Das Gedicht in der Tasche

Héctor Abad

Sachbuch. Aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann. Berenberg Verlag, Berlin 2011, 131 Seiten, EUR 20,-

Am 25. August 1987 wird in der Calle Argentina in Medellín der kolumbianische Menschenrechtsverteidiger und Arzt Héctor Abad Gómez erschossen. Ein politischer Mord, das ist klar, doch die genauen Hintergründe der Tat sind bis heute noch nicht aufgeklärt. Kolumbien, das Land der impunidad, der Straflosigkeit. Knapp zwei Jahrzehnte später wird Héctor Abad Faciolince, der Sohn des Ermordeten, eine berührende Hommage an seinen Vater veröffentlichen: „Brief an den Schatten“ (Im Original 2006 in Kolumbien erschienen, auf Deutsch 2009 im Berenberg Verlag).

In einer Tasche seines in einer Blutlache liegenden Vaters findet der damals 29-jährige Sohn ein handgeschriebenes, auf einem Zettel notiertes Gedicht. Héctor Abad jr. ist der Überzeugung, es wäre ein unveröffentlichtes Gedicht des argentinischen Altmeisters Jorge Luis Borges. Er veröffentlicht es wenige Monate später in der kolumbianischen Tageszeitung „El Espectador“, kurz vor seiner überstürzten Flucht aus Kolumbien. Doch noch kümmert sich niemand um die Autorenschaft des Gedichts. Erst als der Sohn in seinem oben erwähnten Buch das Sonett von Borges erwähnt, bricht eine heftige Diskussion, ein regelrechter Glaubensstreit aus, und Héctor Abad jr. beginnt eine krimihaft anmutende Suche nach der wahren Identität des Autors.

Zahlreiche Fachleute und auch Borges' Lebensgefährtin und Nachlassverwalterin María Kodama sprechen sich gegen die Autorenschaft des Argentiniers aus, andere sind dafür, ein kolumbianischer Dichter behauptet sogar, das Sonett selbst geschrieben zu haben.

Nach jahrelanger, teilweise ins Absurde abgleitender Recherche, die den Autor zwischen Kolumbien, Argentinien und Europa hin- und herführt, steht für Héctor Abad jr. fest: Das Gedicht stammt von Borges und war bloß den vielen Borges-Spezialisten und -Biographen bisher entgangen.

Ein spannendes, wertvolles Werk lateinamerikanischer Zeit- und Literaturgeschichte.
Werner Hörtner

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