Das Land des Schweigens

Im Iran ist eineinhalb Jahre nach der niedergeschlagenen Grünen Revolution die Opposition gewaltsam zum Schweigen gebracht worden. Doch die Unzufriedenheit hat mittlerweile alle Teile der Bevölkerung erfasst. Szenen einer Reise durch ein gespaltenes Land.

Von Vivienne Rutter*
Das Mausoleum von Khaje Rabi in Mashhad, das während des Iran-Irak- Krieges zu einer Kriegsgedenkstätte umgebaut wurde.

Der alte Obsthändler ist aufgeregt. Zuerst betrachtet er uns aus der Ferne, dann hält ihn nichts mehr in seinem kleinen Laden am Rande einer Durchzugsstraße in Isfahan. Er streckt den Kopf mit seiner traditionellen Fellmütze durch die offene Autotür, küsst meinen Begleiter auf die Wangen, umarmt ihn und ruft aus: „Wir lieben Ausländer. Die Mullahs haben unser Land kaputt gemacht!“ Wie so viele leidet auch er unter dem Ausbleiben der TouristInnen. Seltsam kontrastiert die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen im Iran mit den Reaktionen auf unser Reisevorhaben zu Hause: moralische Entrüstung, Kopfschütteln, verständnisloses Staunen. Ins Land der Ayatollahs? Wie kann man nur!

Man kann und man soll auch. Denn selten relativiert die Begegnung mit den BewohnerInnen eines Landes das medial vermittelte Bild so sehr wie hier. Auf der Fahrt von Mashhad nach Teheran etwa. In dem modernen Zug mit dem aufmerksamen Bordservice treffen wir auf zwei Studentinnen. Das Imam-Reza-Heiligtum der Schiiten in Mashhad, der zweitgrößten Stadt des Landes, unweit der Grenze zu Afghanistan, ist ein Anziehungspunkt für Millionen von PilgerInnen. Auch die beiden waren dort. Sie sind zu Imam Reza gereist, um ihn als Fürsprecher für ihren größten Wunsch zu gewinnen: nach Europa oder Amerika auszuwandern. Das dafür notwendige Sprachdiplom IELTS (International English Language Testing System) haben sie soeben erworben. Eines macht ihnen aber Sorgen: „Stimmt es, dass in deutschsprachigen Ländern fast nur Rassisten leben?“

Mahtaab* möchte nicht so weit weg, Dubai ist ihr Ziel. Wir treffen die 24-Jährige in Shiraz, der bezaubernden Gartenstadt im Süden Irans. Sie ist die einzige Tochter ihrer Eltern und es fällt ihr nicht leicht, ihre Heimat zu verlassen. Doch die IT-Fachfrau sieht keinen anderen Weg: „Es gibt keine Zukunft in diesem Land, speziell für Frauen.“ Mit überraschender Offenheit formuliert sie, wie so viele andere auch, ihre Kritik am Regime. Die bezieht sich weniger auf die bei uns viel diskutierte Kleiderordnung. Kopftuch und Mantel, beides obligatorisch in der Öffentlichkeit zu tragen, haben die jungen Frauen kreativ in modische Elemente verwandelt: Gut geschnittene Oberkleider enden heute weit über dem Knie, das Tuch wird locker getragen und zeigt den Ansatz kunstvoller Frisuren, Schminke und frisch operierte Nasen werden stolz zur Schau getragen. Das Problem sind fehlende Freiheit und Gleichheit. In einem Land, in dem Frauen per Gesetz nur halb so viel wert sind wie Männer und vor allem im Erb- und Sorgerecht stark benachteiligt werden, wollen junge, gebildete Menschen nicht mehr leben. Immerhin sind mehr als 60 Prozent der UniversitätsabsolventInnen weiblich.

Der offenen Revolte des Jahres 2009 ist der stille Rückzug gefolgt. Mit brutalen Methoden wurden Medien und Opposition mundtot gemacht. Hunderte politische Gefangene sitzen immer noch im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran. Unter ihnen der regimekritische Internet-Journalist Issa Saharkhiz. Von ihm erzählt uns ein früherer Staatsangestellter in seiner Teheraner Wohnung. Am Tisch eine Flasche Alkohol neben der anderen – selbst gemachter Wein, Wodka, Gin, Whisky –, ein stiller Protest gegen das Mullah-Regime, das Alkoholkonsum unter strenge Strafen stellt. Der Pensionist lebt allein, seine Kinder haben das Land verlassen. Ein Schwiegersohn war Journalist, ehe man ihn im vergangenen Jahr ins Gefängnis warf und für die Freilassung unterzeichnen ließ, dass er nichts Kritisches über die Regierung schreiben werde. Auch Issa Saharkhiz sollte unterschreiben, verweigerte aber und wurde während der Verhöre so schwer gefoltert, dass ihm mehrere Rippen brachen. Diese Methoden sprechen sich herum und machen mutlos. Selbst die Menschenrechtsanwältin und Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, die jahrzehntelang ausharrte und die Ausreise verweigerte, wanderte im Dezember 2009 nach Großbritannien aus. Die Zurückgebliebenen gehen in die innere Emigration. „Jetzt ist die Zeit der Mullahs“, sagt der alte Mann und nippt an seinem Wodka, „aber die Zeiten werden sich ändern.“

