Das vergessene Land

In der Zentralafrikanischen Republik herrscht Frieden – offiziell. Tatsächlich steht die Zivilbevölkerung zwischen den Fronten eines Bürgerkriegs. Eine Bestandsaufnahme eines vergessenen Konflikts. Ronald de Hommel aus der Zentralafrikanischen Republik.

Mitten in der Nacht sind die BewohnerInnen von Paoua an Vivianes Haus vorbeigehastet. Sofort hat sie ihre Kinder geweckt und ist mit ihnen in den sogenannten Busch geflüchtet: Eine Landschaft ähnlich der Savanne, teils bedeckt mit dichtem Gestrüpp, das wenig Schutz bietet. Dort hat Viviane Salmbori die letzten zwei Nächte verbracht.

Jetzt sitzt sie wieder vor ihrem Haus in Paoua, einer staubigen Kleinstadt im Nordwesten der Zentralafrikanischen Republik. Ihr jüngster Sohn sitzt auf ihrem Schoß. "Meine Nachbarn haben gesagt, die Präsidentengarde kommt. Sie wird alle Häuser niederbrennen", sagt Viviane. Ab und zu überzieht ein Schüttelfrost Vivianes Körper. In der Hast der Flucht hat sie ein Loch in der Erde übersehen und ist gestürzt. Sie konnte nicht mehr rennen. Unter einem Baum hat die Familie Zuflucht gefunden: Viviane, ihr Mann und acht Kinder. Gestern fing es an zu regnen. "Ich wurde komplett durchnässt und bin krank geworden. Mein ganzer Körper tut weh", sagt Viviane. Sie ist zur Krankenstation von Paoua zurückgekehrt. Die Straßen waren menschenleer und aus den Lehmhäusern drang kein einziges Geräusch. Von den Krankenschwestern hat sie erfahren, dass die Truppen der Präsidentengarde Paoua nicht erreicht haben. Es ist wieder sicher in der Stadt. Doch ihr Mann und die anderen Kinder sind noch im Busch. Die Nachricht ist noch nicht zu ihnen durchgedrungen.

Vivianes Flucht ist nur ein Beispiel für die alltägliche Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik. Die BewohnerInnen von Paoua flohen 2003 das erste Mal, als die Truppen von François Bozizé das Dorf angriffen. Der ehemalige Armeegeneral Bozizé hatte sich gerade selbst zum Präsidenten ernannt und wollte die traditionelle Hochburg des gestürzten Präsidenten Ange-Félix Patassé an sich reißen. 2006 und 2007 kam es erneut zu heftigen Kämpfen zwischen der Regierungsarmee und dem nun zum Rebellen gewordenen Patassé. Seine Volksarmee zur Wiederherstellung der Demokratie (APRD) vertrieb die Mehrheit der Bevölkerung des Nordwestens des Landes in den Busch.

Seither sind die meisten BewohnerInnen nach Paoua zurückgekehrt. Doch die Landbevölkerung, die in hunderten weit verstreuten Dörfern lebt, bleibt versteckt. Ihre Häuser stehen ungeschützt in der Weite der Savanne. Zum Überleben bauen die Geflüchteten Maniok an. Die Rebellen der APRD schweifen durch diese Region und fordern einen Teil der Ernte ein. Die Menschen haben Angst vor den Rebellen, doch noch mehr vor der Präsidentengarde, die sie der Unterstützung der Rebellen beschuldigt. Sie ist die persönliche Miliz des Präsidenten. Ihr wird angelastet, hunderte von ZivilistInnen ermordet und Häuser niedergebrannt zu haben. Vorsichtige Schätzungen gehen von 100.000 Binnenflüchtlingen aus. Die BewohnerInnen der Region nennen die mörderischen Angriffe der Armee nur "die Vorfälle".

