Das Klimaparadoxon

Acht Thesen, warum und wie wir uns mit dem Klimawandel arrangiert haben, aufgestellt von Wolfgang Mehl.

Wolfgang Mehl

Die Fakten sind deutlicher denn je: Nach der weltweiten Klimaforschung sind wir auf dem Weg, bisherige Worst-Case-Szenarios zu übertreffen. Die Einschätzung des britischen Journalisten Mark Lynas, der eine bis zu sechs Grad wärmere Welt zu Beginn des 22. Jahrhunderts aufzeigt, ist keineswegs unrealistisch. Warum ist Klimawandel paradoxerweise ein Thema von maximal mittlerer politischer Priorität?

1) Gewöhnung und Mangel an persönlicher Betroffenheit: Seit Anfang der 1990er Jahre ist Klimawandel das zentrale Umweltthema. Trotzdem spüren die allermeisten, jedenfalls in den reichen Ländern, kaum Auswirkungen auf das tägliche Leben. Das Gefühl der konkreten Gefahr fehlt.

2) Die Komplexität: Klassische Umweltthemen wie Luftverschmutzung oder Ozonloch sind einfach zu erklären und einfacher zu lösen; z.B. durch Verbot bestimmter Substanzen oder Filter für Schornsteine. Maßnahmen sind lokal wirksam und sichtbar. Klimawandel verlangt eine weitgehende Umstellung des globalen Energiesystems und einen Bruch mit dem Dogma des ständigen Wirtschaftswachstums.

3) Auseinanderfallen von „Tätern“ und „Opfern“: Historisch sind die Industrieländer des Nordens für 85 Prozent des menschgemachten Treibhauseffektes verantwortlich. Die Folgen strafen meist und zuerst die Länder des Südens. Vereinfacht ausgedrückt: Die Niederlande können sich höhere Dämme leisten, Bangladesch nicht.

4) Belohnung des Fehlverhaltens: Klimaschädliches Verhalten bringt oft kurzfristig Vorteile. Ein Beispiel aus der Arktis: Mehr Erwärmung führt zu weniger Polareis, das erleichtert die Gewinnung von Öl, Gas und Rohstoffen, was wiederum zu weiterer Erwärmung und Abschmelzung führt.

5) Mangelnde politische Priorität: Finanzminister, die Budgetziele verfehlen, bekommen unmittelbar Probleme. Umweltminister, die Klimaziele ignorieren, müssen kaum Konsequenzen fürchten.

6) Klimaschutzverpflichtungen als Niederlage: Die internationalen Klimaverhandlungen seit Kyoto 1997 sind von einer Grundregel geprägt: Wer sich zu konkreten Zielen verpflichtet, verlässt die Verhandlungen als „Verlierer“, akzeptiert scheinbar wirtschaftliche Nachteile.

7) Keine Welt ohne fossile Energie: Die Entwicklung von Wohlstand für Teile der Weltbevölkerung seit der industriellen Revolution ist untrennbar mit der Verfügbarkeit von billiger fossiler Energie in der Form von Kohle, Öl und Gas verbunden. Erdölprodukte durchdringen unsere Gesellschaft, ein Leben ohne scheint undenkbar.

8) Unglaubwürdigkeit der „Klima-Promis“: Leonardo di Caprio spricht beim UNO-Gipfel. Gleichzeitig liest man, dass derselbe auf der Luxusyacht eines arabischen „Ölprinzen“ gesehen wurde.

Dringender denn je muss der Klimawandel oberste Priorität in der öffentlichen Debatte und auf der politischen Agenda bekommen. Angesichts der oben erwähnten Thesen keine leichte Aufgabe. Doch es gibt neue, auch öffentlichwirksame Ansätze, z.B. Initiativen für den Stopp von Investments in fossile Energie („Divestment“) oder Bestrebungen, Umweltverbrechen völkerrechtlich verfolgbar zu machen. Diese müssen stärker in die öffentliche Diskussion gebracht werden.

Wolfgang Mehl war von 1995 bis 2009 Geschäftsführer von Klimabündnis Österreich, lebt seit 2009 in Nordschweden und arbeitet mit Klimaschutzprojekten im (sub)arktischen Norden Europas.

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