Das Forum der Krisen

Von Christa Wüthrich · · 2009/03

Das Weltsozialforum in der Amazonas-Metropole Belém diente angesichts des drohenden Wirtschaftszusammenbruchs als Plattform zur Diskussion neuer Modelle und Alternativen.

Wir haben die Grenzen überschritten – die wirtschaftlichen, ökologischen und menschlichen. So geht es nicht mehr weiter. Wir stehen vor einer Revolution.“ Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff wählte klare Worte. Und damit war er nicht der einzige. Der Grundtenor des viertägigen Forums, das am 27. Jänner begann, war klar: Der Kapitalismus hat versagt. Es braucht ein neues Wirtschaftsmodell. Es gelte nicht, das System zu retten, sondern die Gesellschaft und die menschlichen Werte, betont Boff.
Das Weltsozialforum war für die sozialen Bewegungen die ideale Gelegenheit, um Antworten auf die Krise zu diskutieren. Ein großer Teil der rund 2.500 Aktivitäten stand im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftssituation und der Finanzkrise: von den chinesischen Investitionen und ihren Auswirkungen über die Patentierung von Lebewesen bis hin zum Kampf gegen die Konzerne. Doch was sind nun die Antworten und Modelle, die einen klaren Weg aus der großen Krise zeigen?
„Die absolute Verweigerung dem Kapitalismus gegenüber macht keinen Sinn“, sagt Antonio Martins, Mitbegründer des Weltsozialforums. Der Brasilianer erläutert: „Die Marktwirtschaft kann nicht abgeschafft werden. Der Markt war schon vor dem Kapitalismus hier. Eine Gesellschaft ohne Markt funktioniert nicht, genauso wenig wie eine Gemeinschaft, die nur vom Markt dominiert wird. Wir müssen lernen, nicht einfach ‚nein‘ zum Kapitalismus zu sagen, sondern ‚ja‘, aber gebunden an Bedingungen.“ Martins bringt folgendes Beispiel: Die Autoindustrie wird vom Staat unterstützt. Die Bedingung ist jedoch, dass bis 2015 die Hälfte aller produzierten Autos Elektromobile sind. Mit solchen Alternativen wird das System revolutioniert und eine bleibende Veränderung erreicht. Eine weiterer Gegenvorschlag zum „puren Kapitalismus“ ist das „1 & 1 & 1-System“. Wenn der Staat Geld in den Finanzsektor pumpt, ist er verpflichtet, die gleiche Summe in die Gemeinschaft (Erziehung, Sicherheit) und in die direkte Unterstützung der Bevölkerung (Sozialprogramme) zu investieren. Wirtschaft und Gesellschaft wären im Gleichgewicht. Die Krise hätte als positiver Katalysator gewirkt.

Fraglich bleibt jedoch, ob die Gesellschaft für solche drastischen Veränderungen schon bereit ist. Denn die Krise ist wohl in aller Munde, aber die meisten Menschen spüren sie noch nicht. „So lange 10.000 Personen aus Europa rund 3.000 Euro aufbringen können, um für wenige Tage zu einem Weltsozialforum am anderen Ende der Welt zu reisen, kann noch nicht die Rede sein von einer akuten Krise. Die wird erst noch kommen“, ist sich ein Forumsteilnehmer sicher. Allgegenwärtig am Forum war die Angst vor der Krise und ihren Konsequenzen – vor allem von Entwicklungsorganisationen, welche auf internationale Unterstützung angewiesen sind. „Im Vergleich zu Afrika sind die Projekt- und Lebenskosten in Brasilien viel höher. Wenn durch die Krise weniger Geld in die internationale Entwicklungsarbeit fließt, könnte das für uns fatal sein“, sagt Silvio Cavuscens, Direktor von SECOIA, einer Organisation, welche indigenen Völkern den Zugang zu Bildung ermöglicht.
Nicht als Bedrohung, sondern als Chance sehen die sozialistischen Präsidenten Lateinamerikas die Krise. „Der Kampf für den Sozialismus zeigt Wirkung – sei es in Bolivien, Ecuador oder in Paraguay. Wir hatten die Utopie einer anderen Welt. Diese Welt wird Realität“, erklärte Venezuelas Präsident Hugo Chávez auf einer Kundgebung und fügte hinzu: „Wir müssen den Kapitalismus umbringen, sonst bringt der Kapitalismus das Volk um.“

Das Weltsozialforum und die sozialen Bewegungen spielen für die sozialistischen Präsidenten eine entscheidende Rolle. Es sind diese Bewegungen, die ihre Macht legitimieren, betonen sie. Das Forum biete die Chance für Debatten und Prozesse, die eine andere Welt erst möglich machen, erklärte auch Fernando Lugo, Präsident Paraguays. Das nächste Forum ist für 2011 geplant. Das Weiterbestehen wird nicht in Frage gestellt – weder von den Präsidenten noch den TeilnehmerInnen oder vertretenen Organisationen. Auch der Zwei-Jahres-Rhythmus stößt auf Zustimmung. Denn die Erkenntnisse müssen umgesetzt und neue Prozesse in Gang gesetzt werden. Um in zwei Jahren einer anderen Welt einen Schritt näher gerückt zu sein.

Christa Wüthrich ist freie Journalistin und arbeitet für verschiedene Printmedien (www.wuethrich.eu).

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