Das große Geheimnis

Warum sprechen die meisten entwicklungspolitischen Organisationen über die Auswirkungen der Budgetkürzungen lieber hinter vorgehaltener Hand?

Von Lydia Matzka
In der entwicklungspolitischen Szene wird gejammert, dass es zu wenig Geld gibt (die Bilaterale Programm- und Projekthilfe wurde heuer auf 744 Millionen reduziert). Die Gerüchteküche brodelt. Manchen Organisationen soll es ganz schön schlecht gehen, hört frau. Manche seien sogar vom Zusperren bedroht. Auch gibt's Pläne für Fusionierungen. Leute sollen entlassen werden. Erfolgreiche Projekte können nicht mehr durchgeführt werden. Viele fühlen sich ausgepowert. Die Frage der Fragen hängt im luftleeren Raum: Was für einen Sinn hat die Entwicklungspolitik heute noch?

Für mich war und ist Entwicklungspolitik eine Notwendigkeit für ein besseres Verständnis zwischen Nord und Süd. Ich denke dabei nicht nur in erster Linie an Projektarbeit, sondern inbesondere auch an Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Kommunikation ist für mich der Schlüssel. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich Politologin und Journalistin bin.

Als ich im Oktober, nachdem ich von Innsbruck nach Wien übersiedelt bin, beim SÜDWIND Magazin als Redakteurin (Themenschwerpunkte: Afrika, Ökologie, Gesundheit, Innovation und Frauen) begann, versuchte ich mich gleich im Dschungel der entwicklungspolitischen Organisationen zurecht zu finden. Ich war begeistert von der Vielfalt. Im Dezember betroffen von den radikalen Kürzungen. Schockiert von den diversen Horror-Szenarien. Das große Schweigen nach Antritt der neuen Regierung war mir unerklärlich. Warum folgte dem Aufschrei vom Dezember der gebannte Blick auf die Schlange?

Ich wollte das Schweigen brechen und machte mich auf, einen Artikel zu recherchieren (zu lesen auf Seiten 8-10). Entwicklungspolitik ist ja eigentlich nicht mein Ressort, jedoch den Gerüchten zufolge ergäben die Auswirkungen der Kürzungen auf die NGOs eine spannende Geschichte. Ich erwartete mir viele konkrete Aussagen zur dramatischen finanziellen Situation. Wahrscheinlich musste ich als Szene-Neuling eines Besseren belehrt werden und auf Granit beißen. Die alten Hasen werden jetzt bestimmt auflachen, vielleicht auch den Grund dafür wissen, warum zwar lamentiert wird, konkret angesprochen aber lieber verbale Fluchtwege gesucht werden. Mir bleibt es ein Rätsel, warum die einzelnen Organisationen so große Hemmungen besitzen, nach außen die Wirklichkeit zu kommuniziern. Die Abhängigkeit vom Fördergeber ist sicher ein großes Problem. Niemand will sein Gesicht verlieren und den Anschein erwecken, am absteigenden Ast zu sitzen. Trotzdem fände ich es besser, die Dinge beim Namen zu nennen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

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