Das Trauma der Nation

Vor 40 Jahren begann in Indonesien das Massaker an „echten“ oder angeblichen KommunistInnen. Eine kritische Aufarbeitung jener blutigen Epoche des Inselarchipels wird heute noch von den AnhängerInnen Suhartos verhindert.

Von Brigitte Voykowitsch
Es gibt eine mündliche Überlieferung unter den Dorfbewohnern, die spricht von einer einhundert Meter tiefen Höhle, in der etwa vier Meter hoch Knochen und Skelette aufgehäuft waren. Zeugen wussten zu berichten, wo und wie die Menschen getötet worden waren. Wochenlang, erinnern sie sich, sei nach den Hinrichtungen ein übler Geruch aus der Höhle gedrungen, bis das Militär befohlen habe, Steine in die Höhle zu werfen, um den Gestank zu bekämpfen“, erzählt Albertus Suryo Wicaksono.
Der ausgebildete Philosoph konnte zu Beginn seiner Uni-Jahre nicht ahnen, wohin ihn seine Studien führen würden. „Die Philosophie lehrte mich, dass alles hinterfragt werden kann“, erklärt er. Als Schüler und Student musste er wie alle unter dem Regime Suharto groß gewordenen IndonesierInnen die offiziellen Propagandafilme ansehen. An der Universität aber hörte er Anderes. Er erfuhr von der Gewalt, die den Sturz des linksgerichteten Staatspräsidenten Sukarno und die Machtübernahme von General Suharto in den Jahren 1965/66 begleitet hatte, und er erhielt Informationen über die damalige Verfolgung von echten oder angeblichen Kommunisten. Was ist wahr? Warum klammert die offizielle Geschichtsversion so vieles aus? Die Fragen veranlassten ihn schließlich, im Rahmen der in der Hauptstadt Jakarta ansässigen Nichtregierungsorganisation „Solidaritas Nusa-Bangsa“ in Blitar im Südosten der Insel Java die Suche nach Massengräbern aufzunehmen.

Eine Familie erzählte ihm bei einer Tagung im Jahr 2001 von der Höhle in Südblitar. Doch es dauerte lange, bis er und sein Team das Vertrauen der DorfbewohnerInnen gewinnen konnten. Fast vier Jahrzehnte waren seit den Hinrichtungen vergangen, „In all den Jahren sagten und taten die Menschen dort nichts. Denn sie waren der Ansicht, dass die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI) im Unrecht war. Ich versuchte ihnen also zu erklären, dass es nicht um die PKI ging, sondern um die Opfer, die Menschen waren, keine Tiere.“ Allmählich begannen die DorfbewohnerInnen mit Wicaksono zusammenzuarbeiten, auch wenn ihre Angaben nicht alle korrekt waren. Eine genaue Studie ergab, dass die vertikale Höhle nur 45 Meter tief ist; die Gebeine von mindestens 41 Personen aber befinden sich tatsächlich dort. Die Höhle in Blitar ist nur eines von elf Massengräbern, das Wicaksono und seine Mitarbeiter bislang entdeckt haben. Wie viele es in ganz Indonesien gibt, kann niemand sagen. Auch sieben Jahre nach dem Sturz Suhartos im Mai 1998 haben seine zivilen wie militärischen Anhänger Schlüsselpositionen im Staat inne und versuchen, eine kritische Aufarbeitung jener Vergangenheit zu verhindern, über die im Westen bereits eine Reihe von Studien vorliegt.

Der Putsch-Mythos: Der Asienexperte Peter Dale Scott etwa spricht von einem reinen Mythos, demzufolge Suharto und das Militär Indonesien 1965/66 vor einem Staatsstreich der PKI, mit der Sukarno kooperierte, gerettet hätten. Fest steht hingegen, dass Suharto auf westliche Unterstützung zählen konnte. Zumal die USA und Großbritannien wollten ihre ökonomischen Interessen in dem an Rohstoffen reichen Inselarchipel wahren. In der Zeit der Containment-Politik (mit dem Ziel, die Ausbreitung des Kommunismus und Stalinismus zu verhindern bzw. einzudämmen; Anm.) erhielt Suharto nicht nur militärische Unterstützung Washingtons. Die CIA, welche die Verfolgung der PKI später als einen der schlimmsten Massenmorde des 20. Jahrhunderts bezeichnen sollte, lieferte damals der indonesischen Armee Listen mit tausenden Namen von (angeblichen) KommunistInnen, wie die 1990 publizierten Recherchen der US-Journalistin Kathy Kadane zeigten. Kadane stützte sich unter anderem auf ausführliche Interviews mit 1965/66 aktiven CIA-Mitgliedern und US-amerikanischen wie britischen Diplomaten.

