Das Ende einer Ära

Die Krise, in der die Welt nach dem 11. September 2001 versank, schien Träume von einer besseren, vernünftigeren Welt hinwegzufegen. Doch New-Internationalist-Autor Jordi Pigem diagnostiziert das Ende einer Ära, den Abschied von einem nicht tragfähigen Paradigma.

Von Jordi Pigem
1973 ist das Todesjahr von Picasso und Neruda. Das Jahr, in dem die letzten US-Truppen Vietnam verlassen und Nixon in den Strudel des Watergate-Skandals gerät. Das Jahr der Ölkrise: Die Exportländer drehen den Hahn zu – aus Protest gegen die Unterstützung des israelischen Expansionismus durch die Erste Welt – und die auf Erdöl angewiesene moderne Wirtschaft beginnt nach Luft zu schnappen. Es ist das Jahr des Aufstands von Wounded Knee: Am Ort eines unbarmherzigen Massakers an ihren Vorfahren leistet eine Gruppe amerikanischer UreinwohnerInnen zehn Wochen lang Widerstand gegen US-Truppen. Es ist das Jahr, in dem, genau am 11. September, Finsternis über Chile hereinbricht, die finstere Nacht des von Kissinger und der CIA orchestrierten Putsches. Im selben Jahr verurteilt die Jury einer verkehrten Welt Kissinger zum Friedensnobelpreis.
1973 veröffentlicht E. F. Schumacher „Small is Beautiful“, das erste großartige Manifest für eine ökologische Wirtschaft, eine Wirtschaft „nach menschlichem Maß“. Der Architekt Minori Yamasaki verkündet das Gegenteil. Er ist der Vater der Twin Towers, die am 4. April des selben Jahres getauft werden: Mit ihrem 192.000 Tonnen schweren Stahlgerüst sollten sie die stabilsten und eindrucksvollsten Gebäude der Welt sein.

Beinahe drei Jahrzehnte später kehrt Saturn wieder an jene Position zurück, die er bei der Taufe der Türme innehatte, und steht nun in exakter Opposition zu Pluto (dem Symbol der Unterwelt, der elementaren Kraft der Zerstörung und Erneuerung). Wir schreiben das Jahr 2001, das Jahr des „Human Genome Project“, des Marsches der Zapatistas nach Mexiko-Stadt, der brutalen Repression in Genua. Im September, in Manhattan, bedeckt die Asche der Unschuldigen die glanzvollen Straßen der Hochfinanz.
Der Bischof von San Cristóbal de las Casas, der Hauptstadt von Chiapas mitten im Gebiet der Zapatistas, verurteilt die entsetzlichen Anschläge auf die Twin Towers, fügt aber hinzu, dass die Politik des Nachbarlands „erntet, was sie gesät hatte“. Noam Chomsky sagt es bereits seit langem: Das Konglomerat aus Industrie, Banken, Politik und Militär, das die USA regiert, ist die mächtigste Terrororganisation der Geschichte. Aber eine Art des Terrorismus rechtfertigt nicht eine andere.

1996 wurde die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright im Fernsehen gefragt, wie sie zu den rund 500.000 Kindern stehe, die im Irak gestorben wären. Ihre Antwort: „Alles in allem glauben wir, dass es den Preis wert ist.“ Diese Kinder waren keine US-BürgerInnen. Und in der Aussprache Albrights klingt „justice“, Gerechtigkeit, wie „just us“ – nur wir. Das Problem sind aber nicht die USA, nicht einmal ihre Regierung: Das Problem ist ein System, an dem wir alle mitwirken. Nur FanatikerInnen können gegen ganze Länder oder Völker wüten. US-BürgerInnen mit ihrer Regierung zu verwechseln (die meisten haben Bush nicht gewählt, und die große Mehrheit weiß wenig über Außenpolitik) ist genauso sinnlos wie arme Menschen in Afghanistan mit den Taliban in einen Topf zu werfen.

