„Corona kommt zum täglichen Überlebenskampf hinzu“

Von Simone Schlindwein – Interview ·
Victor Ochen © AYINET


Über die Wut der Bevölkerung im Norden Ugandas, das Gefühl eines gespaltenen Landes und die Coronakrise spricht Friedensaktivist Victor Ochen im Interview.

Uganda wirkt aufgrund des langen Bürgerkrieges wie zweigeteilt: der prosperierende Süden und der Norden, der nach wie vor unter den Kriegsfolgen leidet (bis 2006 kämpfte hier die Armee gegen die „Lord’s Resistance Army“). Wie reflektiert die Jugend im Norden (vgl. Karte S. 11) die Politik in der südlichen Hauptstadt?

Die Wahl wurde wie ein Showdown zwischen zwei konfrontativen Figuren dargestellt: Bobi Wine versus Präsident Museveni. Doch es gab auch andere politische Kandidaten. Im Norden gingen nicht alle Stimmen der Opposition an Wine. Er kommt aus der Hauptstadt Kampala und hat sein Programm auf die pure Masse konzentriert, die er mobilisieren wollte. Aber: Er hat keine klare politische Richtung vorgegeben.

Was sind die größten Herausforderungen für die Jugend im Norden, auch mit Blick auf die Coronakrise?

Corona kommt zum täglichen Überlebenskampf noch hinzu. Viele junge Leute hatten bislang als Putz- oder Sicherheitskräfte in Kampala gearbeitet und schickten ihr Gehalt nach Hause, um ihre Familien zu versorgen. Doch dann kam Corona und die meisten verließen wegen des Lockdowns und der hohen Ansteckungsrate die Hauptstadt und flüchteten zurück in ihre Dörfer. Doch diese jungen Leute haben meist aufgrund des Krieges die Schule abgebrochen und finden nun keinen Anschluss.

© AYINET

Victor Ochen ist Friedensaktivist und Direktor der NGO „African Youth Initiative Network“ (AYINET), die er 2005 im Norden Ugandas gründete. 2015 ernannte das Magazin Forbes den heute 39-Jährigen zu einer der wichtigsten Führungsfiguren Afrikas. Er wurde daraufhin als jüngster Kandidat in der Geschichte für den Friedensnobelpreis nominiert.

Wie schätzen Sie die Situation in den nächsten Jahren unter Präsident Museveni ein?

Die Frage ist: Wohin gehen wir von hier aus? In einer Gesellschaft, die von ungelernten und abgehängten jungen Menschen dominiert wird, besteht immer ein Risiko zu Gewalt und Widerstand. Solange Frustration und Misstrauen vorherrschen, müssen wir unsere Politiker daran erinnern, dass sie sich nicht der Rechenschaftspflicht entziehen können.

Und sie müssen sich in der Zukunft die Frage gefallen lassen, wie viele Menschen sie mit ihren Entscheidungen zu einem völligen Lockdown in die Armut zurückwerfen. Mit dem, was wir an Wut in der Bevölkerung sehen, dem Gefühl eines gespaltenen Landes, dem Gefühl der Entrechtung, dem Gefühl der Nichtzugehörigkeit der Menschen auf dem Land, denke ich, ist ein Punkt erreicht, an dem viele sagen: Genug ist genug!

Was bräuchte es stattdessen?

Wir brauchen jetzt eine gute Führung, die inklusiv ist und bereit ist, den marginalisierten Stimmen zuzuhören. In diesem Fall vor allem den Jugendlichen, denn sie sind die Mehrheit (drei Viertel der 43 Millionen Ugander*innen sind unter 35 Jahre alt, Anm. d. Red.). Und sie werden zunehmend zu einer großen politischen Kraft. Das kann eine negative oder eine positive Kraft sein, je nachdem, wann und wie wir eingreifen. Deshalb sollten wir uns jetzt mehr auf Innovation konzentrieren, junge Menschen einbeziehen und Inklusion sowie Entwicklung herbeiführen.

Was muss geschehen, um in Anbetracht des hohen Alters des Präsidenten einen friedlichen Machtwechsel zu garantieren?

Es ist in Musevenis eigenem Interesse, mehr Beschäftigung und Wirtschaftswachstum zu ermöglichen. Er will es so sehr für sein eigenes Erbe. Und das ist es, was von den internationalen Medien völlig falsch interpretiert wird. Sie nennen ihn jetzt einen Diktator. Ich glaube nicht, dass er wirklich diktatorisch regieren möchte.

Interview: Simone Schlindwein

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