Buhlen um Amerikas Gunst

Seit dem 11. September versucht Sudan, sein Image als Terroristen-Unterschlupf loszuwerden. Doch das eigene Volk wird weiterhin mit Hilfe der Scharia geknebelt.

Von Christoph Link
Mit seinen Sandsteinziegeln und seinen blauen Holzwachtürmen an jeder Ecke erinnert das Gefängnis von Kober an ein Fort aus dem „Wilden Westen“. Khartums zentrale Haftanstalt ist ein kolonialer Bau der Briten. Ein vier Meter hohes Quadrat aus rotgestrichenen Stahlträgern ragt über die Mauer hinaus: der Galgen.
Das Kober-Gefängnis wirft ein Licht auf das brutal herrschende Regime des Generals Omar Hassan al-Bashir, der sich 1989 an die Macht putschte und dessen Sicherheitskräfte das Land mit eiserner Hand regieren – unter Berufung auf die Scharia. Im September und Oktober sind im Kober-Gefängnis 60 Menschen hingerichtet worden, wie Diplomaten aus „glaubhafter Quelle“ berichten. Außerdem habe man für das Gefängnis „Maschinen“ angeschafft, um Amputationen ausführen zu können. Vor allem Viehdiebe aus dem Westen des Sudan werden nach Khartum gebracht, wo man ihnen nach der Verurteilung den linken Fuß und die rechte Hand amputiert – nach Allahs Willen?
Die Regierung ist selbst bei strengen Muslimen verhasst. Sie habe keine Moral, sie benutze den Islam allein als Werkzeug, um das Volk ruhig zu halten. Das ist die gängige Meinung, die man bei Presseleuten, Politikern und Geschäftsleuten in Khartum hören kann. Und jetzt, so heißt es, biedere sie sich auch noch bei den USA an. Jahrelang hatte eine Art Doppelspitze den Sudan regiert, der Armeegeneral al-Bashir und der Parlamentspräsident und islamische Intellektuelle Hassan al-Turabi. Doch im letzten Jahr entmachtete al-Bashir seinen Kompagnon, verbot dessen Partei und stellte ihn unter Hausarrest. Seitdem ist Sudan ein bisschen mehr Militärdiktatur und etwas weniger Islamische Republik. Einerseits sagt man, die Sittenstrenge in Khartum sei nach dem Sturz Turabis „etwas lockerer“ geworden, andererseits war Turabi einer der Politiker, die Verhandlungen mit den Separatisten von John Garang im Süden führten. Die liegen jetzt auf Eis.

Verbote über Verbote: Wie Mehltau legt sich die Angst vor der „Public Order Police“ über Khartum. Wer den Präsidentenpalast fotografiert, wird verhaftet. Wer Alkohol verkauft, wird mit 80 Peitschenhieben bestraft, Christen erhalten 40 Hiebe. Es ist Ausländern verboten, ohne Erlaubnis über Land zu reisen. Es gibt keine Bars, keine Tanzlokale und keine Kinos. Doch die SudanesInnen begehren leise auf. „Wir träumen vom ‚American way of life“, sagt der Anwalt und Menschenrechtler Ghazi Suleiman.
Vor 1983 habe man alles gehabt: Vergnügungslokale, die „Kamel“-Brauerei und 15 verschiedene Sorten von Sherry. Jeder habe ein Leben nach seiner Façon geführt – Muslime, Christen, Araber und AnhängerInnen von Naturreligionen. In alten Zeiten habe es ein eigenes Stadtviertel für Prostituierte gegeben, erinnert sich Suleiman. Heute findet das Sexgewerbe im Verborgenen statt, Alkohol wird aus Eritrea oder Äthiopien ins Land geschmuggelt. 24 Dosen Bier kosten auf dem Schwarzmarkt 40 US-Dollar. Der 19-jährige Sohn Suleimans, ein Student, klagt: „Selbst wenn ich nur mit einem Mädchen auf der Straße spaziere, kann ich verhaftet werden.“
Vage Neuorientierungen am Westen sind erkennbar: An der Straße zum Flughafen haben Supermärkte und „Drive-Ins“ nach amerikanischem Muster eröffnet. Am Nilufer sitzen Liebespaare und lächeln sich an – in gebührendem Abstand. Und vor der Universität sieht man Studentinnen, zwar mit Kopftuch, aber mit Make-up und modischen Plateau-Schuhen.

