Das Land der Einsamkeit

Guyana ist eines der ärmsten Länder in Südamerika. Nach der holländischen und britischen Kolonialherrschaft versucht, das Land durch den Export von Zucker, Reis und Bauxit zu überleben.

Von Jeroen Kuiper
Es ist schon dunkel, als ich im nordbrasilianischen Bonfim ankomme. Ein Minibus fährt mich zur Grenze. Als ich aussteige, bin ich alleine. Hundert Meter weiter stempelt mir der Zöllner aus Brasilien den Pass. „Da geht’s zum Grenzfluss“, deutet er vage in die Finsternis. Trotz des ständigen Regens ist es erstickend heiß. Wohin? Nach ein paar hundert Metern sehe ich schwache Flammen unter einem Unterstand am Fluß. „Wanna go to Lethem?“ fragt eine Stimme aus dem Dunkeln. In Englisch. Ich bin dabei, das ehemalige britische Commonwealth zu betreten.
Wer nach Lethem reist, betritt das südamerikanische Guyana durch die Hintertür. Der Ort ist mit etwa 4.000 BewohnerInnen die weitaus größte Ansiedlung im Inneren Guyanas. Die großen Städte liegen entlang des Küstenstreifens. Guyana zählt etwa 700.000 EinwohnerInnen, die zu 97 Prozent entlang des Atlantiks im Norden wohnen; flächenmäßig ist es fast so groß wie das ehemalige Mutterland Großbritannien. Dort leben allerdings etwa 56 Millionen Menschen.

Das Land ist nicht nur groß, leer und arm, es ist auch eines der unbekanntesten Länder der Welt. Die Ostgrenze wird mit dem ehemals holländischen Surinam geteilt, und „noch ein Land weiter“ östlich liegt Französisch-Guyana, das noch immer Teil von Frankreich ist. Übrigens weisen viele Geographen das ganze Gebiet zwischen den Flüssen Orinoko und Amazonas als Guyana aus, ein riesiges, fast unberührtes Dschungelgebiet, das sich auch über weite Teile von Brasilien und Venezuela erstreckt. Diese beiden Länder bilden zusammen mit Surinam die Staatsgrenzen von Guyana. Sowohl mit Surinam als auch mit Venezuela hat Guyana ungelöste Grenzdispute, ein Erbe der Kolonialzeit.
Obwohl Guyana, das 1966 unabhängig wurde, als ehemalige britische Kolonie bezeichnet wird, haben auch die Holländer die Geschichte, die Landschaft und die Wirtschaft von Guyana geprägt. Das erkennt man noch immer an den Deichen entlang der Küste und den Kanälen in der Hauptstadt Georgetown. Nachdem die Briten 1803 die Holländer endgültig aus Guyana vertrieben hatten, wurde die Wirtschaft des Landes komplett auf die Wünsche der neuen Kolonialherrscher zugeschnitten. Weite Teile der Küstenstreifen wurden für Zuckerrohranbau genutzt. Dazu kamen noch Reisplantagen. Für die schwere Arbeit in der ungesunden, von Malaria-Mücken verseuchten Tropenhitze holten die Briten Zehntausende SklavInnenen aus Afrika. Nachdem der Sklavenhandel verboten wurde, holten sie Zigtausende Vertragsarbeiter aus Indien. Auch Chinesen kamen dazu. Die meisten der Arbeiter kamen für einen Vertrag von fünf Jahren, aber viele blieben länger.
Das Bevölkerungsgemisch in Guyana ist eines der einzigartigsten auf der ganzen Welt. Die indianischen UreinwohnerInnen bilden nur mehr ein paar Prozent der Bevölkerung. Während etwa die Hälfte der Bevölkerung dem christlichen Glauben anhängt, ist etwa ein Drittel Hindu und jeder zehnte Muslim.

Am nächsten Tag schaue ich mir Lethem an. Das Zentrum bildet der Airstrip. Eine Sandpiste, auf der jeden Tag ein kleiner Flieger aus der Hauptstadt Georgetown mit Post, Zeitungen und Gerüchten landet. Oder eben manchmal auch nicht. Das macht aber nichts, dann wartet man eben noch einen Tag.
Guyana ist zwar Teil von Südamerika, aber hier erinnert nichts an Lateinamerika. Die Leute hören keine Salsa, sondern Reggae und Dub. Man spricht kein Spanisch, sondern Englisch. Und die paar Jeeps, die hier herumkreuzen, fahren links. Doch trotz des britischen Einflusses haben die EinwohnerInnen von Lethem heutzutage mehr mit Brasilien zu tun. Shirley Melville, die Eigentümerin von Lethems einzigem Internetcafé, schätzt, dass etwa 10.000 BrasilianerInnen in Guyana wohnen. „Sie kommen hierher, um in den Goldminen und der Holzindustrie zu arbeiten.“
Es ist zwar Brasilien, das starken Einfluss auf den Süden von Guyana ausübt. Trotzdem ist Venezuela das Land, vor dem die Guyaner latent Angst haben. Venezuela beansprucht nämlich etwa 60 Prozent des Territoriums – das ganze Land westlich des Essequibo-Flusses. Der Grund dafür sind Undeutlichkeiten bei der Festlegung der Grenze zwischen dem damaligen britischen Guyana und Venezuela im letzten Jahrhundert. Wegen dieses Anspruchs Venezuelas gibt es auch keine Verkehrsverbindungen oder Übergänge entlang der über 1.000 Kilometer langen Grenze zwischen beiden Ländern.
„Die politische Lage zwischen Guyana und Venezuela hat sich seit der Machtübernahme in Venezuela durch Hugo Chávez radikal verbessert“, erzählt mir eine Woche später Odeen Ishmael, der Botschafter von Guyana in Caracas. „Die Freundschaft zwischen Chávez und unserem Präsidenten, Bharrat Jagdeo, hat damit viel zu tun. Beide Männer sehen in der Bekämpfung der Armut in unseren Ländern eine ihrer wichtigsten Aufgaben.“
In Lethem erklärt mir Shirley Melville, warum Venezuela dieses nahezu menschenleere Gebiet im Westen Guyanas offiziell noch immer beansprucht. „Wegen dem, was im Boden steckt: Gold, Bauxit, Diamanten, Öl. Und es wächst auch noch etwas drauf: tropisches Hartholz.“