Die Zentralafrikanische Republik war nie mit kompetenten Führern an der Spitze des Staates gesegnet. In der Kolonialzeit war sie das vergessene Hinterland des französischen Imperiums. Französische Firmen hörten vom angeblichen Überfluss an Rohstoffen im Land. Doch sie blieben von der finanziellen und militärischen Unterstützung des Mutterlandes abhängig. Die französische Regierung missbrauchte das Land als Pufferzone gegen das britische Kolonialimperium. Investitionen wurden als unnötig angesehen.

Traurige Berühmtheit erlangte das Land durch den ehemaligen Armeegeneral Bokassa, der sich dank des Militärs an die Macht putschte. 1977 erklärte er sich zum Kaiser und gab für seine Krönung eine Summe aus, die dem Staatsbudget für ein Jahr entspach. Zwei Jahre später wurde auch er gestürzt. Eine Reihe von Militärputschen, meist mit Involvierung Frankreichs, und manipulierte Wahlen bestimmen seitdem die Politik des Landes.

Der jetzige Präsident François Bozizé kam 2003 - wie bereits erwähnt - durch einen Putsch an die Macht, unterstützt von Frankreich und dem Nachbarland Tschad. Wahlen im Jahr 2005 haben seine Position gefestigt. Er regiert das Land wie einen Familienbetrieb.

Die International Crisis Group, eine renommierte Organisation für Konfliktanalysen, kam im Jahr 2007 zu dem Schluss, dass die Zentralafrikanische Republik nicht einmal ein gescheiterter Staat sei, sondern ein Phantomstaat.

Die Provinz Vakaga im Nordosten des Landes ist abgeschieden und vernachlässigt. Im Norden grenzt sie an Tschad, im Osten an die sudanesische Provinz Darfur. Dort haben 2006 50 Rebellen der Vereinigung der Demokratischen Kräfte für Einheit (UFDR) die kleine Provinzhauptstadt Birao sowie andere regionale Zentren wie Ouandja, Djalle und Sam Ouandja eingenommen. Die UFDR ist eine weitere Rebellengruppe, die angeblich von der sudanesischen Regierung gestützt wird. Sie forderte Bozizé auf, mit ihr über eine neue Machtverteilung zu sprechen. Der Präsident regiere das Land entlang ethnischer Trennlinien, veruntreue öffentliche Gelder, sei korrupt und betreibe Vetternwirtschaft.

Französische Fallschirmjäger und Bodentruppen beendeten die Besatzung der Rebellen mit einem spektakulären Überraschungsangriff. Die nachfolgenden zentralafrikanischen Regierungstruppen machten die Stadt dem Erdboden gleich: 70 Prozent der Häuser wurden zerstört. Die Bevölkerung floh. Im April 2007 schloss die Regierung mit der UFDR ein Friedensabkommen. Es sicherte den Rebellen Amnestie zu und erkennt die UFDR als politische Partei an. Ehemalige Kämpfer werden - so das Abkommen - in die Armee integriert.
Die Konflikte im Überblick
Die zentralafrikanischen Rebellenbewegungen sind sehr unübersichtlich. Manche gehen gegen die Regierung Bozizé vor, andere haben rein kriminelle Ziele. Kein anderes Land in Afrika zählt so viele Armeen aus so vielen Ländern, die die Region stabilisieren sollen.

2003 Francois Bozizé stürzt Präsident Ange-Félix Patassé. Gründung der Rebellenbewegungen. APRD und FDPC: gehen im Nordwesten des Landes gegen Zentralregierung vor.
2006 Rebellenbewegung UFDR (angeblich unterstützt vom Sudan) wird im Nordosten des Landes aktiv.
2007 Französische Eingreiftruppe attackiert UFDR. Friedensabkommen zwischen UFDR und Regierung.
2007 Stationierung von EUFOR (europäische Truppen) und MINURCAT, UN-Mission, für Tschad und Zentralafrikanische Republik: Konflikt in Darfur soll nicht auf Nachbarländer übergreifen.
2008 Französische Soldaten gehen in EUFOR über.
2009 EUFOR-Truppe geht in MINURCAT über.

