Das große Schnäppchen

Der Kaffeesektor in Burundi steckt in einer Krise. Um ihn wirtschaftlich wiederzubeleben, hat die Regierung der von der Weltbank empfohlenen Privatisierung zugestimmt. Ein Schrei der Entrüstung geht durch die Bauernschaft.

Von François Misser
Harte Arbeit, wenig Verdienst: Die Kaffeebäuerinnen und -bauern fühlen sich von der Regierung verraten.

Der burundische Kaffeesektor ist in einer schlechten Verfassung – mit Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft des Landes. Kaffee macht 55 Prozent der gesamten Exporterlöse aus. Er ist die Haupteinnahmequelle von 700.000 Familien in Burundi. In den letzten Jahren schwankte jedoch die exportierbare Menge an Kaffeebohnen in erschreckender Weise: 30.000 Tonnen 2006, ein drastischer Sturz auf 7.000 Tonnen 2007, ein Aufschwung auf 25.000 Tonnen 2008. 2009 fiel die Produktion erneut tief auf 6.500 Tonnen und letztes Jahr stieg die Menge wieder auf 24.000 Tonnen. Diese enormen Unterschiede sind die Folge von überalterten Kaffeeplantagen, fehlender Pflege der Pflanzen und auch einem Mangel an Düngemittel, erklärt ein Report des burundischen Instituts für Landwirtschaftswissenschaften (ISABU). „Unterschiedlich hohe Erträge sind ein normaler Teil des biologischen Kreislaufs, doch in diesem Ausmaß sind sie inakzeptabel“, sagt der frühere Premierminister Adrien Sibomana, der nun Präsident von Intercafé ist, einer Vereinigung von AkteurInnen des Kaffeesektors wie etwa Bäuerinnen und Bauern, Verantwortliche von Kaffeeaufbereitungsstationen und ExporteurInnen.

Während des über zehn Jahre dauernden Bürgerkriegs – 2009 legte offiziell die letzte Rebellengruppe ihre Waffen nieder (siehe SWM 10/10) – verließen viele Bäuerinnen und Bauern ihre Plantagen. Als sie zurückkamen, pflanzten sie vor allem Nahrungsmittel auf ihrem Land an. Landwirtschaftliche BeraterInnen hatten Angst, in die noch vom Krieg unsicheren Gegenden zu gehen, um die (ehemaligen) Kaffeebäuerinnen und -bauern bei der Kaffeeproduktion zu beraten, erklärt Sibomana. Es wurden kaum junge Kaffeestauden nachgepflanzt.

Das Planungsministerium sieht noch einen anderen Grund für die unterschiedlich hohen Erträge: Viele Bäuerinnen und Bauern haben das Interesse an einem Produkt verloren, dessen Qualität nicht genügend am Weltmarkt gepriesen und verkauft wurde. Burundischer Kaffee wurde in der Vergangenheit 30 Prozent unter dem Weltmarktpreis verkauft. Noch dazu wurden viele Ernten durch Seuchen und Krankheiten wie Kaffeerost zerstört. Dieser Pilz befällt die Blätter und bremst das Wachstum der Kaffeebeeren drastisch, weiß Prosper Nihaza, ein 50 Jahre alter Bauer aus Rugozi in der Region Bubanza. Er kultiviert Arabica-Bohnen, wie 97 Prozent seiner burundischen KollegInnen.

Klimatische Bedingungen machen den Kaffeebäuerinnen und -bauern das Leben noch zusätzlich schwer. Letztes Jahr wurden in Isale nahe der Bujumbura-Bugarama-Straße viele Plantagen durch Hagel zerstört. ISABU erklärt, dass die Dürren von 2003 und 2004 einen erheblichen Schaden bei den Kaffeepflanzen im ganzen Land angerichtet haben.

Unter diesen Bedingungen konnte der Kaffeesektor, der lange Zeit von der halbstaatlichen Kaffeebehörde OCIBU kontrolliert wurde, nicht profitabel sein. Deshalb beschloss die Regierung, dem Rat der Weltbank zu folgen: Eine Reform wurde eingeleitet, die die Privatisierung der Kaffeeaufbereitungsstationen und die Liberalisierung des Kaffeehandels beinhaltete. Im Juni 2009 wurde eine Aufsichtsbehörde ins Leben gerufen, die u.a. die Aufgabe hat, technische und finanzielle Informationen über den Kaffeesektor für die Regierung bereitzustellen und die Regierung bei der Reform des Kaffeesektors zu beraten. Im Dezember desselben Jahres wurde auch Intercafé gegründet und mit folgenden Aufgaben betraut: die Ziele des Kaffeesektors mit den Reformen der Regierung in Einklang zu bringen, eine Vertretung für die Wirtschaftstreibenden des Sektors zu sein, sowie burundischen Kaffee inner- und außerhalb des Landes bekannt zu machen.

Damals begann die Regierung auch die Privatisierung von 13 Kaffeeaufbereitungsstationen – von 133 existierenden. Dies war eine der Bedingungen der Weltbank für ihre finanzielle Unterstützung. Jetzt denkt die Regierung an die Privatisierung der restlichen Stationen. Anfang Mai dieses Jahres forderte der Nationalverband der burundischen Kaffeebauern (CNAC) eine Aufhebung dieses Plans. CNAC stellt sich dabei nicht generell gegen eine Privatisierung sondern kritisiert, wie die Privatisierungen vonstatten gehen. Für die Bauernschaft war die erste Privatisierungswelle ein Ausverkauf. Die 13 Stationen wurden insgesamt für eine Million US-Dollar an die Schweizer Firma Webcor verkauft, obwohl die EU 2008 19 Millionen Euro allein in die Renovierung der 133 Waschstationen investiert hatte. CNAC stellt sich auch gegen Webcors niedrigen Einkaufspreis von 350 burundischen Francs (ca. 20 Euro-Cent) pro Kilogramm Kaffeebohnen, obwohl andere Einkäufer 490 burundische Francs (ca. 28 Euro-Cent) bieten. CNAC warnt, dass Bäuerinnen und Bauern, die ihre Ernte an Webcor verkauft haben, knapp vor einem Aufstand stehen.

