Bulldozer-Journalismus

Von Eva-Maria Hobiger ·

Eine ťInformationsreiseŤ österreichischer Journalisten in den Irak: Eine begleitende Wissenschaftlerin analysiert das Ergebnis der ťRecherchen vor OrtŤ und wirft die Frage nach der Objektivität journalistischer Wahrnehmung auf.

Hans von Sponeck, Leiter des UN-Hilfsprogramms für den Irak, trat im Februar 2000 aus Protest gegen die Fortsetzung der Sanktionen von seinem Posten zurück. ”Das Leben für die irakische Bevölkerung ist untragbar geworden“, lautete Sponecks Begründung. Anlässlich seiner Rede in Brüssel Ende Februar dieses Jahres präzisierte er seine Erfahrungen: ”Das EuropaParlament muss sich die große menschliche Tragödie im Irak heute vor Augen halten: Kindersterblichkeit, Unterernährung, Verweigerung des Rechts auf Bildung … Der Öffentlichkeit wird im Zusammenhang mit dem Irak systematisch und organisiert die Unwahrheit gesagt!“

Ende Februar reiste ich mit einer größeren Gruppe von ÖsterreicherInnen in den Irak, u. a. mit vier heimischen Journalisten. Das war eine ernüchternde Erfahrung für mich. Der Irak, den sie mit ihren Sinnesorganen, Notizblöcken, Foto- und Filmkameras aufnahmen und anschließend in ihren Berichten schilderten, unterschied sich wesentlich von dem Land, das ich bereiste und von den Eindrücken, die ich erlebte. Woran mag das liegen?

Keinem der vertretenen Medien war das Thema Irak es wert, einen erfahrenen oder mit der Materie vertrauten Berichterstatter zu entsenden. Die Überheblichkeit, mit der wir im allgemeinen verlangen, das Leben außerhalb der westlichen Welt habe den gleichen Bahnen zu folgen wie unseren, und die naive Annahme, dass sich die westlichen Regierungsformen ohne weiteres in Ländern umsetzen ließen, in denen diese nicht über Jahrhunderte gewachsen sind, hat den Menschen in Afrika, Asien und Südamerika schon mehr als genug Leid zugefügt. Außerdem gäbe es genug ausgezeichnete Literatur zur Irak-Problematik.

Wem dienen Reportagen mit tendenziösem Grundton und Aussagen wie ”Bagdads Nobelherberge ist eine verwanzte Trutzburg“, ”der hässliche Amerikaner“, ”die hehre Lichtgestalt“, ”martialische Auftritte“ oder ”Saddams Regime versucht nun auch westliche Journalisten in den Propagandafeldzug einzuspannen. Jetzt nützt er die Aufregung um das Golfkriegs- und Balkansyndrom und zeigt der internationalen Presse, was die amerikanische Truppen mit ihren Luftangriffen angerichtet haben sollen“ (Einleitung zu einem Fernsehbeitrag).

Informativ sind derartige Reportagen nicht. Sie schaden nur dem irakischen Volk – noch mehr, als ihm ohnehin das rigoroseste Embargo, das je gegen ein Land verhängt wurde und nun schon fast elf Jahre andauert, schadete. Der UNHCR-Beauftragte im Irak, Gubadalla, meinte zu unseren Journalisten: ”Die westliche Welt ist gegen das irakische Volk wie ein Bulldozer vorgegangen.“

Was der Irak braucht, ist eine objektive Berichterstattung: Berichte über ein Volk, das einen langsamen Tod stirbt, an Hunger, an Krankheiten und schlechten hygienischen Bedingungen – unbeachtet von der Weltöffentlichkeit. Iraks Kinder können die Schulen nicht mehr besuchen, weil sie zum Betteln auf die Straße geschickt werden, damit ihre Familie überlebt. Die medizinische Versorgung eines reichen Landes, die 1990 westlichen Standard erreicht hatte, gleicht heute der des ärmsten Entwicklungslandes. Ersatzteile für medizinische Geräte, Operationsmaterial, ja selbst Medikamente stehen auf einer ”Double Use List“ des UN-Sanktionenkomitees und dürfen daher nicht importiert werden.

Österreichische Firmen können das bestätigen: Sterilisatoren zur Keimfreimachung von OP-Instrumenten wurden nicht genehmigt, nachdem die Verträge seit sieben Monaten in New York liegen – was könnte bloß die ”Mehrfachnutzung“ derartiger Geräte sein? Leukämie- und Krebsraten steigen ständig, ebenso die Zahl der Missgeburten.

In Basra kommen täglich ein bis zwei missgestaltete Kinder zur Welt – ich habe die Messung der erhöhten Radioaktivität selbst mitverfolgt, und alle Nuklearmediziner dieser Welt sind sich einig, dass radioaktive Strahlung Krebs und Missgeburten verursachen kann. Ramsey Clark, der ehemalige US-Justizminister, schrieb 1991 in seinem Buch ”Wüstensturm“: ”Die Auswirkungen der radioaktiven Bedrohung werden wir erst in fünf bis zehn Jahren sehen.“ Heute ist es so weit. Die Kinder Basras erkranken an Leukämie und sterben, weil die nötigen Medikamente für ihre Behandlung fehlen oder für die Menschen unerschwinglich sind.

Wenn ich mich an das Leid in den Augen der Mütter erinnere, die ihre leukämiekranken Kinder ins Krankenhaus von Basra bringen und wissen, dass sie es mit einem toten Kind verlassen werden, so frage ich mich: Woher nehmen wir uns das Recht, die Angaben der irakischen Ärzte zu bezweifeln? Diese Tragödie, vor der die Welt die Augen verschließt, kann nur als Völkermord bezeichnet werden, denn Wirtschaftssanktionen dürfen sich gemäß den Genfer Konventionen niemals gegen die Zivilbevölkerung eines Landes richten.

Ein mutigerer und ehrlicherer Journalismus in unserem Land wäre wünschenswert, der es wagt, für Menschenrechte einzutreten. Eineinhalb Millionen Tote im Irak, vor allem Kinder, als unmittelbare Folge der Sanktionen sind ein starkes Argument.

Die zitierten Stellten stammen aus Berichten in der ”Presse“ vom 22. Februar, im ”Standard“ vom 28. Februar und in der ”ZiB2“ vom 27. Februar

Zum Thema ”Golfkrieg – Zehn Jahre danach“ werden Eva-Maria Hobiger und SÜDWIND-Mitarbeiter Peter Schmidt am Pädagogischen Institut der Stadt Wien am 20. und 21. April ein Seminar abhalten. Infos u. Anmeldung: Tel. 01/523 62 2293234 (Pädagogisches Institut, Hr. Donat) oder 01/985 53 34 (Peter Schmidt).

Die Autorin ist Fachärztin für Strahlentherapie in Wien. Für ihren Einsatz für bosnische Kriegsopfer erhielt sie 1996 den Humanitätspreis des Roten Kreuzes.

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