Das Jamaica Syndrom

Von Espérance-François Ngayibata Bulayumi ·

Die Diskussion um den von Tod Marcus O. ist unehrlich geführt worden. Dem Kalten Krieg zwischen Polizei und AfrikanerInnen geht eine jahrelange Geschichte voraus, meint

Hier etliche verantwortungslose Afrikaner, die von Menschen guten Willens – aber ohne Kenntnis der wahren Situation von Afrikanern in Österreich – unterstützt werden; dort die Vertreter der Exekutive, die sich bei der Öffentlichkeit für ihre inhumane Praxis rechtfertigen will: durch die „Operation Spring“, eine große „berechtigte“ Polizeirazzia gegen die „afrikanischen“ Drogendealer vor laufenden Kameras.

Wie lange noch wird sich die öffentliche Unsensibilität gegnüber dem verstorbenen Marcus O. fortsetzen?

Anfang der neunziger Jahre hat eine Art „Kalter Krieg“ zwischen Polizei und Afrikanern angefangen. Durch meine Tätigkeit als Pastor der Methodistenkirche in der Nähe des Westbahnhofes habe ich diese Entwicklung miterlebt und vorhergesehen, daß es zu schlimmeren Problemen kommen wird.

Vor über zwei Jahren habe ich per eingeschriebenem Brief Innenminister Karl Schlögl vorgeschlagen, zur Konfliktverhinderung in der Ausbildung der Exekutive sachkundige Afrikaner beizuziehen. Ich hatte bei meiner Arbeit bemerkt, daß es bei der Betreuung der Flüchtlinge an entsprechend geschulten MitarbeiterInnen mangelt. Und darüberhinaus konnte man ohne Anstrengung sehen, wie Vertreter der großen Drogendealer junge Afrikaner mit allen möglichen Tricks verführten und zu den Geschäften auf der Straße zwangen. Mein Brief an den Minister blieb unbeantwortet.

Die wahren Herrscher über das „globalisierte“ Drogengeschäft wohnen nicht in feuchten Flüchtlingsheimen. Sie führen meist ein normales bürgerliches Leben.

Bis jetzt aber ist jeder Staat, einschließlich die internationale Staatengemeinschaft, untätig und machtlos geblieben. Nur die kleinen Fische werden demonstrativ verhaftet.

Viele MitarbeiterInnen von Flüchtlingshilfsorganisationen arbeiten zwar mit gutem Willen, haben aber von den Lebensbedingungen der Menschen in Afrika keine Ahnung. Flüchtlinge werden in bestimmten Bezirken zusammengepfercht oder landen, wenn ihr Asylantrag abgewiesen wurde, auf der Straße. Die Hilfsorganisationen können dann nur Ghettoverwalter spielen. Und diese ghettoisierten Wohnstätten wurden zu Rekrutierungsplätzen für die großen Dealer.

Ich muß auch zugeben, daß etliche Afrikaner, besonders die Drogenhändler, von der Gutgläubigkeit vieler NRO-AktivistInnen profitieren. Viele SozialarbeiterInnen kennen sich zwar mit dem gesetzlichen Flüchtlingswesen aus. Sie waren aber nicht in der Lage (und hatten dafür keine Augen), die Entwicklung des Drogenwesens unter den schwarzafrikanischen Flüchtlingen zu durchschauen.

Das Drogengeschäft in Wien floriert. Teil eines Phänomens, das ich als „Jamaika-Syndrom“ bezeichne: Ein junger Afrikaner in Wien wird automatisch für einen Dealer gehalten. Polizei und DrogenkonsumentInnen sind gleichermaßen hinter ihm her.

Nun gibt es Menschen afrikanischer Herkunft, die das „Jamaika-Syndrom“ zu ihren Gunsten perfekt ausnutzen, um ihre Drogengeschäfte professionell durchzuführen.

Neben den vielen politischen und Wirtschaftsflüchtlingen gibt es eine dritte Gruppe, die ich als „Wissensflüchtlinge“ bezeichne. Das sind intelligente, aktive junge Menschen, die die Mißstände in ihren Herkunftsländern erkennen und vieles anders machen würden, aber wissen, daß ihre Ideen keine Aussicht auf Verwirklichung haben. Meistens haben diese Menschen zu Hause alles aufgegeben und setzen große Hoffnungen in Europa, nachdem sie alles durch die Schlepper verloren haben. Und hier landen sie oft hinter Gittern. Der Schrei vieler Schubhäftlinge ist ein Ausdruck der Verzweiflung.

Für die Betreuung von Schubhäftlingen braucht man fachlich geschulte Personen, die auch mit Traumatisierten (z.B. ehemalige Kinder-Soldaten) umgehen und den Menschen Hoffnung geben können.

Und ein Mensch, der Angst hat, abgeschoben zu werden, scheut sich nicht, sich eine zweite Identität zuzulegen. Die Medien haben diesbezüglich um den Fall Omofuma viel Wirbel gemacht.

Das hat es in Deutschland und Österreich im Jahr 1938 und im Jahr 1945 auch gegeben. Wenn ein Verfolgter weiß, daß er unter seinem richtigen Namen keine Chance hat, in ein anderes Land einzureisen, versucht er es eben unter einem anderen Namen.

Tote können sich nicht mehr verteidigen. Daher wäre es aufgrund des Respekts vor den primitivsten Menschenrechten humaner, eine klare Grenze zwischen dem Fall eines qualvoll verstorbenen Mannes und den unsauberen Praktiken einiger Menschen afrikanischer Herkunft zu ziehen. Statt Hetze ist Gerechtigkeit für Marcus Omofuma gefordert.

Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Klarheit wären das notwendige ethische Leitmotiv für den neu gegründeten Menschenrechtsbeirat, damit ein neuer „Schwarzer Mai“ samt seiner häßlichen Begleiterscheinungen in Österreich vermieden wird.

Espérance-François Ngayibata BULAYUMI, geboren und aufgewachsen in Kinshasa/Kongo, studierte Kunstgeschichte, Theologie und Philosophie in Kinshasa, Wien und Lausanne. Seit 1982 lebt er in Wien. Von 1989 bis 1995 war er als Pastor der Methodistenkirche i

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