Allein gelassen

Flüchtlinge und Vertriebene weltweit werden im Zuge der Ausbreitung des Coronavirus weiter an den Rand gedrängt, wie ein aktueller Bericht zeigt.

Eine Ambulanz, die auf Covid-19 Verdachtsfälle in Durban, Südafrika, reagiert. Foto: Khethukuthula Mbonambi / Creative Commons BY-SA 4.0

Ende März hat Refugees International seinen Bericht zur „COVID-19 and the Displaced“ vorgelegt. Die unabhängige humanitäre Organisation für eine bessere Unterstützung von Vertriebenen und Staatenlosen mit Sitz in Washington zeichnet darin ein düsteres Bild über die Auswirkungen der weltweiten Corona-Krise auf die über 70 Millionen Menschen weltweit, die – aus den verschiedensten Gründen – nicht am Ort ihres Aufenthaltes beheimatet sind.
Ob Flüchtlinge, Asylsuchende oder auch Binnenvertriebene, sie alle leiden besonders unter den Begleiterscheinungen staatlicher Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Grenzen werden geschlossen, die Bewegungsfreiheit weiter eingeschränkt und die Vorurteile und Übergriffe gegen alles was „fremd“ ist nehmen zu.
Schon in Zeiten vor der Corona-Epidemie lebten diese Menschen am Rande der Gesellschaft, oftmals in Lagern oder lagerähnlichen Unterkünften, generationenübergreifend und ohne klare Zukunft auf engsten Raum, mit mangelhafter sanitärer Ausstattung und fehlender medizinischer Versorgung.
Mit der weltweiten Ausbreitung des COVID-19-Virus, so zeigt der Bericht von Refugees International klar, rutschen diese Menschen endgültig ans Ende der Prioritätenliste. Wenn schon in der privilegierten Welt der Kampf um Schutzmaterial, Testmöglichkeiten und schlussendlich um Beatmungsgeräte ausgefochten wird, bleiben jene am Rand der Gesellschaft außen vor.

WHO-Warnungen. Beispiel Horn von Afrika: Hier leben aktuell 5,3 Millionen Flüchtlinge und 2,5 Millionen Binnenflüchtlinge. Gleichzeitig gibt es in ganz Somalia keine Möglichkeit zur Corona-Testung. Jede einzelne Probe muss nach Südafrika ausgeflogen werden. Allein fünf Millionen „displaced persons“ halten sich in der Demokratischen Republik Kongo auf, in Zentral- und Ost-Kongo gibt es keine Beatmungsgeräte.
Für Burkino Faso, dem von islamistischen Milizen geplagten Land in der Sahelzone, fürchtet die Weltgesundheitsorganisation WHO, dass die Corona-Sterblichkeit fünf- bis zehnmal höher liegen könnte als im weltweiten Durchschnitt; die WHO erwartet, dass bis zu einem Drittel der Erkrankten sterben könnte.
HIV, Tuberkulose und Malaria töten in Afrika bereits jetzt jedes Jahr Hunderttausende. Dass ausgerechnet Tuberkulosekranke anfälliger für das Coronavirus sind – wie eine Studie aus China bestätigt – macht die Prognosen nicht einfacher.
In ganz Südafrika – dem Land, mit dem besten Gesundheitssystems des Kontinents – gibt es für 59 Millionen EinwohnerInnen nur 974 Intensivbetten.
Unter solchen Rahmenbedingungen muss die Prognose für Millionen Flüchtlinge und Vertriebene bei einer weiteren Corona-Ausbreitung pessimistisch sein. Der aus Äthiopien stammende WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus drängt jedenfalls bereits darauf, sich „auf das Schlimmste vorzubereiten".

Stefan Brocza ist Experte für Europarecht und internationale Beziehungen.

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