Das „achte Weltwunder“ in Gefahr

Von Maurice Malanes ·

Daumendicke, armlange Riesenregenwürmer sind dabei, das „achte Weltwunder“ zu zerstören. So lautete bislang die Erklärung für den schleichenden Zerfall der Reisterrassen von Banaue, die von der UNESCO 1995 zum Weltkulturerbe erklärt wurden. Einer neuen St

Die Regenwurmplage ist in Banaue, einer Stadt etwa 300 Kilometer nördlich der philippinischen Hauptstadt Manila in der Berglandprovinz Ifugao auf der Nordinsel Luzon, ein altbekanntes Problem. Seit den frühen neunziger Jahren hat sie sich jedoch verschärft. Damals begann das Wasser knapp zu werden – das Lebenselixier für die auf steilen Berghängen angelegten Reisterrassen. Denn Regenwürmer vermehren sich umso rascher, je weniger Wasser es gibt – und je mehr Würmer, desto mehr Wasser geht verloren. Trocknen die oberen Erdschichten aus, bohren sich die Würmer auf der Suche nach Feuchtigkeit tiefer in den Boden. Wasser dringt durch die Bohrlöcher ein, die Erde und die Terrassenwände trocknen weiter aus und stürzen schließlich ein.

Was hat der Tourismus damit zu tun? Die Antwort liefert eine neue Studie von Wilfredo Alangui von der Tebtebba-Stiftung, einem privaten Forschungsinstitut mit Sitz auf den Philippinen: Der Tourismus ist hauptverantwortlich für den Raubbau an Wäldern, die für die Wasserversorgung der Reisterrassen von Banaue lebenswichtig sind. „Der Fremdenverkehr hat Holzschnitzerei und Handwerk gefördert und dazu beigetragen, die lokalen Waldbestände zu dezimieren“, heißt es in der Studie – und das blühende Geschäft mit Holzschnitzereien bedrohe sogar den in Ifugao traditionell schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen.

Etwa die Nutzung des Muyong, einer Waldparzelle, die einem Clan oder einer Familie zur Versorgung mit Brennholz, Medizin und Baumaterialien zur Verfügung steht. Traditionsgemäß werden Bäume nur für einen ganz bestimmten Zweck gefällt und sorgfältig ausgewählt. „Nun werden aber unterschiedlichste Baumarten immer häufiger für die Holzschnitzerei genutzt“, so die Studie, die den Tourismus auch unmittelbar mit der Wasserknappheit in Banaue in Zusammenhang bringt: „In der Población (der zentralen Siedlung) muß sich die Gemeinschaft nun das Wasser mit der wachsenden Zahl von Hotels, Pensionen und Restaurants für die Touristen teilen.“

Doch nicht nur das Wasser ist knapp, sondern auch die Arbeitskraft: Über Generationen hinweg sorgte ein gemeinschaftliches Bewirtschaftungssystem – ug-ugbo für Frauen, bachang für Männer – für die Erhaltung und Bewässerung der Terrassen. Das System werde nun durch die Geldwirtschaft ausgehöhlt, die sich in Ifugao durch den stark geförderten Tourismus verbreitet, so die Studie. Eine Folge sind steigende Preise für Arbeitskräfte, die ein Ifugao-Bauer kaum mehr bezahlen kann. Die Attraktivität des Reisanbaus für die lokale Bevölkerung sinkt damit beträchtlich. Viele Bauern haben die Landwirtschaft völlig aufgegeben und arbeiten jetzt in Branchen, die mit dem Fremdenverkehr aufblühten, errichten auf ihren früheren Reisfeldern Touristenunterkünfte und Souvenirläden oder verkaufen sie für diese Zwecke.

Einige Bauern haben sich darauf verlegt, Gemüse für den Bedarf der BesucherInnen und TouristInneen anzubauen. Damit nimmt aber auch der Gebrauch von chemischen Düngemitteln und Pestiziden zu, die sich negativ auf die Fruchtbarkeit und das ökologische Gleichgewicht der Reisterrassen auswirken können.

Offiziell mit der Rettung der bedrohten Reisterrassen betraut ist die im Februar 1994 gegründete „Ifugao Terraces Commission“ (ITC). Sie soll unter anderem die lokalen Behörden und verschiedene Regierungsinstitutionen in ihre Arbeit einbinden. Im Rahmen der Tebtebba-Studie stellte sich jedoch heraus, daß viele EinwohnerInnen der Region die ITC nicht einmal dem Namen nach kennen, während jene wenigen, die mit der Arbeit der Kommission vertraut sind, nicht viel von ihr halten.

Die ITC habe ihr Bestes getan, um die Probleme in einer „ganzheitlichen Weise“ zu bewältigen, verteidigt sich ITC-Direktor Juan Dait, Jr., selbst ein Ifugao. Etwa beschaffte sich die ITC 2.000 Neem-Setzlinge von der Universität Los Banos bei Manila, um die Bäume sowohl zur Bekämpfung der Regenwürmer als auch zwecks Aufforstung in Ifugao anzupflanzen.

