten Feldforschungen in den Townships in Kapstadt überhaupt durchführen zu können.

Physische Mobilität unterscheidet sich immens hinsichtlich der Infrastruktur, d.h. vorhandener Straßen- und Eisenbahnlinien, des Alters und des Zustandes der Transportmittel, und nicht zuletzt ist sie von sozio-ökonomischen Kriterien geprägt. Letztere bedingen eine weitere oder eben auch reduziertere Möglichkeit von Menschen in der Welt, physisch mobil zu sein. Dies bedeutet jedoch nicht, dass nur die Weltminderheit, die sich transkontinentale Reisen leisten kann, zugleich jene ist, die sich durch Weltoffenheit und Kosmopolitismus auszeichnet. Ich habe in meinem beruflichen Kontext außerhalb der ökonomisch reichen Regionen viele Menschen kennengelernt, die niemals die Möglichkeit gehabt haben, eine formelle Schulbildung zu absolvieren oder auch nur eine Weltkarte zu betrachten; und die auf eine sehr selbstverständliche Art und Weise mich als Fremde in ihren kulturellen Kontext eingebunden haben. Die geografische Verortung lautete hierbei oft: „She is from far away.“ Und Punkt. Wo genau dieses „far away“ sich befand, spielte hierbei keine Rolle. Das Begegnen fand jenseits einer kartografischen Einteilung der Welt statt und war immer gekennzeichnet von gegenseitigem Respekt und Neugierde. Die Anerkennung der Differenz und der Respekt vor dem „Anderssein der Anderen“ – zwei zentrale Bausteine der Diskussionen zum Kosmopolitismus – waren hierbei selbstverständliche Komponenten der Interaktionen im Alltag.

Das Verlassen von Denkkategorien des „entweder – oder“ hin zu einem „sowohl als auch“ kann als wichtigste Grundhaltung des Selbstverständnisses von KosmopolitInnen angesehen werden. Ich bin zugleich Linzerin, Oberösterreicherin, Österreicherin, Europäerin und Weltbürgerin. Das eine schließt das andere nicht aus. Kosmopolitismus bedeutet auch, ein vielfältiges Konglomerat an kulturellen Elementen in ein und derselben Person wahrnehmen zu können. Menschen nehmen überall auf der Welt kulturelle Elemente, die an einem anderen Ort der Welt entstanden sind, als integralen Bestandteil ihrer eigenen kulturellen Identität auf, verändern diese mit lokalen Einfärbungen und geben sie verändert auch wieder zurück an einen globalen Referenzrahmen. Der Referenzpunkt für Zuschreibungen und Eigendefinitionen findet hierbei in der Gegenwart sehr oft jenseits eines nationalstaatlichen Kontextes statt.

In der Debatte rund um Kosmopolitismus fordert der Soziologe Ulrick Beck, sich von dem Modell der „Containergesellschaft“ – in der sich Gesellschaft quasi in einem abgeschlossenem Container befindet und derart ausreichend analysiert werden kann – zu verabschieden und den Kosmopolitismus als Grundlage für Analysen zu nehmen. Der von ihm kritisierte „methodologische Nationalismus“ bedeutet nicht nur die Welt nur mit einem nationalstaatlichen Blick zu sehen, sondern er findet auch statt, wenn dieser (begrenzte) Nationalstaat nicht einmal Erwähnung findet. D.h. wenn in Analysen und Debatten explizit nicht angeführt wird, dass die Untersuchungen sich lediglich auf konkrete Nationalstaaten beziehen. Hier wird per se ein Modell einer Weltminderheit als universell gültiges Modell präsentiert, ohne zu erwähnen, dass die Aussagen der Analysen nur eine reduzierte Gültigkeit in einigen wenigen Ländern der Welt haben.

Ein Begriff, der viele gesellschaftstheoretische Annahmen zulässt und sich daher einer einfachen Definition entzieht, ist jener der Weltgesellschaft. Zwei Gedanken sind dabei zentral: die Kernthese, dass die Weltgesellschaft als einzigartiges System besteht einerseits und andererseits die Vielzahl an Ansätzen, die von einer erst entstehenden Weltgesellschaft ausgehen, neben der nationalstaatliche Gesellschaften weiterhin eine Gültigkeit haben.

Ob Weltgesellschaft als bereits existent angesehen wird oder als erst entstehend: Faktum ist, dass global ein nicht gerecht verteilter Zugang von Menschen zur physischen Mobilität existiert. Zugleich bedingt ein erhöhter Zugang für eine Weltminderheit nicht, dass diese eher durch eine kosmopolitische Haltung gekennzeichnet ist. Es kann hier auch das Gegenteil eintreten: stereotype Wahrnehmungen können verstärkt werden. Auch innerhalb von Weltregionen differiert die Möglichkeit der physischen Mobilität immens, dasselbe gilt für einen nationalstaatlichen Rahmen sowie auf der Mikroebene auch für urbane Gebiete und einzelne Stadtteile, die es Menschen aufgrund ihrer finanziellen Ausstattung und der vorhandenen Infrastruktur entweder ermöglichen oder erschweren, von einem Punkt A zu einem Punkt B zu gelangen.

Für Immanuel Kant, auf dessen Werk die gegenwärtigen Diskurse zu Weltbürgertum, Kosmopolitismus und in einzelnen Ansätzen auch zur Weltgesellschaft aufbauen, spielte physische Mobilität keine Rolle. Er formulierte seine Gedanken, ohne sich von einem Ort der Welt zu einem anderen zu bewegen. Kosmopolitische WeltbürgerInnen der Weltgesellschaft sind in diesem Sinne alle Menschen auf dem Globus, die das „Anderssein der Anderen“ wahrnehmen und die Denkkategorie des „sowohl als auch“ in ihre eigene kulturelle Identität aufnehmen. Respekt mag das Zauberwort sein, in dem wir uns als kosmopolitische WeltbürgerInnen der Weltgesellschaft in der Gegenwart – ob physisch, virtuell oder in Gedanken – auf dem Globus bewegen.

Veronika Wittmann ist Entwicklungssoziologin am Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte und am Institut für Soziologie der Johannes Kepler Universität Linz. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Gender and Development Studies mit Schwerpunkt Subsahara-Afrika, Global Digital Divide, Globalisierung und Weltgesellschaft.

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