Das Ökosystem Ozean unter Druck

Von Laura Anninger · · 2023/Jul-Aug
Inselstaaten wie Indonesien sind besonders von der Erhitzung der Meere betroffen. © Erik Lukas / Ocean Image Bank

Ozeane sind wertvolle Ökosysteme. Doch besonders Länder wie Bangladesch oder kleine Inselstaaten müssen sich an die Folgen der Klimakrise für die Ozeane anpassen.

Ozeane sind genial. In ihnen lebendes Phytoplankton erzeugt fast die Hälfte des globalen Sauerstoffes. Sie sind auch der größte Wärmespeicher der Erde und absorbieren fast neunzig Prozent der Hitze, die der Mensch erzeugt. Sie schlucken ein Viertel des CO2, das wir emittieren.

Meerestiere und Fische decken den Proteinbedarf von drei Milliarden Menschen. Intakte Ökosysteme wie Riffe oder Mangroven schützen Küstenbewohner:innen vor Stürmen und Sturmfluten. Kurz gesagt: Wir brauchen die Ozeane.

Mit unseren Emissionen gefährden wir sie allerdings. Die offensichtlichste Auswirkung ist der ansteigende Meeresspiegel – im vergangenen Jahrhundert um 20 Zentimeter. Weil antarktisches und grönländisches Eis abschmilzt und immer wärmeres Wasser sich ausdehnt, wird der Meeresspiegel noch weiter steigen.

Ob das Meer im Jahr 2100 um einen halben oder einen ganzen Meter höher steht als heute, hängt davon ab, wie sich die Treibhausgasemissionen entwickeln. Das zeigt sich in manchen Regionen besonders: „Bangladesch ist einer der klimagefährdetsten Staaten weltweit. Es wird Landestation für Naturkatastrophen genannt“, sagt der Umweltwissenschaftler Kabir Humayain. Er erforscht Folgen von und Anpassungen an Klimaextreme und unterrichtet an der Universität Chittagong im Südosten des Landes. Für das Interview schaltet er sich aus Graz zu, wo er derzeit sein Doktorat am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel absolviert.

Bangladesch hat mehr als 700 Kilometer Küstenlinie, die vor allem im Südwesten dicht besiedelt ist. Mehr als zwei Drittel des Landes liegen weniger als zwei Meter über Meereshöhe.

Die Folgen des Meeresspiegelanstiegs zeigen sich hier etwa in der südwestlichen Region Khulna. Bei wissenschaftlichen Erhebungen vor Ort sah Humayain, dass Menschen immer öfter Salzwasser aus ihren Brunnen pumpten. „Fast ein Viertel der landwirtschaftlich genutzten Flächen sind versalzen. Geht die Fruchtbarkeit der Böden weiter zurück, sinken die Ernteerträge,“ sagt der Umweltwissenschaftler.

Zudem mache die Erhitzung der Meeresoberfläche Küstenregionen viel anfälliger für tropische Zyklone. In den vergangenen 20 Jahren habe Bangladesch fünf Zyklone der Kategorie vier, also Stürme mit einer Windgeschwindigkeit von bis zu 250 km/h, erlebt.

Hitzefolgen  

Im April 2023 erreichte die globale Meeresoberfläche mit 21,1 Grad Celsius einen neuen Temperaturrekord. Sauerstoffarme „Todeszonen“ wachsen, in ihnen können Tiere, Pflanzen und andere wichtige Organismen kaum mehr leben. Zwischen 2008 und 2019 ist ihre Anzahl dem „World Ocean Assessment“-Bericht der UN zufolge auf rund 700 Zonen gestiegen. Das Meereswasser wird insgesamt saurer, Meeresströme, die das Klima regulieren, schwächer. L. A.

Inselfragen. Auch im Pazifik und der Karibik, wo die meisten Small Island Developing States (SIDS) angesiedelt sind, werden tropische Zyklone intensiver. „Viele Inseln verfügen über angepasste Bauvorschriften und finanzielle Instrumente, die nach tropischen Zyklonen einsetzen. Dennoch leiden Wirtschaft und damit die Bevölkerung, da man immer wieder von null beginnen muss“, weiß Rosanne Martyr-Koller. Die Umweltwissenschaftlerin forscht für „Climate Analytics“, ein Institut für Klimaforschung und Politik, und lebt heute in München.

Ihre Heimat St. Lucia ist einer der vielen kleinen Inselstaaten, die die Folgen eines erhitzten, steigenden Meeres spüren.

