César Aira: Die nächtliche Erleuchtung des Staatsdieners Varamo

Von Werner Hörtner
Novelle. Aus dem Spanischen von Matthias Strobel. Verlag Nagel & Kimche, München 2006, 118 Seiten, EUR 14,90

Der heute 57-jährige argentinische Autor hat sich international als einer der großen Meister der lateinamerikanischen Erzählkunst etabliert, auch wenn er in breiten Kreisen des deutschsprachigen Publikums noch zu den Unbekannten zählt. Der unter dem Dach des Hanser Verlags publizierende Verlag Nagel & Kimche hat bereits zwei Titel von Aira veröffentlicht, „Humboldts Schatten“ und „Die Mestizin“, die LiebhaberInnen der Absurdität des Realen ebenfalls empfohlen werden können.
In der Mitte dieses als „Novelle“ kategorisierten Bandes hoher Erzählkunst stellt der Autor fest: „Obwohl der Gattung nach ein Roman, ist dies ein Buch über Literaturgeschichte; es ist keine Fiktion, weil es den Protagonisten wirklich gab und er der Urheber eines berühmten Gedichtes ist, das nach wie vor als ein Schlüsselaugenblick der hispanoamerikanischen Avantgarde studiert wird.“
Gleich zu Beginn erfahren die LeserInnen, dass im Jahre 1923 ein drittrangiger Staatsbeamter in Panama, der bis dahin noch keine einzige Verszeile geschrieben hatte und auch später nie wieder eine schreiben sollte, in einer einzigen Nacht das Gedicht „Der Gesang des jungfräulichen Kindes“ verfasst hatte, ein Meisterwerk der mittelamerikanischen Lyrik. Und die Leserin, der Leser wartet ungeduldig darauf, endlich den Text dieses so spontan entstandenen meisterhaften Gedichts kennen zu lernen. Doch der Autor verstrickt uns immer mehr in eine ausführliche Schilderung der Missgeschicke des kleinen unbedeutenden Staatsbeamten Varamo und in seine tausendfüßlerhaften Überlegungen, einen Ausweg aus seiner Misere zu finden, totgeborene Reflexionen, schon im Augenblick des Entstehens zum Scheitern verurteilt, und über all diesen mit großer Kunstfertigkeit und tiefem Wissen um die menschlichen Unzulänglichkeiten gesponnenen Gedankenblüten vergessen wir schließlich auf den Ausgangspunkt der Geschichte, das lyrische Meisterwerk. Da macht der Autor kehrt und führt uns wieder zurück an den Anfang, zur Ankündigung von Varamos Gedicht, und doziert vergnüglich und doch tiefschürfend über das Wesen der Avantgarde und entwickelt eine Entstehungsgeschichte des avantgardistischen Werkes.
César Aira erzählt die Abenteuer und philosophischen Betrachtungen des Ministerialbeamten Varamo mit viel Witz und literarischer Eleganz, und wir Lesenden bemerken kaum, dass er uns zugleich in einer vergnüglichen Gesellschafts- und Künstlersatire einfängt.

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