Chronik eines Aufschwungs

Von Antje Krüger · · 2007/06

66 Monate nach dem ökonomischen und politischen Kollaps hat Argentinien die tiefe Krise überwunden; Präsident Kirchner machte es möglich. Im kommenden Oktober wird der nächste Staatschef gewählt – oder wird es erstmals eine Chefin?

Erlösen können wir uns nur selbst“, sagt der Journalist Miguel Bonasso. Dann schweigt er. Sein Satz setzt einen Punkt, ihm folgen keine weiteren Worte. Nur der Versuch, die Hoffnung nicht aufzugeben. Draußen vor dem Fenster des kleinen Büros in Kongressnähe ist Buenos Aires kaum wiederzuerkennen. Die Stadt, berühmt für ihr Leben rund um die Uhr, wirkt wie gelähmt. Angst krallt sich fest, niemand weiß wirklich, wie es weiter gehen soll oder ob es nicht noch schlimmer kommt.
Eine Szene zu Jahresbeginn 2002. Argentinien war wenige Monate zuvor in sich zusammengebrochen, wirtschaftlich, politisch, sozial. Im Lärm tausender wütend geschlagener Topfdeckel wachte Argentinien im Dezember 2001 aus dem Traum auf, in der „Ersten Welt“ anzukommen. Wie die Fenster der geplünderten Supermärkte zersplitterten alle Gewissheiten, die das Land bis dahin ausmachten. Was folgte, war der freie Fall, scheinbar ohne Weg zurück. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung rutschte an die Armutsgrenze. Kinder starben an Hunger im Land des Rindfleischs und der Landwirtschaft. Die offizielle Arbeitslosigkeit stieg auf über 25%, die Dunkelziffer lag weit höher. Ein ganzes Land hatte die Hoffnung verloren.

Fünfeinhalb Jahre später. In Buenos Aires pulsiert das Leben. Cafés und Restaurants sind voll besetzt, Frauen schlendern mit mehreren Einkaufstaschen Geschäftspassagen entlang. Männer in Anzügen sprechen hektisch in Handys. Alle paar Meter wird ein Taxi angehalten. TouristInnen outen sich mit ihren Kameras um den Hals. Die Zeichen finden sich noch, die damals für Armut und Verzweiflung standen: Menschen, die den Müll durchwühlen und daraus einen „Beruf“ machten, obdachlose Kinder, protestierende Arbeitslose, selbst organisierte Suppenküchen. Doch prägen sie nicht mehr das Stadtbild. „Argentinien hat sich, zumindest oberflächlich, wieder gefangen. Das Leben funktioniert und die Zeitungen melden 9% jährliches Wirtschaftswachstum, das Sinken der Arbeitslosenquote auf 11% und nur noch Armut bei einem Drittel der Bevölkerung“, erklärt die Politologin Cecilia Lucca.. Doch der Überlebenskampf sei nicht vorbei. „Vor fünf Jahren wurde er auf die Straße getragen, jetzt ist er hinter die Wohnungstüren zurückgekehrt. Trotz allem wird dadurch das Gefühl vermittelt, die Krise wäre Geschichte.“
Ob in besetzten Betrieben, in Arbeitslosenorganisationen oder Stadtteilversammlungen – die ArgentinierInnen suchten nach Lösungen und fanden sie größtenteils. Ihre Kreativität war dabei der einzige Ausweg. Und ein Präsident, den niemand kannte und der mit nur 22% der Stimmen die Wahl gewann, als kleineres Übel, weil sein Stichwahlgegner zurück trat.

Sollen sie doch alle gehen: „Die Politik, die Institutionen und die Regierung müssen mit dem Volk wieder versöhnt werden“, sagte am 25. Mai vor vier Jahren Néstor Kirchner, als er sein Amt als erster nach der Krise gewählter Präsident antrat. Es war die Antwort auf den Slogan „Sollen sie doch alle gehen!“, mit dem die Bevölkerung die Politiker zum Teufel wünschte. Rückgewinnung und Wiederaufbau versprach der ehemalige Gouverneur der südlichsten Provinz Argentiniens. Und Néstor Kirchner bewies dabei überraschenden Mut und Volksnähe.
Der Peronist, der die Wahlen gegen den Peronisten und Ex-Präsidenten Carlos Menem gewonnen hatte, brach mit der Tradition der Selbstbeweihräucherung. Er ging Tabu-Themen an, was ihm die Zustimmung von über 80% der Bevölkerung brachte. Höhepunkte waren dabei die rigorose Ächtung der Verbrechen der Diktatur (1976-1980) und der Kampf gegen die Korruption, der zu zahlreichen Absetzungen und Strafprozessen in der Polizei und anderen staatlichen Institutionen führte. „Néstor schmeißt die Mafia raus“, feierte ein Grafitto in Buenos Aires diese unerwartete Konsequenz.
Konsequenz ist Kirchners Markenzeichen. Konsequent war die unnachgiebige Haltung seiner Regierung bei der Schuldenfrage. Argentinien hatte die Zahlungsunfähigkeit erklärt, und Kirchner stellte die Rückzahlungen an Internationalen Währungsfonds (IWF), Weltbank und private Gläubiger ein. Doch dann zahlte er ebenso konsequent nach stetigen Überschüssen im Staatshaushalt, wachsendem Bruttoinlandprodukt und hohen Exportsteuereinnahmen die Schulden beim IWF 2005 vollständig zurück.

