Buße statt Justiz

Von Redaktion ·

Kenias Regierung engagiert einen evangelikalen Priester, um die Nation zu heilen – und, um eine strafrechtliche Verfolgung der für die blutigen Unruhen 2007 und 2008 verantwortlichen Politiker zu unterbinden. Marc Engelhardt aus Nairobi

Tausende Menschen haben sich auf dem Rasen versammelt, auf dem in besseren Zeiten Rinder ausgestellt werden und Bauern aus dem fruchtbaren Rift Valley Kenias stolz ihre Produkte präsentieren. Doch seit den blutigen Unruhen, bei denen Anfang 2008 in Kenia mehr als 1.300 Menschen getötet und Hunderttausende vertrieben wurden, hat in Eldoret keine solche Landwirtschaftsausstellung mehr stattgefunden. Die Stadt leidet wie die ganze Region bis heute unter den Folgen der Gewalt, die hier besonders schlimm gewütet hat. Doch an diesem Tag, davon sind die versammelten BewohnerInnen überzeugt, wird sich alles ändern: Viele der einfach gekleideten Menschen sind mehr als zwölf Stunden lang gereist, zu Fuß und mit Bussen, per Anhalter und auf Fahrrädern, um um Vergebung zu bitten. Lautes Weinen und Wehklagen erfüllt die Luft schon Minuten, nachdem die ersten Predigerinnen und Prediger die Bühne betreten haben.

„Wir Kikuyu haben auch getötet, wir haben schlimmste Gewaltakte gegen diejenigen begangen, die uns angegriffen haben, und wir bitten Gott, uns zu vergeben“, ruft Ann Mbugua, die Chefin einer der größten von Kikuyu besuchten Pfingstkirchen Kenias. „Die Polizei wurde von unserem Stamm aufgehetzt, um Luos in Kisumu und auch Kalenjin in Eldoret umzubringen.“ Die Gläubigen heulen auf, schreien ihre Gebete förmlich in Richtung Himmel. Andere fallen ihren Nachbarn in die Arme – sie alle gehören den schon lange miteinander verfeindeten Ethnien der Kikuyu, Luo und Kalenjin an. Als Nächste spricht Pastorin Helen Ochieng, die der Luo-Ethnie angehört. „Wir tragen Schuld an dem blutigen Chaos, weil wir nach den gefälschten Wahlen als Erste auf die Straße gegangen sind“, ruft sie in das sich steigernde Heulen hinein.

Soviel Ehrlichkeit ist selten in Kenia, ein Jahr nach den schlimmsten Unruhen seiner Geschichte. Spitzenpolitiker, die nicht nur vom Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Luis Moreno-Ocampo, als Drahtzieher der Gewalt gesehen werden, kehren das unleugbare Ausmaß der Gewalt unter den Teppich und weisen jegliche Verantwortung von sich. Seit dem Besuch Moreno-Ocampos Anfang November dreht sich in der Politik alles nur noch darum, wie verhindert werden kann, dass Spitzenpolitiker nach Den Haag ausgeliefert werden müssen. Selbst die Einrichtung des ungeliebten Sondertribunals in Kenia, seit Monaten immer wieder vom Parlament vertagt, wird inzwischen wieder diskutiert. Doch manchem geht selbst das noch zu weit. „Die Gewalt war spontan, niemand hat da etwas vorbereitet, deshalb muss es auch keine Prozesse geben“, behauptet etwa der heutige Straßenbauminister Franklin Bett, der selbst für die Anstiftung von Unruhen im Rift Valley verantwortlich gemacht wird. Wie es zu erklären ist, dass schon im Wahlkampf Lastwagen voller Macheten auf dem Weg ins Rift Valley von der Polizei konfisziert wurden, dazu will Bett nichts sagen. Er beharrt darauf, dass einzig die gefälschten Wahlen Grund für die Ausschreitungen gewesen seien. „Unsere Anhänger hatten nur geplant zu feiern, mehr nicht.“

Dass selbst diejenigen, die anscheinend von Bett zur Gewalt angestiftet wurden, bei dem mehr als zwölf Stunden dauernden Bußgottesdienst der Pfingstkirchen das Gegenteil von Betts Behauptungen bezeugen, ficht er nicht an. In einer Ecke des Geländes sind auf einem riesigen Haufen Waffen aufgestapelt, daneben Gegenstände, die die Teilnehmer in den Wirren einem vermeintlichen Feind gestohlen haben. Es ist ein beeindruckendes Monument der Folgen der Gewalt, die den Politikern vielleicht tatsächlich irgendwann entglitt. Persönlicher Hass, seit Jahrzehnten aufgestauter Neid, all das entlud sich innerhalb weniger Wochen und riss das Land entzwei. Jetzt werde man es wieder zusammen bringen, kündigt zum Abschluss des Gottesdienstes der lange erwartete Hauptredner David Owuor zum Finale an. „Es ist Zeit, die Herzen des Volkes zu heilen.“