Der Massenmord: Die PKI, die damals drittgrößte kommunistische Partei nach den KPs in China und der UdSSR, wurde nach der Machtübernahme Suhartos zerschlagen. Bis zu einer Million Menschen kamen dabei gewaltsam zu Tode, Hunderttausende wurden verhaftet und verschwanden für Jahre in den Kerkern des Regimes. Tausende wurden auf die Gefängnisinsel Buru gebracht, unter ihnen der heute international renommierte Autor Pramoedya Ananta Toer, der erst 1979 wieder frei kam, danach aber in Jakarta praktisch unter Hausarrest stand. An sein autobiographisches Werk „Stilles Lied eines Stummen“ hat er eine lange Liste von Opfern angefügt, die nicht überlebten oder verschwunden sind. Den politischen Häftlingen, die überlebten, wurden nach ihrer Freilassung die Buchstaben ET (Ex-Tapol = ehemaliger politischer Gefangener) in ihren Personalausweis gestempelt. Damit blieben ihnen wesentliche Bürgerrechte und der Zugang zu zahlreichen Berufen wie Lehrer, Journalist oder Polizist verwehrt, ihre Kinder durften nicht studieren.
Die Haltung der Indonesier zur PKI sei weiterhin „zwiespältig“, sagt Wicaksono. Ein Teil der Bevölkerung sei zwar bereit, die offizielle Geschichtsversion zu hinterfragen, viele aber halten die PKI weiter „für einen Dämon“. Selbst Verwandte von Opfern wollen oft nicht reden, „zu groß ist das Trauma“. Zwar wurde im Vorjahr das aktive und passive Wahlrecht von Angehörigen einstiger (angeblicher) KommunistInnen weitgehend wiederhergestellt. In diversen Bereichen, wie beim Zugang zu Jobs im Staatsdienst, aber werden sie bis heute diskriminiert.

Die ungeliebte Wahrheit: Ob je ein Tribunal errichtet werden wird, kann Wicaksono nicht sagen. Er und sein Team sind entschlossen, ihre Recherchen weiter zu führen, Zeugenaussagen zu sammeln und zu publizieren. Sie bemühen sich auch, bei internationalen Organisationen wie der UN-Menschenrechtskommission und der Europäischen Union Gehör für ihr Anliegen zu finden. Leicht ist es nicht, weiß Wicaksono, der sich bereits mehrfach zu diesem Zweck in Europa aufhielt, aus Erfahrung. Die Ereignisse liegen vier Jahrzehnte zurück, von internationaler Seite kommen Argumente wie jenes, dass man das fragile Gleichgewicht und die erst junge Demokratie in Indonesien nicht stören wolle. Manche indonesische NGOs sehen ihrerseits dringendere Probleme, wie die Konflikte in Aceh, in Papua und auf den Molukken.
In diesem Jahr reichten verschiedene Betroffene eine Sammelklage gegen Suharto und seine vier Nachfolger ein, um Entschädigungen für Berufsverbote, Pensionsansprüche und andere Kompensationen zu bekommen. Unter den KlägerInnen finden sich der Schriftsteller Pramoedya Ananta Toer ebenso wie Carmel Budiardjo, die selbst drei Jahre Gefangene Suhartos war und 1973 die in London ansässige Menschenrechtsorganisation TAPOL gründete. Dass das Gericht die Klage überhaupt annahm, lässt auf ein langsames Aufbrechen des großen Geschichtstabus hoffen. In Jakarta finden in diesem Herbst eine Reihe von Veranstaltungen einschlägiger NGOs statt: In Radio-Talk-Shows, öffentlichen Diskussionen, Ausstellungen und Filmtagen setzt man sich mit den blutigen Ereignissen rund um den Machtantritt von General Suharto auseinander.

Das Parlament hat kürzlich die Einrichtung einer Versöhnungskommission beschlossen, die sich derzeit konstituiert. Diese Versöhnungskommission soll sich mit Menschenrechtsverletzungen der Vergangenheit befassen, also nicht ausschließlich, aber auch mit den Ereignissen von 1965/66. An der Ernsthaftigkeit dieser Kommission hegen internationale Menschenrechtsorganisationen allerdings große Zweifel. Sie fürchten, dass nicht seriöse Vergangenheitsbewältigung das Ziel ist, sondern dass man möglichst rasch einen Schlussstrich unter die Debatte über die Vergangenheit ziehen will. Strafprozesse und Verurteilungen sollen ausdrücklich vermieden werden.
Zahlreiche Opfer wie der bald 80-jährige Pramoedya Ananta Toer und junge Leute wie Wicaksono aber bekennen sich zur Sichtweise von Ibu Sulami. Die Frau, die 20 Jahre in Haft verbracht hatte, gründete Ende der 1990er Jahre das „Indonesische Institut für die Untersuchung des Massakers 1965-66“ (YPKP) und hob 2000 ein Massengrab in Zentraljava aus. 76-jährig verstarb sie Ende 2003. Sie hatte erklärt: „Diese Nation muss den Mut aufbringen, sich ihrer Angst zu stellen, der Wahrheit, die hinter dem Trauma liegt. Nur dann kann sie gesunden und stark werden.“

Brigitte Voykowitsch ist freie Journalistin mit dem Arbeitsschwerpunkt Süd- und Südostasien und lebt in Wien.

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