„Kirchner hat Glück und Soja“, wird gesagt, denn das hohe Wirtschaftswachstum und die sinkenden Arbeitslosenzahlen resultieren in erster Linie aus der Landwirtschaft – und konsequenten Investitionen in öffentliche Bauten. Konsequent ist aber auch Kirchners Regierungsstil per Sonderrechten und Dekreten, von denen er schon über 200 Mal Gebrauch machte. Für die einen häuft er damit Macht an, für die anderen ist er jedoch der Mann, der endlich durchgreift. Nach dem Kollaps vom Dezember 2001 entstand aus der Not heraus eine neue Zivilgesellschaft und verhinderte, dass Argentinien im Chaos versank. Doch je mehr das Leben wieder in gewohnte Bahnen gleitet, umso stärker verlieren sich Engagement und Solidarität. Man erinnert sich mit leichter Wehmut daran, wie an einen Jugendtraum. „Die Saat für die Veränderung unserer Gesellschaft von unten her ist nicht aufgegangen. Spalterei und Machtwahn haben leider auch diese Alternativen untergraben. Aber die Erinnerung an andere Möglichkeiten hat sich festgesetzt wie ein winziges Saatkorn. Das ist eine unauslöschbare Leistung“, so Cecilia Lucca. Und die Saat trägt Früchte, wenn auch jenseits des öffentlichen Interesses. Gut 150 Betriebe sind in die Hände der ArbeiterInnen übergegangen, und die Arbeitslosenbewegung wurde zu einem, wenn auch sehr umstrittenen, Machtfaktor. Ein Teil verbündete sich nämlich mit Präsident Kirchner – sein „Heer der Arbeitslosen“.
Die Selbstorganisation der Bevölkerung, die als gesellschaftliches Phänomen begann, blühte im Privaten voll auf. Sie prägt heute das lebendige Stadtbild von Buenos Aires. „Meine Ersparnisse waren nach der Krise in der Bank eingefroren. Ich durfte sie nur in Sachgütern anlegen. Statt das Geld gar nicht zu haben, sollte es für mich arbeiten. Also kaufte ich Möbel und machte dieses Café auf“, sagt Catalina Woyczinski in ihrer Bar im Stadtteil Palermo. Gleich nebenan findet sich ein Modeladen, ein Restaurant, ein Schmuckkästchen – die Straße ist voll. Die fast untergegangene Mittelschicht sah hier ihre Rettung und kurbelte nebenbei Wirtschaft und Tourismus mit an. Wer in Argentinien keine Arbeit hat, erfindet eine. Die Krise brachte die Geldabwertung, die Geldabwertung machte Importe zu teuer, der interne Markt musste gesättigt werden, kleine Unternehmen und besetzte Betriebe setzten hier an. Die Geldabwertung machte Argentinien finanziell attraktiv für den Tourismus, eine ganze Branche entwickelt sich neu.

Nun wird am 27. Oktober in Argentinien wieder ein Präsident gewählt. Kein Krisenpräsident, denn die Wahl findet in verhältnismäßig stabilen, wenn auch sich neu ordnenden politischen Verhältnissen statt. Eigentlich liefen Kirchners vier Jahre Amtszeit im Mai aus. Doch die Krise vor fünf Jahren brachte ihm das Argument für Wahlen erst im Oktober.
Der Präsident selbst schweigt sich noch immer über eine neue Kandidatur aus. Im Gespräch ist hingegen seine Frau, Cristina Fernández. Strategen glauben, dass das Ehepaar gemeinsam so eine lange, lange Regierungszeit anstrebt – vier Jahre Néstor, vier oder bei Wiederwahl acht Jahre Cristina und dann noch eine erneute Kandidatur des heutigen Präsidenten. Doch das sind Spekulationen. In Argentinien ist kaum etwas vorherzusagen. Mit der Möglichkeit, dass das Land nach fünf Jahren wieder obenauf ist, hatte schließlich auch keiner gerechnet.

Antje Krüger studierte Politikwissenschaft an der FU Berlin. Heute arbeitet sie als freie Journalistin, insbesondere über Argentinien und Chile.

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