Doch auch der Mullah in Mashhad, der uns in sein Haus eingeladen hat, träumt von besseren Zeiten. Selbst er hält ein Plädoyer für die Trennung von Staat und Kirche. Wir sitzen auf Teppichen am Boden seines geräumigen Wohnzimmers. Tee und „Blumen Mohammeds“ werden serviert, ein Gebäck, das früher „Dänischer Kuchen“ hieß – vor dem Karikaturenstreit. Der 52-Jährige ist Ende der 1970er Jahre aus Afghanistan geflüchtet. Seit über 30 Jahren lebt er im Stadtteil Golshar, der in keinem Reiseführer zu finden ist. Hier wohnen mehrere hunderttausend AfghanInnen, die überwiegende Mehrheit aus der Volksgruppe der Hazara, die als Angehörige des Schiismus in ihrem sunnitischen Heimatland verfolgt werden. Der Mullah hat zwei Frauen und sechs Kinder, alle ohne Aufenthaltsgenehmigung. Bisher haben sie von seinem Stipendium gelebt, doch in Kürze hat er sein fast zwei Jahrzehnte dauerndes Theologiestudium beendet. Und dann? „Ich darf hier nicht arbeiten“, sagt er. Seine Kinder gehen zwar in die Schule, bekommen aber kein offizielles Abschlusszeugnis. Die Söhne werden, wie so viele, als billige Arbeitskräfte auf Baustellen ihr Leben fristen. Oder sie werden, wie so viele andere auch, ihre Ersparnisse zusammenkratzen, Schlepper bezahlen und versuchen, nach Europa, in die USA oder nach Kanada zu gelangen. Dass auch dort das Glück nicht auf der Straße liegt, weiß der Mullah spätestens, seit es sein zweitältester Sohn nach Österreich geschafft hat und er dort seit mehr als zwei Jahren in einem Flüchtlingsheim lebt. Mit 150 Euro im Monat und kaum mehr Perspektiven als in Golshar.

Insgesamt halten sich geschätzte drei Millionen AfghanInnen in Iran auf, die Hälfte davon illegal. Nesrin* und Farid* sind vor drei Monaten aus der afghanischen Hauptstadt Kabul gekommen. Das junge Ehepaar lebt bei der Familie eines Onkels in einem der ärmeren Bezirke im Süden Teherans. Farid hat noch keinen Job gefunden. „Es ist schwer hier“, sagt der junge Mann mit dem melancholischen Blick. Letztes Jahr hat es der Onkel mit seiner Frau und den drei kleinen Töchtern probiert, hat alles verkauft, um einen Schlepper für die fünfköpfige Familie zu bezahlen. Bis Griechenland haben sie es geschafft, doch dort war Endstation. Nach sechs Monaten Leben auf der Straße sind sie zurückgekehrt. Jetzt haben sie nichts mehr, leben zu neunt in einer kleinen Wohnung, von der Hand in den Mund. Dennoch werden die Gäste fürstlich bewirtet, das verlangt „Taarof“, die persische Gastfreundschaft. Leute wie Nesrin und Farid sind besonders von der Politik Präsident Ahmadinejads betroffen, staatliche Subventionen für Treibstoff und Lebensmittel zurückzufahren. Seit dem Jahreswechsel ist das Brot dreimal so teuer geworden, Treibstoff kostet viermal so viel wie bisher. Bedürftige Familien bekommen dafür zwar direkte Geldzahlungen – doch nur, wer legal in Iran lebt.

Die Unzufriedenheit im Lande wächst. Wenn der ältere ehemalige Staatsangestellte in seiner Teheraner Wohnung besonders zornig auf die Regierung ist, holt er ein Plastikmännchen hervor, das er in Istanbul gekauft hat. Der Nasreddin mit weißem Vollbart, hellblauem Turban und lila Pluderhose tanzt und singt, wenn man ihm auf den Kopf schlägt. „Push the Mullah!“ ruft der Pensionist dann und lässt das Spielzeug tanzen. Eine harmlose Ersatzhandlung. Viele machen auch in Gesprächen mit Fremden ihrem Ärger Luft, doch der öffentliche politische Protest bleibt aus. Auch der Aufstand in Ägypten, den die Menschen im Iran aufmerksam verfolgen, hat den Funken noch nicht richtig entzündet. Zu tief sitzt die Angst vor Folter und Totschlag. Werden alle, die es sich leisten können, stillschweigend das Land verlassen? Sie nehmen ein gewaltiges intellektuelles und kreatives Potenzial mit. So wie jene Frau, die im Flugzeug neben mir sitzt. In Wien angekommen, fährt sie sich mit einem tiefen Seufzer durchs Haar und sagt: „Kopftuch weg und endlich frei atmen können!“

*Namen geändert.

Die Autorin arbeitet seit den 1980er Jahren für verschiedene österreichische Printmedien. Um ihre GastgeberInnen nicht in Gefahr zu bringen, bleibt sie anonym. Ihr Name ist der Redaktion bekannt.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen