Das Ende der Einsamkeit. Was die Welt von Lateinamerika lernen kann

Sebastian Schoepp

Sachbuch. Verlag Westend, Frankfurt/M. 2011, 272 Seiten, EUR 18,50

Der lateinamerikanische Subkontinent versank nach dem Militärputsch in Brasilien 1964 in einem Netz blutiger Diktaturen. Diese blieben ein bis zwei Jahrzehnte an der Macht – und hinterließen einen politischen, sozialen und ökonomischen Scherbenhaufen. Heute hat sich Lateinamerika zu einer der boomendsten Regionen der Welt entwickelt. Die so genannte Linkswende seit dem Ende der 1990er Jahre förderte die Errichtung stabiler Demokratien; der globale Rohstoffhunger führte besonders in den rohstoffreichen Ländern Lateinamerikas zu einem anhaltenden Wirtschaftsaufschwung, der auch die Krisen der letzten Jahre ziemlich unbeschadet überstand.

In kenntnisreichen, aus der eigenen Erfahrung schöpfenden Exkursen in die 1990er Jahre macht Schoepp, Auslandsredakteur der Süddeutschen Zeitung, den Siegeszug des Neoliberalismus in dieser Dekade verständlich. Ebenso wie die darauffolgende Periode, die er als „Geist des Che Guevara“ betitelt. Die Exponenten dieses Linksrutsches sind nicht einer einheitlichen Tendenz zuzuschreiben, sie vertreten insbesondere in Wirtschaftsfragen stark unterschiedliche Positionen. Dennoch prägen sie das Gesicht einer neuen lateinamerikanischen Außenpolitik, eines neuen lateinamerikanischen Selbstverständnisses.

In wohltuend objektiver Weise, ohne die üblichen Seitenhiebe, etwa gegen Hugo Chávez, analysiert er die Persönlichkeit der neuen linken Staatsmänner. Brasiliens Präsident Lula etwa, in dessen zwei Regierungszeiten 32 Millionen Menschen der Armutsfalle entkommen konnten, während gleichzeitig der Raubbau am Amazonasurwald voranschreitet.

Für die Euphorie und Selbstbeweihräucherung, mit der zahlreiche lateinamerikanische Staaten im vergangenen Jahr den Bicentenario, den zweihundertsten Jahrestag ihrer Unabhängigkeit feierten, hat der Autor wenig Verständnis. Seiner Meinung nach gehen diese verlorenen zwei Jahrhunderte erst in der Gegenwart zu Ende.

Dem Autor gelingt das Kunststück, die Geschichte des lateinamerikanischen Kontinents mit dem Schwerpunkt auf die letzten Jahrzehnte überzeugend und gut verständlich darzustellen.
Werner Hörtner

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