Das Rad neu erfinden

Als Verkehrsmittel sind Fahrräder aus den meisten Städten nicht mehr wegzudenken. Magdalena Summereder staunte bei ihrer Recherche über alternative Verwendungsmöglichkeiten .

Entsprechend umgebaut wird ein altes Rad zum Antrieb von Entsafter oder Waschmaschine – oder zum Gartenmöbel.© mayapedal.org

Upcycling wird gerne als das „bessere“ Recycling bezeichnet: Aus alten Materialien und Gegenständen werden neue Gebrauchs- und Designobjekte erschaffen. Für Michael Santos und Günter Sitter, die Gründer des Fahrrad Upcycling-Projekts „Gartenrikscha“ in Wien, lässt sich so ein „gewisser politischer Anspruch mit Spaß und Kreativität verbinden“. In einer Zeit wachsenden Konsums und immer größer werdender Müllberge mache es Sinn, zumindest im kleinen Bereich etwas zur Nachhaltigkeit beizutragen. In ihrem Fall bedeutet das, aus nicht mehr fahrtüchtigen Rädern Gebrauchsgegenstände zu basteln. Ihre erste Erfindung, eine Gartenbank aus zwei Fahrrädern und einer Palette, wurde heuer bei einem Designwettbewerb im Zuge einer Gartenmesse mit einem Preis ausgezeichnet.

Aha-Effekte. Santos und Sitter, die sich bereits aus der gemeinsamen Schulzeit kennen, hat immer schon die Liebe zum Fahrradfahren verbunden. Während seiner Tätigkeit als Fahrradkurier wurde für Michael Santos das möglichst kostengünstige Reparieren von Rädern zur Notwendigkeit. Eine Fähigkeit, die er mit der Gründung einer kleinen Fahrradwerkstatt in Brasilien zum vorübergehenden Beruf machte. Beim Umbauen alter Fahrräder hat er die Liebe zum Improvisieren für sich entdeckt: Es macht ihm Freude, unkonventionelle Lösungen zu finden und Neues aus Dingen zu schaffen, die für etwas anderes gedacht waren: „Dieser Aha-Effekt ist witzig, und beim Upcycling hat man ihn immer wieder.“

Hierzulande macht sich das Upcycling von Fahrradteilen bis jetzt hauptsächlich in der Design- und Schmuckszene bemerkbar, zum Beispiel in Form von Ohrringen, Gürteln und Taschen aus Fahrradschläuchen. Bei „Gartenrikscha“ geht es aber um mehr als einen kommerziellen Nutzen: Durch das – teils ehrenamtliche – Anbieten von Workshops für Kinder und Jugendliche, etwa für junge Flüchtlinge, soll das Projekt künftig auch einen sozialen Anspruch erfüllen.

Mehr Unabhängigkeit. Auch andernorts finden alte Räder neue Verwendung:

In Guatemala etwa zeigen pedalbetriebene Maschinen, dass Fahrräder weit mehr bewegen können als eine Person von A nach B. Das Konzept der NGO „Mayapedal“ ist einfach: Die durch das Treten der Pedale erzeugte Energie wird zum Antrieb von kleinen Maschinen – wie Korndrescher, Waschmaschinen oder Wasserpumpen – genutzt.

„Die Idee hinter unseren Fahrradmaschinen ist die unabhängige und umweltverträgliche Produktion von Energie“, erklärt Mario Juárez, Mitbegründer und Geschäftsführer von Mayapedal. Zielgruppe ist die ländliche Bevölkerung, die oft keinen gesicherten Zugang zu Strom hat. Durch den Einsatz der Fahrradmaschinen lassen sich Abläufe im Haushalt und in der Landwirtschaft vereinfachen oder kleine Unternehmen gründen.

Schon vor der offiziellen Gründung der NGO im Jahr 2001 haben Juárez und seine Mitstreiter viel Zeit in ländlichen Gemeinden verbracht, um die Maschinen an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen zu können. So entstand auch die Idee für die Lieblingsmaschine von Juárez, den Entsafter. Die durch Treten der Pedale in Gang gesetzte Maschine ermöglicht es, auf leichte Art Fruchtsäfte oder Shampoos aus Aloe Vera herzustellen.

Die Verkaufszahlen steigen, und zwar im ganzen Land. „Wir wollten der ländlichen Bevölkerung einen Weg zur Selbständigkeit bieten. Dass sich unsere Fahrradmaschinen in den städtischen Küchen wiederfinden könnten, damit hätten wir nicht gerechnet.“ Doch genau das scheint der Fall zu sein: Auch im urbanen Raum hat sich das nachhaltige und umweltverträgliche Projekt herumgesprochen, und so wird manch elektrische Maschine durch eine pedalbetriebene ersetzt. Vielleicht hat das auch mit einem Nebeneffekt, den Juárez den bicimáquinas zuschreibt, zu tun: „Die Bewegung an sich ist wohltuend und hilft, Stress abzubauen“.

Magdalena Summereder ist freie Redakteurin bei Wiener Vielfalt und Vienna Würstelstand, unterstützt den Produktionsprozess des MO-Magazin für Menschenrechte und ist selten ohne ihr Fahrrad anzutreffen.

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