Das patriarchale Gefängnis

Mbuyiselo Botha vom Sonke Gender Justice Network in Südafrika erklärt, was es für ihn heißt, ein richtiger Mann zu sein – und warum er davon überzeugt ist, dass sich die Männer ändern müssen.

Mbuyiselo Botha

Sind wir Männer wegen unserer körperlichen Beschaffenheit oder weil wir Kinder zeugen können? Oder hängt es davon ab, mit wie vielen Frauen wir schlafen? Oder besteht unsere Männlichkeit darin, dass wir uns weigern, ein Kondom zu verwenden, obwohl wir nicht wissen, ob wir HIV-infiziert sind oder nicht?

Wir Männer stecken mehrheitlich in einem patriarchalen Gefängnis. Das Patriarchat manifestiert sich in unseren Familien, Kirchen, Schulen, in der Arbeit und im Fernsehen, wo wir erfahren, dass Männer „keine Gefühle äußern außer Wut und Aggression“, „keine Verletzlichkeit und keine Angst zeigen“, „keinerlei Hilfe suchen“, „nicht weinen“, „niemals Sex verweigern oder einer Partnerin sexuell treu sind“, denn alle diese Handlungen sind dazu angetan, uns auf unerklärliche Weise unserer Männlichkeit zu berauben.

Die meisten von uns haben nicht den Mut oder sind nicht gewillt, ernsthaft darüber nachzudenken, wie negativ es sich auswirkt, ein so genannter „richtiger Mann“ zu sein. Wir haben uns entschieden, das Patriarchat nicht herauszufordern oder in Frage zu stellen, weil es uns eine unfaire Macht verschafft – obwohl es gleichzeitig wie ein Gift auf uns Männer wirkt.

Eine der vielen Erscheinungsformen dieser toxischen Wirkung ist die Weigerung von Männern, Gesundheitsdienste in Anspruch zu nehmen, selbst solche, die uns nützen, wie etwa HIV-Tests und Aids-Therapien. Eine andere, von vielen Männern verweigerte, Maßnahme ist die Beschneidung, obwohl alles dafür spricht, dass die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Infektion damit verringert werden kann. Oder dass wir uns ständig fragen, warum Männer im Schnitt um ein halbes Jahrzehnt früher sterben als Frauen. Wir fragen uns aber nicht, warum unverhältnismäßig viele Männer trinken und rauchen, warum sie so schnell fahren und sich so oft weigern, den Sicherheitsgurt anzulegen. Oder warum sie häufiger an Herzinfarkten sterben oder Selbstmord begehen als Frauen. Und da wir all diese Fragen nicht stellen, kommt es uns nicht in den Sinn, dass all diese Gesundheitsprobleme mit unseren Vorstellungen von Männlichkeit zusammenhängen.

Bezeichnend für diese Vorstellungen ist insbesondere, Homosexuelle einer minderwertigen Stufe der Männlichkeit zuzuordnen, sie in extremen Fällen umzubringen und zu vergewaltigen, als eine Methode, sie für ihr „Versagen“ zu bestrafen, dem zu entsprechen, was wir für die richtige Form von Männlichkeit halten. Die Assoziation von Homosexualität mit etwas Negativem wird ganz besonders deutlich, wenn man an die Phrase „that is so gay“ denkt: Sie wird oft verwendet, um eine Verhaltensweise zu kritisieren oder zu verteufeln, die nicht zum als „männlich“ definierten Verhaltensrepertoire gehört.

Es liegt in der Natur der Dinge, dass wir alle geliebt, geschätzt und vor allem akzeptiert werden wollen. Die Mehrheit von uns Männern will in diesem ungesunden Gefängnis namens Patriarchat leben, weil uns das den Status, die Macht und die Privilegien verschafft, die mit der Zugehörigkeit zur „richtigen“ Gruppe verbunden sind.

Wird Gewalt ausgeübt, um Männlichkeit und Macht zu demonstrieren, dann handelt es sich oft um eine Auswirkung dieser Gefangenschaft. Viele Männer werden gewalttätig, um ihre so genannte „verlorene Männlichkeit“ wiederherzustellen, wenn sie glauben, anderweitig ihrer „Manneswürde“ beraubt worden zu sein. Das ist offensichtlich, wenn Männer gegenüber Frauen und Kinder Gewalt anwenden, aber auch bei der Gewalt unter Männern. Über die letztere Gewalt wird oft schweigend hinweggegangen, und zwar insbesondere seitens der männlichen Opfer, die nicht als schwach oder unmännlich erscheinen wollen.