Aber politisch herrscht Stillstand. Parteien werden unterdrückt, Demonstrationen sind verboten, Oppositionelle erhalten Reiseverbote. Vor einigen Wochen zogen die Mitarbeiter der Zeitung „Al-Watan“ mit Knebeln im Mund vor das Informationsministerium und protestierten gegen die Zensur – prompt wurden sie verhaftet. Chefredakteur Adil Seid-Ahmed will weiterhin über Korruption berichten. Diese Regierung sei schwach, sagt Seid-Ahmed, nur der Sicherheitsapparat habe einen „starken Griff“. Und das Volk beginne zu murren, denn seit der Sudan Öl fördert, nimmt die Regierung jährlich 711 Millionen US-Dollar ein, ohne dass die Bevölkerung etwas davon sehe. „Im Gegenteil, kürzlich ist das Benzin teurer geworden.“ Die meisten Einnahmen werden in die Rüstung gesteckt, über Russland hat Khartum Kampfhubschrauber mit Nachtsichtgeräten gekauft – zum Kriegseinsatz gegen die Rebellen im Süden.

Die Fahrt zur Shifa-Fabrik führt vorbei an neuen Fabriken, die von Chinesen gebaut werden. 1998 zerstörten die Amerikaner mit Cruise-Missiles die pharmazeutische Fabrik Shifa, weil sie dort die Produktion von biologischen Waffen vermuteten. Jetzt halten die SudanesInnen die kaputte Fabrik quasi als Mahnmal geöffnet. Die USA haben sich nie für den Militärschlag entschuldigt, in London läuft ein Entschädigungsprozess. An BesucherInnen verteilt das Informationsministerium Broschüren, in denen in jammerndem Ton das schlechte Verhältnis zu den USA beklagt wird: Sudan habe sich um eine Verständigung bemüht, aber „die amerikanische Feindschaft“ gegenüber dem Sudan bleibe und sei nicht gerechtfertigt. Hinter der Anbiederung stecken ökonomische Interessen: Der verschuldete Sudan erhält weder Kredite vom Internationalen Währungsfonds noch von der Weltbank – die USA legten ihr Veto ein.
Nach dem 11. September hatten die USA die Wirtschaftssanktionen gegen Sudan um ein Jahr verlängert. Die Islamische Republik Sudan gilt als „Rogue State“, als „Schurkenstaat“, der von Anfang bis Mitte der 90er Jahre Terroristen beherbergte. Usama bin Laden lebte in Khartum fünf Jahre lang „wie ein König“, sagt man. Er investierte und brachte Tausende „arabische Afghanen“ mit, Gotteskrieger, die gegen die Russen in Afghanistan gekämpft hatten. Generös stattete Sudan die Kämpfer aus Tunesien, Ägypten oder Saudi-Arabien mit sudanesischen Pässen aus. Erst 1996 kündigte Sudans Regierung bin-Laden die Freundschaft auf, der unerwünschte Gast zog nach Afghanistan um und kritisierte das Regime in Khartum als „Bündel von Dieben“.
Nach dem 11. September hat al-Bashir seine schützende Hand von den letzten Al-Qaida-Leuten in Khartum gezogen. Man kooperiere mit den USA, erklärte er gegenüber dem Sender CNN ,und man wisse von keinerlei Terroristen, die im Sudan lebten. Laut Presseberichten hat Khartum in einer Nacht-und-Nebelaktion 37 Verdächtige an die Vereinigten Staaten ausgeliefert. Anfang Jänner lud al-Bashir Vertreter von sieben ostafrikanischen Staaten, den IGAD-Ländern, zu einem Gipfeltreffen ein, bei dem „jeglichem Terrorismus“ eine Absage erteilt wurde.

Die Sehnsucht nach einem besseren Verhältnis zur westlichen Supermacht bringt sogar Zugeständnisse im Bürgerkrieg mit dem Süden. Nach einer Sudanreise des amerikanischen Sudan-Beauftragten John Danforth schlossen die Regierung und SPLA-Rebellen in einem Luxushotel in Bürgenstock in der Schweiz einen sechsmonatigen Waffenstillstand für die Nuba-Berge – einer Enklave der Rebellen mitten im Sudan.
Sollte bin Laden nach Sudan fliehen, würde er sofort an die USA ausgeliefert, glauben Beobachter. Der Erhalt der Macht sei Präsident al-Bashir wichtiger als alte Freundschaften. Und nichts fürchtet Khartum mehr als den Zorn der USA.

Christoph Link ist Ostafrika-Korrespondent der ?Frankfurter Rundschau? und bereiste kürzlich den Sudan. Er lebt in Nairobi (Kenia).

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