Zweifellos wirke sich der Tourismus „negativ“ auf die Kultur und die Wertvorstellungen der Ifugao aus, räumt Dait ein, und er habe auch einen drastischen Rückgang der Waldbestände der Region zur Folge. Aber die ITC stehe vor einem Dilemma: „Wir können nicht einfach den Holzschnitzern ihre Lebensgrundlage entziehen“, so Dait, „und auch den Tourismus können wir nicht stoppen“. Ein Ausweg: Die Holzschnitzer selbst hätten zugesagt, mit dem Ministerium für Umwelt und natürliche Ressourcen zusammenzuarbeiten, um lebenswichtige Waldgebiete aufzuforsten.

Laut Dait hat die ITC auch die Bildung eines Treuhandfonds für die Bäuerinnen und Bauern angeregt, die bisher kaum vom Tourismus profitierten. Dieser Fonds wird aus Beiträgen der vom Tourismus lebenden Unternehmen wie von Hotels, Pensionen und Restaurants gespeist. Die Gelder sollen zusammen mit Mitteln der Regierung und ausländischer Geber die Wiederherstellung erodierter Reisterrassen und zerstörter Bewässerungssysteme finanzieren.

Zwar wurden die Reisterrassen bereits unter Präsident Fidel Ramos als lohnende Destination im Rahmen eines umweltfreundlichen Tourismus beworben. Kann jedoch ein echter Ökotourismus das achte Weltwunder retten? Wohl kaum, meint Studienautor Alangui von der Tebtebba-Stiftung. Ökotourismus ist für ihn „eher ein Marketing-Konzept als eine Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung“.

Sicher ist jedenfalls, daß Ökotourismus weltweit zu einem lukrativen Geschäft geworden ist. Daher auch die Prognose von Alangui: Die Menschen in Ifugao würden in den nächsten Jahren wahrscheinlich eine weitere Zunahme eines Tourismus erleben, der kaum als „sanft“ bezeichnet werden kann. Der Tourismus hat laut Alangui bereits die Kultur der Ifugao in ein Ware verwandelt und die lokalen Wertvorstellungen untergraben.

Als Beispiel nennt er ältere Menschen, die sich für schnelles Geld in traditioneller Tracht vor Touristenkameras in Pose werfen.

Und davon, daß der Touristenstrom Ifugao, eine der ärmsten Provinzen des Landes, wenigstens von der Armut befreit hätte, wie ursprünglich geplant, ist auch nichts zu bemerken: Seit in den siebziger Jahren unter Diktator Ferdinand Marcos das aggressive Marketing des Tourismus in der Provinz begann, hat sich der Studie von Alangui zufolge der Lebensstandard der lokalen Bevölkerung kaum verbessert.

Profitiert hätten einige wenige Ifugao-Unternehmer im Hotel-, Restaurant- oder Unterhaltungsgeschäft, während das Leben für die meisten Einheimischen härter geworden sei. Viele mußten abwandern, um ihr Glück anderswo zu versuchen. „Am Ende wird die eigentliche Grundlage des blühenden Tourismus in Ifugao verschwunden sein, die Touristen werden ausbleiben, und die Leute werden nur mehr das Wenige haben, was von ihrer Kultur, ihrer Umwelt und ihrer Würde noch übrig ist“, warnt Alangui.

Weit optimistischer sieht ITC-Chef Dait die Zukunft der „Himmelsleiter“ der Provinz. Der Schlüssel zur Rettung der Reisterrassen nicht nur in Banaue, sondern auch in acht anderen benachbarten Städten, versichert Dait, wäre die Erstellung umfassender Flächenwidmungspläne durch die Stadtgemeinden selbst. Darin könnten sie ihre Entwicklungsziele festlegen und auch die für die Wasserversorgung lebensnotwendigen Wälder zu Schutzgebieten erklären.

Weitere ITC-Projekte, so hofft Dait, könnten die Ifugao-Bauern anregen, die Reisterrassen selbst zu schützen und zu erhalten. Dazu zählt die Wiederbelebung des Schmiedehandwerks, die Vermarktung einer einheimischen Reissorte als „hochwertiges“ Qualitätsprodukt und die Neufassung der Lehrpläne für die Grundschulausbildung in Ifugao. Dabei sollen kulturelle Traditionen der Ifugao wie etwa die gemeinschaftliche Landbewirtschaftung und einheimische Techniken wie der Terrassenbau in den Lehrstoff integriert werden.

Die Rettung der Reisterrassen und der bedrohten Kultur der Ifugao kann nur gelingen, wenn ein „ganzheitlicher und integrierter“ Ansatz verfolgt wird, betont Dait, und die „Betroffenen selbst müssen einbezogen werden“. Soweit die Botschaft der ITC. Worte allein werden private Organisationen wie die Tebtebba-Stiftung und viele kritische Ifugao jedoch nicht überzeugen.

Maurice Malanes ist ein Mitglied des Forschungsteams der Tebtebba-Stiftung.

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