Weiters fordern die burundischen Kaffeebäuerinnen und -bauern, dass die Weltbank die Bedingungen der Privatisierungen überprüfen soll. Derzeit ist es verboten, dass Bäuerinnen und Bauern selbst BesitzerInnen einer Aufbereitungsstation sind. Die Kaffeesektorreform erlaubt den Bäuerinnen und Bauern nur eine maximale Beteiligung von 25 Prozent an den Stationen. CNAC sagt, dass dies nicht genug sei, da die Bauernschaft dadurch keinen ausreichenden Einfluss auf das Management habe. Außerdem, argumentiert CNAC, mussten burundische Kaffeebäuerinnen und -bauern in der Vergangenheit 60 burundische Francs (ca. 3 Euro-Cent) pro Kilo Kaffee an den Staat zurückführen, um die Schulden abzubezahlen, die der Staat aufgenommen hat, um die Waschstationen überhaupt zu bauen. Deshalb sollten sie mittlerweile sowieso den Bäuerinnen und Bauern selbst gehören.

Mit dieser Kritik konfrontiert, lehnt die Weltbank Interviews ab und sagt, KritikerInnen sollten sich lieber bei der burundischen Regierung beschweren, die sich diese Strategie ja selbst ausgedacht habe. Die Weltbank scheint dabei zu vergessen, dass sie selbst darauf bestanden hat, dass die Privatisierung durchgeführt wird, ansonsten wäre der Geldhahn abgedreht worden. „Man wird nirgendwo auf der Welt absolute Unterstützung für so eine Reform finden“, sagt ein burundischer Bankexperte, der seinen Namen nicht in Zusammenhang mit diesem Thema öffentlich machen will. Er betont jedoch, dass es Missverständnisse gab bezüglich des Preises, den Webcor an die ProduzentInnen zahlt.

Die Situation ist auf keinen Fall leicht. Adrien Sibomana weiß, dass den ProduzentInnen ihr Anteil an den Aufbereitungsstationen zu wenig ist. Doch er betont auch, dass EinkäuferInnen, die ihr Kapital in diese Anlagen investieren, auch die Kontrolle darüber haben wollen. „Ein Kompromiss sollte jedoch möglich sein“, meint er.

Währenddessen sind sich Weltbank-ExpertInnen sicher, dass sich der Kaffeesektor in Burundi bereits verbessert hat. Die großen Unterschiede bei dem Ernteerträgen werden bereits kleiner. Bis jetzt konnten die Unterschiede ein Verhältnis von 4:1 erreichen, 2011 wird der Rückgang gegenüber 2010 mit 15.000 Tonnen weniger als 50% betragen. Webcor hat außerdem gratis Düngemittel verteilt, und neue Plantagen sollten bald weitere Erträge einbringen.

Adrien Sibomana teilt die positive Sicht auf die Veränderungen im Kaffeesektor. Die Verjüngung der Kaffeeplantagen hat schon begonnen und wird noch intensiviert werden. „In den nächsten fünf Jahren werden wir 7,5 Millionen junge Kaffeestauden pflanzen“, erklärt er. Da junge Pflanzen einige Jahre brauchen, um ihren maximalen Ernteertrag zu erreichen, schätzt Sibomana, dass der Ertrag in vier bis fünf Jahren auf dem höchsten Level stabil sein wird. Trotz aller Diskussionen rund um die Privatisierung sollte die Entwicklung der Verkaufspreise dem Kaffeesektor in Burundi einen weiteren starken Antrieb geben. Die US-amerikanische Entwicklungshilfeorganisation USAID fördert die Produktivität der Plantagen. Dabei werden ökologische und chemische Düngemittel sowie hochwertige robuste Pflanzen eingesetzt, die von der Michigan State University und ISABU zur Verfügung gestellt werden. Mit diesen Pflanzen wurde 40 Prozent mehr Ertrag als mit herkömmlichen Pflanzen erbracht, sagt der USAID-Kaffeeprogrammdirektor Benjamin Lentz.

Burundi macht auch Fortschritte bei Qualitätsnachweisen und dem Marketing von burundischem Kaffee. Dieses Jahr veranstaltet Intercafé den „Burundi Prestige Cup“, der den besten Kaffee des Jahres küren wird, der dann auch zu höheren Preisen verkauft wird. 2012 soll es einen „Cup of Excellence“ geben, der internationale KaffeespezialistInnen als JurorInnen vorweisen kann. Intercafé trainiert bereits seine KaffeeverkosterInnen und US-Importeure wie American Intelligentsia, Crop to Cup oder Counterculture Coffee vermarkten bereits burundischen Kaffee, dessen Geschmack an den kolumbianischen erinnert, sagt Sibimana. Burundischer Kaffee hat Geschmack und Aroma, aber bis jetzt wissen das die KonsumentInnen noch nicht.

Aus dem Englischen übertragen von Michaela Krimmer.

Der französische Journalist François Misser beschäftigt sich seit zwei Jahrzehnten mit Afrika und den Beziehungen EU-Afrika. Er ist Mitarbeiter der Berliner taz, von BBC-Afrique und anderen Medien sowie Autor mehrerer Bücher.

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