Alle Männer sollten bereit sein, diese Art des Schweigens zu brechen, um unserer einhelligen Ablehnung dieses Systems, samt allem, wofür es steht, Ausdruck zu verleihen. Wie lange noch werden wir darauf verzichten, um Hilfe zu suchen und uns dabei vormachen, dass es dem Kern unseres männlichen Wesens widersprechen würde, das zu tun? Dieses Schweigen wird oft auch mit dem Argument gerechtfertigt, es sei uns von Gott so bestimmt worden. Tatsächlich ist es ein Ergebnis der Sozialisation.

Ich frage mich immer wieder: Sind wir in der Lage, den Mythos zu entmachten, dass uns das Patriarchat zu richtigen Männern macht? Wollen wir unseren Kindern wirklich ein derart unhaltbares, repressives und selbstzerstörerisches Wertesystem vermitteln? Ist es das, wofür wir unseren Söhnen in Erinnerung bleiben wollen?

Copyright New Internationalist

Der Artikel erschien ursprünglich in The Sowetan (www.sowetanlive.co.za).

Brothers for Life: Anti-Aids-Kampagne für Männer über 30.

 

Veränderung an der Basis: Das Sonke Gender Justice Network

Einer von vier Südafrikanern gibt zu, eine Frau vergewaltigt zu haben. Das Sonke Gender Justice Network ist eine Organisation, die gegen dieses schockierende Ausmaß der Gewalt kämpft und für entsprechende gesellschaftliche Veränderungen eintritt.

Die Aktivitäten von Sonke zur Förderung der Gleichberechtigung von Mann und Frau umfassen Projekte mit traditionellen Führern, mit Flüchtlingen, jungen Menschen, generell sowohl mit Männern wie auch Frauen. „Brothers for Life“ beispielsweise ist eine Kampagne, die sich an Männer über 30 richtet. Sie fokussiert auf Risikofaktoren, die die Verbreitung von HIV und Aids fördern, darunter geschlechtsspezifische Gewalt und Alkohol. Männer werden ermutigt, als Partner, Väter und Führungspersonen ein positives Rollenmodell vorzuleben. Die Kampagne wird durch Werbung im Fernsehen, Radio und auf Plakaten bekanntgemacht und erreicht jeden Monat Millionen Männer und Frauen. Männer wie den 32-jährigen Simphiwe Peter: „Ich hätte mir nicht einmal im Traum vorstellen können, zu dem Mann zu werden, der ich heute bin“, beschreibt er die Auswirkungen seiner Arbeit mit Sonke. „Meine Einstellung gegenüber meiner Zukunft und auch gegenüber meiner Gemeinschaft ist positiver. Es ist einfach unglaublich, mitzuerleben, wie sich die Einstellungen und das Verhalten der Menschen in deiner Umgebung verändern. Die Leute sind nun eher bereit, Verbrechen anzuzeigen. Männer verlieren langsam ihre Vorbehalte gegen einen Besuch von Gesundheitszentren. Auch die Art, wie Männer über Frauen sprechen, hat sich stark geändert. Ich bin stolz, Teil einer solchen Bewegung zu sein.“

Sonke schreckt nicht davor zurück, sich mit Mächtigen anzulegen. Die Organisation brachte den Führer der ANC Youth League, Julius Malema, vor Gericht, nachdem er behauptete, die Frau, die Jacob Zuma beschuldigt hatte, sie vergewaltigt zu haben, hätte „Spaß beim Sex“ mit dem damaligen Vizepräsidenten [und aktuellen Staatspräsidenten, Anm. d. Red.] gehabt. Am 15. März 2010 entschied die Richterin C.J. Collis zugunsten von Sonke und befand, Malema habe sich der Vergehen der Belästigung und diskrimierender sprachlicher Ausdrucksweisen („Hate Speech“) schuldig gemacht. Er wurde zu einer bedingungslosen öffentlichen Entschuldigung und einem Beitrag von 50.000 Rand (ca. 5.000 Euro) an eine Organisation verurteilt, die missbrauchten Frauen Schutz bietet.
http://genderjustice.org.za

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