Diesen Auftrag nimmt Owuor seit Juli dieses Jahres im ganzen Land wahr, mit staatlicher Rückendeckung. Der selbst ernannte Prediger mit langem, verfilztem Bart, Halbglatze und stechendem Blick, der sich einen zweifelhaften Namen damit machte, Naturkatastrophen und das Jüngste Gericht – beides erfolglos – vorherzusagen, ist nicht nur im Auftrag des Herren unterwegs. Zu seinen Auftraggebern gehören zwei ganz besondere Herren: Kenias Präsident Mwai Kibaki und Premier Raila Odinga. In ihrem Namen wurde die Gewalt nach den Wahlen Ende 2007 und 2008 ausgetragen, inzwischen regieren die beiden in einer international vermittelten, großen Koalition. Die Macht hat die beiden seit Jahrzehnten aktiven Politiker zusammengeschweißt. Beide eint der Wille, das derzeitige Machtkonstrukt solange wie möglich am Leben zu erhalten. Weil die verschleppte Aufklärung der Gewalt und ihrer Hintermänner das größte Hindernis dabei ist, setzt Kenias Doppelspitze jetzt auf die Hilfe von ganz oben. „Dr. Owuor wird im Auftrag der Regierung Gebet- und Bußveranstaltungen im ganzen Land durchführen, um die Nation zu einen“, verkündete ausgerechnet der Staatssekretär für Sonderaufgaben, Mohamed Ali, ein bekennender Muslim. „Dies ist der einzige Weg, um lang anhaltenden Frieden im Land zu garantieren.“

Für seine Ernennung zum Sonderbeauftragten der Regierung für Versöhnungsfragen revanchierte sich Owuor gleich postwendend. „Versöhnungskomitees und Tribunale sind doch nur künstliche Bemühungen, um Frieden zu schaffen“, wetterte der Prediger kurz nach seiner Ernennung. „Nachhaltigen Frieden gibt es nur, wenn wir einander vergeben und Buße für unsere Sünden tun. Nur Buße wird das Land von der Schande der Tribunale bewahren, oder gar der Auslieferung von Kenianern an den Strafgerichtshof in Den Haag.“

Egal, wo Owuor seitdem im ganzen Land seine AnhängerInnen zusammenruft: Die Aufforderung, auf juristische Aufklärung der Gewalt zu verzichten, ist stets Bestandteil seiner Predigten. „Die Verhaftung von Politikern und ein Prozess, egal vor welchem Gerichtshof, wird unweigerlich dazu führen, dass die Gewalt erneut ausbricht“, ruft Owuor etwa bei einer seiner Versammlungen in Nakuru, der viertgrößten Stadt des Landes und wie Eldoret Zentrum der Gewalt. Dass Owuor, der in Israel in Biochemie und Genetik promoviert hat und den „Ruf Gottes“ nach eigenen Angaben erst spät erfuhr, so regierungstragend ist, ist kein Zufall. Spätestens seit Mai 2009, als Owuor Premierminister Raila Odinga in einem Swimmingpool nicht weit von Nairobis Innenstadt zum Wiedergeborenen taufte, ist die Verbindung zwischen dem Prediger und der herrschenden Elite gefestigt.

„Der Präsident und ich werden bald einen nationalen Tag der Buße einführen, an dem alle Bewohner des Landes Gott um seine Hilfe und Führung anflehen sollen“, teilte Odinga im noch nassen Taufgewand den verblüfften Journalisten mit. Für Owuor, der vielen bis dahin als Witzgestalt galt, war die Taufe Odingas der Durchbruch zu nationalem Ruhm. Für Odinga, dessen persönliche Religiosität im tief gläubigen Kenia im Wahlkampf immer wieder infrage gestellt worden war, bedeutet dies die Erschließung einer neuen Wählergruppe, die in Kenia immer entscheidender wird.

56 Prozent von Kenias Christinnen und Christen gehören nach einer Umfrage des Pew-Forums, einem unabhängigen Religionsforschungszentrum in den USA, einer Pfingstkirche oder einer anderen evangelikalen Gemeinde an – das ist der höchste Prozentsatz in ganz Afrika. 56 Prozent aller ChristInnen, das sind mehr als zehn Millionen KenianerInnen. Für die in Nairobi zentral gesteuerte Politik, die die Tatsache, dass fast die Hälfte der KenianerInnen vor allem im Norden und an der Küste Muslime sind, verleugnet, ist diese Gruppe wahlentscheidend. Predigerin Margaret Wanjiru, die als Gründerin der „Jesus lebt“-Kirche vor allem durch Fernsehgottesdienste berühmt wurde, bekam in ihrem Wahlkreis die mit Abstand meisten Stimmen. Gerade neu im Parlament, wurde sie sofort in den Rang einer Vizeministerin erhoben.

Wanjirus Wort hat Gewicht, sei es am Kabinettstisch oder auf der Kanzel. Gerade hat sie Maina Njenga, den Anführer der mafiösen Mungiki-Gruppierung, die für brutale Ritualmorde an Hunderten von Menschen und die Terrorisierung weiter Teile des Landes verantwortlich gemacht wird, in ihre Reihen aufgenommen. Er sei schließlich wiedergeboren, erklärte Wanjiru, seine früheren Sünden seien damit vergeben. Tatsächlich sind auch hier die Hintergründe hochpolitisch: Njenga hatte kurz vor seiner „Taufe“ angedroht, eine Liste mit PolitikerInnen aller Parteien zu veröffentlichen, in deren Auftrag er gehandelt habe. Einen Tag später wurde ein geplanter Prozess gegen ihn „aus Mangel an Beweisen“ fallen gelassen – und Njenga von der Abgeordneten Wanjiru „wiedergeboren“.

Marc Engelhardt lebt in Kenia und ist freier Afrikakorrespondent, u.a. für die Tageszeitung Der Standard.

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