Chiapas am Rande eines Bürgerkrieges

Von Matthias Gossner aus Mexiko ·
Tzotzil Frauen in Chiapas/ Mexiko
Angehörige der Tzotzil, wie diese Frauen, werden in Chiapas derzeit von mehreren Seiten unter Druck gesetzt © Adam Jones / CC BY 2.0 / wikicommons

Die Bedrängung der Indigenen im südlichsten mexikanischen Bundesstaat erreicht gerade neue Dimensionen.

Am 5. Juli wurde im mexikanischen Bundesstaat Chiapas der indigene Menschenrechtsverteidiger Simón Pedro Pérez López von der pazifistischen Vereinigung der Abejas am helllichten Tag und in Begleitung seines kleinen Sohnes erschossen. Immer wieder hatte er die Verbindung von Lokalpolitik und organisierter Kriminalität angeprangert. Sein mutmaßlicher Mörder war einer seiner Nachbarn, die Auftraggeber werden wohl – wie meistens in solchen Fällen in Mexiko – ungeahndet bleiben.

Am 10. August wurde der für indigene Angelegenheiten zuständige Staatsanwalt aus dem Bundesstaat Chiapas, Gregorio Pérez Gómez, der die Verbindungen zwischen den Bezirkspolitikern und der organisierten Kriminalität untersuchte, ermordet.
Ganze Regionen werden derzeit in Folge von Kämpfen um die Kontrolle von Territorium von paramilitärisch-kriminellen Banden terrorisiert. Im Fadenkreuz: Indigene Menschen bzw. Gruppen. Tausende müssen fliehen.
Bei Manuel Pérez Gómez vom Maya-Volk der Tsotsil und Mitarbeiter der NGO Serapaz kommen Erinnerungen an schlimme Zeiten auf: „Wir wollen kein neues Morden wie im Ort Acteal im Jahr 1997. Damals haben sie 45 unschuldige Brüder und Schwestern massakriert. Ya Basta!“,  genug ist genug.

Indigene weiter marginalisiert
Chiapas ist ein Bundesstaat im Südosten Mexikos, etwa so groß wie Österreich, mit 4,8 Millionen Einwohner*innen. Etwa ein Drittel von ihnen gehört verschiedenen Ethnien der indigenen Maya-Völker an. Die Indigenen in Chiapas sind seit jeher marginalisiert und leiden unter historischer und struktureller Diskriminierung. Seit 1994 ist Chiapas durch den Aufstand der Zapatistischen Nationalen Befreiungsarmee EZLN gegen die verschiedenen Formen von Gewalt international bekannt geworden.

Zapatist*innen derzeit auf Tour
Im Mai kamen die ersten Teilnehmer*innen der zapatistischen Weltreise in Europa an. Im August folgten rund  170 Delegierte, die in fünf Gruppen seither (bis Dezember) durch ganz Europa touren, um sich mit linken Organisationen zu vernetzen und zu solidarisieren.
Auch in Österreich haben sie dieses Ziel verfolgt und sind im Rahmen der Klimastreik-Demo in Wien am 24. September auf die Straße gegangen.
Hintergrundinfos zur Reise hat Tobias Lambert für die September-Ausgabe des Südwind-Magazins zusammengefasst: https://www.suedwind-magazin.at/leinen-los/

Begüterte Großgrundbesitzer, Geschäftsleute und ihre Vertrauten, die traditionell die politischen Ämter in Chiapas besetzen, versuchen sich mit paramilitärischen Gruppen und zunehmend unter Zuhilfenahme von Akteuren der organisierten (Drogen-)Kriminalität ihren privilegierten Status zu sichern.
Präsident Andrés Manuel López Obrador versucht Mexikos Langzeit-Probleme, Korruption und die organisierte (Drogen-)Kriminalität zu bekämpfen, auch durch militärisches Durchgreifen.

Gleichzeitig treibt er auch in Chiapas die Umsetzung von vom Staat und transnationalen Unternehmen geförderten Megaprojekten, in den Bereichen Bergbau, Energieerzeugung und Transport – mit ökologischer Ausrichtung. Dafür werden allerdings vor allem Indigene zwangsumgesiedelt.

In Chiapas eskalierten traditionelle Konflikte um territoriale Kontrolle rund um die landesweiten Bezirkswahlen vom Juni dieses Jahres.
NGO-Mitarbeiter Pérez Gómez bringt die Situation auf den Punkt: „Viele der Gemeinden wollen nicht mehr von politischen Autoritäten regiert werden, die eng mit dem organisierten Verbrechen zusammenarbeiten. Sie fordern, ihre Amtsträgerinnen und Amtsträger mittels ihrer eigenen Sitten und Gebräuche ernennen zu können.“

Flucht und Gewalt
Aktuell kommt es wieder zur massenweisen Fluchtbewegungen, etwa aus dem Bezirk Aldama, der praktisch unter Dauerbeschuss von paramilitärisch-kriminellen Banden steht. Circa 3.000 Menschen indigener Abstammung versuchen sich Richtung Nachbarbezirke oder in die städtischen Gebiete Tuxtla Gutierrez oder San Cristobal de las Casas in Sicherheit zu bringen.
San Cristobal, die zweitgrößte Stadt in Chiapas, erlebt dabei ihrerseits eine noch nicht dagewesene Gewaltwelle, ausgelöst von sich konkurrierenden kriminellen Gruppen. Die in der Stadt stationierten bundesstaatlichen Sicherheitsbehördengreifen nicht ein. Vor kurzem wurde ein Mädchen durch eine verirrte Kugel getötet.

Angesichts der Situation gründete sich im Sommer im Bezirk Pantheló die Selbstverteidigungsgruppe El Machete, die bis heute versucht, ihre Bevölkerung vor Übergriffen der mit der organisierten Kriminalität in Verbindung gebrachten politischen Bande der ehemaligen Bezirkspräsidentin – und ihres Ehemannes, der das Amt jetzt beansprucht –  zu schützen. Auch in anderen Bezirken von Chiapas gibt es zumindest vier weitere solche Selbstverteidigungsgruppen.

Auch die bewaffnete Basis der EZLN, der Zapatist*innen, drohte unlängst, ihre pazifistische Strategie –nach ihrem kurzen bewaffneten Aufstand von 1994 kündigten sie den „Tausch der Waffen gegen das Wort“ an – aufzugeben, und wenn nötig mit Waffengewalt zu antworten.

Matthias Gossner ist Fachkraft des Programmes Ziviler Friedendienst bei Unitierra in Oaxaca/ Mexiko.

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