Die betroffenen Staaten passen sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten an. Auf der trockenen Karibikinsel Antigua schreiben Bauvorschriften Wassersammelanlagen bei Privatgebäuden vor. In Bangladesch fangen Landwirt:innen Regenwasser auf. Salztolerante Reissorten sind hier schon lange etabliert. In dem südostasiatischen Staat greifen Landwirt:innen wieder auf eine Anbauweise zurück, die im Süden von Bangladesch seit Hunderten von Jahren genutzt wird: traditionelle schwimmende Gärten. Die sogenannten „dhaps“ sind Betten aus Wasserhyazinthen, die im Brackwasser – einer Mischung aus Meer- und Süßwasser – schwimmen. Auf ihnen wachsen Obst, Gemüse und Gewürze.

In Bangladesch befindet sich das Ganges-Brahmaputra-Delta, das größte Flussdelta der Welt, wo es häufig zu großen Überschwemmungen kommt. Wenn der Meeresspiegel steigt, drückt er die Flüsse weiter zurück ins Land. Während der Monsunzeit steht ein großer Teil der landwirtschaftlichen Nutzfläche unter Wasser. Die schwimmenden Gärten steigen und fallen mit dem Wasser. Für Landwirt:innen werden Teiche, Gewässer und Nebenflüsse so zu Alternativen für den Anbau von Obst und Gemüse.

In Bauten, die Bangladeschs Regierung zum Schutz vor Zyklonen errichtet hat, lagern Gemeinschaften Saatgut ein. Das alles geht aber nicht ohne Hilfe. Viele Landwirt:innen im südwestlichen Bangladesch sind auf NGOs und externe Geldgeber angewiesen.

Natürliche Antworten. Bangladesch hat einen Klimaplan, der 100 Jahre in die Zukunft blickt. Einen solchen für ein Land zu machen, das an einem der dynamischsten Deltas der Welt liegt, ist komplex. Forschende debattieren darüber, ob 2030 ein Drittel der Fläche unter Wasser stehen wird oder durch Sedimentverschiebungen neue Inseln entstehen und Bangladesch so Land gewinnt.

Die Natur soll helfen: „Die Regierung setzt auf naturbasierte Lösungen, etwa die Wiederaufforstung mit Palmen in den Küstenregionen, die Pflanzung von Mangroven und die Erneuerung von Deichen“, sagt Umweltwissenschaftler Humayain.

Auch viele SIDS fangen mit Ökosystemen Klimafolgen ab: Um Wellen abzuschwächen, renaturieren sie Korallenriffe. Doch diese stehen genauso unter Klimastress. Bei 1,5 Grad Erhitzung sterben sie ab. Martyr-Koller von „Climate Analytics“: „Je geringer die Erhitzung, umso mehr Optionen für Anpassung hat man.“ Riffe zu erhalten sei günstiger als Dämme zu bauen. „Je salziger das Wasser wird, desto teurer und komplexer werden Kläranlagen, um Trinkwasser aufzubereiten.“

Klare Forderung. Die Überlebenschance von kleinen Inselstaaten hängt deshalb davon ab, dass die globale Erhitzung unter 1,5 Grad bleibt – eine Forderung, die sie immer lauter und energischer vor der internationalen Gemeinschaft vertreten.

Tipp:
Das Tiefblau-Magazin der deutschen RiffReporter berichtet über aktuelle Meeresthemen: riffreporter.de/de/magazine/meer-ozeane

Um sich an Klimafolgen anzupassen, brauchen SIDS externe Finanzhilfe. Die Klimakrise und ihre Folgen auf die Ozeane sind ein globales Phänomen, betont Humayain. Man könne zwar lokal handeln, die Schäden aber nicht selbst beheben. Jenen Staaten, die am meisten leiden, fehlen die Ressourcen, um sich anzupassen. Die Industrienationen müssten ihre Verantwortung wahrnehmen und helfen.

Dem stimmt auch Martyr-Koller zu: „Der größte Hebel“, betont sie, „ist viel mehr Ehrgeiz, um die Klimaziele zu erreichen.“ Schon pazifische Völker etablierten vor der Kolonialisierung Schutzzonen – obwohl damals von der heutigen Erhitzung noch keine Spur war.

Den Meeren würde es am meisten helfen, wenn der Mensch nicht in sie eingreift. So könnten sie sich stabilisieren.

Laura Anninger arbeitet als freie Journalistin vorwiegend zu den Themen Bodenpolitik, Naturschutz, Landwirtschaft, Nachhaltigkeit und Klimakrise.

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