Nach einer Busreise von 16 Stunden für 400 Kilometer komme ich am nächsten Nachmittag in Georgetown an. Heute ist Independence Day. Etwas außerhalb des Zentrums, in der Vlissengen Road, kommt die Parade zum 39. Jahrestag der Unabhängigkeit vorbei. Auf offenen LKWs fahren langsam verschiedene Steelpan Bands vorbei, die auf riesige Blechtonnen hämmern. Hunderte von Schwarzen, InderInnen und Amerindians tanzen am Publikum vorbei. Dabei gibt es 39 Jahre nach der Unabhängigkeit gar nicht soviel zu feiern, erzählt mir Mike Munian, der vor 25 Jahren nach Toronto in Kanada ausgewandert ist. „Damals wurde das Land von Forbes Burnham regiert, der um jeden Preis ein kommunistisches Land aus Guyana machen wollte. Es war eine sehr harte Zeit.“
Munian ist aber auch nicht gut auf die heutige politische Lage zu sprechen: „Das Land ist politisch aufgeteilt. Die PPP (Progressive People’s Party) hat die Macht, und das wird vorläufig so bleiben. Es ist die Partei der Inder. Die PNC (People`s National Congress), die größte Oppositionspartei, wird traditionell als Partei der Schwarzen gesehen. Der Rassismus zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen nimmt immer mehr zu. Wir leben in einem Land, aber wir sind getrennte Bevölkerungsgruppen.“

Von 1964 bis 1992 wurde Guyana von der PNC dominiert, der Partei der Schwarzen unter Leitung von Forbes Burnham, der 1985 starb. In dieser Zeit sah die PNC sich als sozialistische Partei, die über allen anderen Institutionen im Lande stand, wie in kommunistischen Ländern. Die PNC wurde 1955 gegründet, als sie sich von der PPP spaltete. Die PPP, sehr lange unter Leitung von Cheddi Jagan, entwickelte sich dann als Partei der Inder. Obwohl diese Partei sich ursprünglich sogar als marxistisch-leninistisch betrachtete, öffnete Jagan, der 1992 die Wahlen gewann und damit die fast dreißigjährige PNC-Herrschaft beendete, sein Land für ausländische Investoren.
Hans Beher, ein ehemaliger deutscher Entwicklungshelfer, der schon seit 15 Jahren in Georgetown wohnt, beurteilt die politische und wirtschaftliche Lage pessimistisch. „Als Guyana sich Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts für ausländische Investoren öffnete, wuchs die Wirtschaft einige Jahre schnell, aber jetzt ist wieder Stillstand eingekehrt. Die Wirtschaft im Lande ist zu inflexibel.“
Guyana ist größtenteils vom Export von Bauxit, Reis, Holz und Zucker abhängig. Die EU, einer der größten Abnehmer von Zucker, wird in den nächsten Jahren aber deutlich weniger dafür zahlen. Beher: „Das hätte man vorhersehen können, es hätten längst Alternativen entwickelt werden müssen. Stattdessen baut die Regierung für 120 Millionen US-Dollar eine neue Zuckerfabrik im Osten des Landes. Pure Verschwendung.“
Auch das Verhältnis zwischen den Bevölkerungsgruppen schätzt Beher nicht gut ein: „Die Inder haben eine Bunkermentalität. Sie arbeiten nur mit anderen Indern, denn die Schwarzen im Land sehen sie als potentielle Diebe. Die Schwarzen sind traditionell weltoffener, aber die sind jetzt in der Opposition.“
Der ehemalige Entwicklungshelfer pessimistisch: „Es gibt hier keine Entwicklungsperspektiven. Jeder, der eine Ausbildung hat, geht nach New York, Toronto oder London. So geht das Land langsam den Bach runter.“

Jeroen Kuiper lebt und arbeitet als freier Journalist in Caracas, Venezuela. Er schreibt für holländische, deutsche, österreichische und venezolanische Medien.

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