Burma nach dem Zyklon

Von Redaktion ·

Nach der Naturkatastrophe vom vergangenen April hat Burmas Militärjunta ein Verfassungsreferendum durchgepeitscht. Unter der Bevölkerung wachsen Frustration und Wut. Nicola Glass aus Bangkok

Die Straße ist keine mehr. Die Landschaft gleicht einer öden Weite, so, als ob dort niemals Dörfer gestanden hätten. Die Reisfelder sind überflutet. So lauten Berichte von HelferInnenn, denen es gelungen ist, in den ersten Wochen nach dem Zyklon „Nargis“ in das „Irrawaddy-Flussdelta“ vorzudringen. Jene Region war, ebenso wie Burmas ehemalige Hauptstadt Rangun, von der Katastrophe Anfang Mai am schwersten getroffen worden. Nach Regierungsangaben sind dabei 78.000 Menschen ums Leben gekommen, fast 60.000 werden immer noch vermisst.
Die Unterstützung vom Militärregime sei gleich null gewesen, sagen viele Betroffene. Andere berichten, Angehörige der Regierung hätten sich dazu herab gelassen, ein bisschen Reis, ein paar Eier und ein paar Planen als Ersatzdach vorbei zu bringen – mehr nicht.
„Wir haben bisher niemanden von der Regierung zu Gesicht bekommen“, wurde der Abt eines Klosters im Irrawaddy-Delta zitiert. Und ausländische Helfer lässt Birmas Junta seit dem verheerenden Sturm nur begrenzt ins Katastrophengebiet einreisen.

Mittlerweile beharren die Militärs sogar darauf, dass die Nothilfe abgeschlossen sei und der Wiederaufbau begonnen habe. Das hat drastische Folgen: In den vergangenen Wochen haben sich Berichte verdichtet, dass Sturmopfer aus staatlichen Flüchtlingslagern sowie aus Klöstern und Schulen vertrieben wurden. So gut es geht, versuchen auch einheimische ExpertInnen, Privatleute und Mönche, den Betroffenen zur Seite zu stehen. Doch jeder, der helfen will, wird scharf überwacht: „Überall sind Sicherheitskräfte“, so das Mitglied einer Hilfsorganisation laut dem in Oslo ansässigen Sender „Democratic Voice of Burma“. „Ich wurde ausgefragt, wohin ich gehen wollte und ob mich Ausländer begleiten würden.“

Somit wachsen Frust und Wut in der Bevölkerung. Mehrfach hat die Militärregierung Hilfslieferungen abgefangen. Die Frauenrechtlerin Nang Charm Tong, die sich für Angehörige der ethnischen Shan-Minderheit einsetzt, schildert folgendes Beispiel: „Wenige Tage nach dem Sturm wurden an der chinesisch-burmesischen Grenze zwanzig Lastwagen mit Hilfsgütern von der Armee gestoppt“, so die Aktivistin. „Der für den Nordosten zuständige Kommandeur sagte, er konfisziere diese Güter, um sie den vom Zyklon Betroffenen zukommen zu lassen.“ Lokale Behördenvertreter in Rangun wurden zudem dabei beobachtet, wie sie Materialen zum Abdecken von Dächern nicht an die Menschen verteilt, sondern verkauft haben. Nang Charm Tong berichtet von massiven Einschüchterungen: „Mönche, die versucht haben, Sturmopfern zu helfen, wurden schikaniert, ebenso einfache Menschen, die helfen wollten.“
Von zahlreichen Einschüchterungsversuchen und Betrug war auch das Verfassungsreferendum geprägt. Obwohl viele Menschen nach dem Zyklon ums nackte Überleben kämpfen, hatten die Militärs die Abstimmung durchgedrückt. RegimekritikerInnen lehnen den Entwurf ab: Dieser zementiere nur die Macht des seit 1962 regierenden Militärs und schließe die unter Hausarrest stehende Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi von künftigen politischen Ämtern aus. „Dieses Referendum war weder frei noch fair“, so Naing Aung von der in Thailand ansässigen Exilvereinigung „Forum für Demokratie in Burma“. Staatsbedienstete seien einbestellt worden, um ihre Stimme vor den Augen der Vorgesetzten und Funktionäre abzugeben. Dabei besagten die Regeln, dass die Stimmabgabe geheim sein muss.
WählerInnenn war mit Entlassung aus dem Job sowie hohen Geld- und Haftstrafen gedroht worden, sollten sie ihre Zustimmung zur neuen Verfassung verweigern. Viele Menschen, die in den Wahllokalen erschienen, hatten zudem erfahren müssen, dass bereits eine „Ja“-Stimme in ihrem Namen abgegeben worden sei. Im Irrawaddy-Delta sowie in Rangun war die Abstimmung vom 10. auf den 24. Mai verschoben worden.

Die Junta wusste die Notlage für sich auszunutzen: Autoritäten hätten Hilfslieferungen mit Kampagnen für eine „Ja“-Abstimmung verknüpft, heißt es. Dennoch hatten es Menschen gewagt, den Verfassungsentwurf abzulehnen – unter anderem in den von ethnischen Minderheiten bevölkerten Staaten Kachin und Shan. Und im Arakan-Staat im Westen Burmas demonstrierten zweihundert Menschen gegen das Wahlergebnis, das die Junta längst als „von Erfolg gekrönt“ feierte.
Langfristig dürfte die Ignoranz der Militärs zu neuen Straßenprotesten wie in den Jahren 1988 und 2007 führen. Saw David Thakapaw von der Exilgruppe „National Council of the Union of Burma“ erklärt, die „Nargis“-Katastrophe werde nicht unmittelbar zu politischen Veränderungen führen. Aber die Unzufriedenheit im Volk nehme zu: „Seit der Ermordung der Mönche gibt es ein wachsendes politisches Bewusstsein“, sagt er mit Blick auf die von der Junta im September 2007 blutig niedergeschlagene Demokratiebewegung. „Es wird wachsenden Widerstand gegen die despotische Herrschaft der Militärs geben.“

Die Autorin ist freie Südostasien-Korrespondentin für Hörfunk und Print. Sie lebt in Bangkok.

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