Vor dem 11. September schien das Ausland – aus Sicht der USA – nicht ganz wirklich zu sein, eher verschwommen und körperlos, wie ein Traumland, das man besuchen konnte, aber ohne substanzielle Realität. Kein Wunder, dass ihre Elite sich weigerte, internationale Verträge über den Klimawandel, zur Rüstungskontrolle und über chemische oder biologische Waffen zu unterzeichnen, geschweige denn zu erfüllen. Kein Wunder, dass die USA dem UN-Gipfel über Rassismus Anfang September die kalte Schulter zeigten und trotz ihres Reichtums am tiefsten bei den Vereinten Nationen in der Kreide standen. Sie waren wie abwesend, eingelullt vom „Amerikanischen Traum“, kaum dessen bewusst, wenn überhaupt, dass dieser Tagtraum für Menschen und Ökosysteme außerhalb (und innerhalb) ihrer Grenzen ein Alptraum war. Der amerikanische Traum: ein schlafwandelnder Riese, der phantasiert, Gott im künstlichen Gelobten Land der Technologie und des Konsumismus zu sein. Eine Träumerei, ebenso schön wie unhaltbar.
Geladen mit Treibstoff und Fanatismus krachen die Flugzeuge in die Twin Towers, und die von ihnen geschaffene Hölle lässt die Blase platzen, in der der große Schlafwandler schwebte. Die so lange begrabene Wirklichkeit taucht aus den Trümmern und den Tränen auf. Erstmals beginnen viele US-BürgerInnen aufzuwachen und zur Kenntnis zu nehmen, dass sie genauso BürgerInnen dieser Welt sind wie alle anderen, und dass ihr Überfluss auf dem Blut anderer beruht – was viele dieser anderen wissen, und was einige unter ihnen nicht verzeihen werden. Aber der amerikanische Traum war auch der europäische und japanische Traum; es war der Traum der Weltbank und der Welthandelsorganisation, der Traum eines Geistes, der sich über die Erde, über Leben und Tod erheben will. Diese letzten Träume von Unsterblichkeit (Biotechnologie, künstliche Intelligenz und Nanotechnologie) sind durchaus in der Lage, sich selbst zu vervielfältigen und den Träumer von der Erde zu vertreiben.

Nach buddhistischer Auffassung wird unser Leben von drei Giften zersetzt: Gier, Hass und Unwissenheit. Diese Gifte sind heute so allgegenwärtig wie noch nie, sie durchdringen die Grundfesten unserer Welt: strukturelle Gier in unserem Wirtschaftssystem; struktureller Hass in der Politik vieler Staaten und im Waffenhandel (der blüht, wenn die Welt in Leid versinkt); und strukturelle Unwissenheit, ein Produkt der „Infotainment“-Industrie.
Von Jahr zu Jahr trägt die wirtschaftliche Globalisierung dazu bei, die Reichen (vor allem Unternehmen und Menschen aus dem Norden) reicher und die Armen (zumeist Länder und Menschen aus dem Süden) ärmer zu machen: Die reichsten 20 Prozent der Menschheit sind bereits 80-mal reicher als die ärmsten 20 Prozent. Gleichzeitig führt die strukturelle Gier des Systems dazu, dass täglich 24.000 Menschen an Unter- oder Mangelernährung sterben und 140 Arten von der Erde verschwinden.
Es wird immer offensichtlicher, dass unsere Welt auf keiner tragfähigen Grundlage steht, und dass das System zu allem anderen eher bereit ist als dies einzugestehen, zu allererst zur Kriminalisierung abweichender Meinungen und zur Abschaffung bürgerlicher Freiheiten. Aber jede Krise birgt auch eine Chance. Je später die Nacht, desto näher die Dämmerung. Die schlimme Lage, in der wir uns befinden, ruft uns dazu auf, aus unserem persönlichen und kollektiven Wahn zu erwachen und uns bewusst zu werden, wer wir sind, wohin wir gehen und wie wir leben.

Albert Schweitzer, ein würdiger Träger des Friedensnobelpreises, betonte, dass wir zu einem Gefühl der Ehrfurcht vor dem Leben zurückfinden und sein Geheimnis in Dankbarkeit feiern müssen. Wir brauchen eine neue Vision, um Dualismen zu überwinden und in jedem Menschen und in jeder Kultur eine wertvolle Quelle der Selbsterkenntnis sehen zu können, ohne auf unsere Überzeugungen oder die Handlungsweisen zu verzichten, die auf ihnen beruhen. Wir wissen, dass wir anderen geben müssen, was wir selbst uns wünschen, und dass uns moralische Integrität am besten schützt. Wie Gandhi lehrte: die Praxis von Satyagraha, das Festhalten an den Wahrheiten, die in uns allen existieren, wird die Wege öffnen, die wir beschreiten müssen. All das wissen wir. Ist das nicht genug?

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Jordi Pigem ist Lektor für Philosophie am Schumacher College in Devon, England.

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