Der Konflikt wurde mit Hilfe französischer Truppen beigelegt. Heute sind die französischen Soldaten Teil der UN-Mission in Tschad und der Zentralafrikanischen Republik. Sie wurde 2007, zeitgleich mit der Stationierung der EUFOR-Truppen der EU, ins Leben gerufen. Sie soll verhindern, dass der Konflikt in der angrenzenden sudanesischen Region Darfur auf die Nachbarländer überschwappt.

Kommandant Poplineau leitet den Stützpunkt der so genannten MINURCAT. "Seitdem wir hier sind, ist die Lage stabil. Offiziell kontrollieren wir das ganze Gebiet bis zur Grenze. Aber es ist unmöglich festzustellen, wer hier tatsächlich umherzieht", sagt Poplineau.

Falvien Bado von der französischen Nichtregierungsorganisation (NGO) ACTED sieht darin das größte Problem. "Die UNO kontrolliert nur innerhalb eines Radius von 25 Kliometern um die Stadt Birao. Ihr fehlt Unterstützung aus der Luft", sagt Bado. "Den hiesigen Regierungstruppen fehlen sogar Autos und Benzin." Letzten März wurden zwei der Autos von ACTED von Räubern angegriffen. Wertgegenstände, wie Telefone und Kameras wurden gestohlen und die Mitarbeiter wurden einige Stunden festgehalten. Zaraguinas werden diese umherschweifenden Banditen genannt. Sie können Rebellen sein, die sich ein Zubrot verdienen, Kriminelle aus den Nachbarländern oder Bewohner der Region, die zufällig an eine Waffe gekommen sind. Rebellen aus dem Sudan dient der Zentralafrikanische Nordosten als sicherer Weg zu ihren Stützpunkten in Tschad. Die Region droht immer mehr eine Schmuggelroute für Waffen zu werden.

Zurück im Nordwesten des Landes. Die meisten Menschen sind nach vier Nächten im Busch wieder nach Paoua zurückgekehrt. Keine Rebellen, keine Nationalgarde. "Nur" die staatliche Armee, die den Rebellen der APRD ihre Kraft demonstrieren wollte. "Diese Spannungen sind der Grund, warum so wenige internationale NGOs in der Zentralafrikanischen Republik arbeiten", erklärt Olivier Routeau, Mitarbeiter der französischen NGO Triangle. Das Land ist offiziell nicht im Krieg. Nothilfeorganisationen wie das Internationale Rote Kreuz, Ärzte ohne Grenzen oder die Weltgesundheitsorganisation haben sich deshalb zurückgezogen. Doch Unsicherheit beherrscht weiterhin das Land, die Gewalt kann jederzeit ausbrechen. NGOs wollen hier nicht herkommen.

Eine der größten Herausforderungen ist es, die über 100.000 intern Vertriebenen zu erreichen. Meistens ist das nur zu Fuß oder per Rad möglich. Nur mit Kreativität und viel Energie können NGO-MitarbeiterInnen einen Gesundheitsposten errichten, Zugang zu sauberem Wasser ermöglichen oder Essen verteilen. COOPI, eine italienische NGO, hat hunderte "Buschschulen" eröffnet. Sie stellen Schulmaterialien zur Verfügung und bilden Eltern zu LehrerInnen aus. Viele Kinder haben seit über zwei Jahren nicht mehr die Schule besucht.

Vor drei Jahren waren erst fünf NGOs im Land aktiv, heute sind es bereits 24. Doch das ist nur ein Tropen auf den heißen Stein. Nach Jahrzehnten der Verwahrlosung fehlt es der Zentralafrikanischen Republik an fast allem.

Ronald de Hommel ist freiberuflicher Fotojournalist und lebt in Amsterdam und Paris.

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