Dehnbar von Tradition zu Trend

Tausende Jahre lang war Yoga nur wenigen Weisen in und um Indien vorbehalten. In den vergangenen Jahrzehnten hat es sich zum Massensport ausgeweitet und ist wichtiger Bestandteil eines weltweiten Wellness-Sektors.

Von Gundi Lamprecht

© Ben Stansall / AFP / picturedesk.com

Yoga macht gesund, munter, ausgeglichen, stark, flexibel, entspannt und schön. Es sind verheißungsvolle Versprechungen wie diese, die die Zahl der Yoga-Praktizierenden stetig steigen lässt. Statistiken zufolge hat sich die Zahl der Menschen, die weltweit Yoga machen, allein in den vergangenen vier Jahren verdoppelt.

Es seien mittlerweile mehr als 300 Millionen Menschen, die regelmäßig den herabschauenden Hund und andere Yoga-Positionen praktizieren – in Deutschland knapp drei Millionen, in Österreich immerhin 350.000. Tendenz weiter steigend.

Weitläufig als Yoga praktiziert werden heutzutage aber nur Teilgebiete eines ganzen philosophischen Konzepts: Es besteht aus acht sogenannten Stufen und wurde vom Weisen Patanjali zwischen dem zweiten Jahrhundert vor und dem vierten Jahrhundert nach Christus (exaktere Zeitangaben sind nicht bekannt) in seinem „Yogasutra“ niedergeschrieben. Darin geht es neben dem Umgang mit dem Körper mittels Übungen (Asanas), Atmung (Pranayama) und Geist (Meditation und Konzentration) zudem um heute weniger bekannte Bereiche wie den Umgang mit der Umwelt, mit den Sinnen und der inneren Freiheit.

Die ersten Yogis, als heilig verehrte Männer, die meditieren und Atemübungen machen, wurden vor etwa 3.500 Jahren in den Veden erwähnt, den Schriften aus der Tradition des Hinduismus.

Es gibt allerdings noch deutlich ältere Darstellungen von Menschen in Yoga-Haltungen, sodass die Vermutung nahe liegt, dass Yoga schon früher in den Hochkulturen des Indus-Tals geübt wurde. Viele Expert*innen gehen davon aus, dass es bereits vor 5.000 Jahren praktiziert wurde.

Die längste Zeit war Yoga am indischen Subkontinent jedenfalls Heiler*innen, Weisen und religiösen Autoritäten vorbehalten und fand eher im Privaten statt. Die britischen Kolonialherren, die ab 1858 das Geschehen in Indien lenkten, lehnten Yoga als Philosophie samt Praktiken ab und beschrieben Praktizierende als fanatische Freaks.

Yoga goes USA. Swami Vivekananda, ein in Indien bekannter spiritueller Lehrer und Hindu-Mönch, machte Yoga erstmals 1893 international bekannt. Er trat vor dem „Parlament der Religionen“ in Chicago auf, dem ersten Zusammentreffen aller großen Weltreligionen, mit dem Ziel eines friedlichen Dialogs miteinander.

In seiner Rede konnte er das US-amerikanische Publikum für den Hinduismus und die Yoga-Philosophie erwärmen. Er referierte über die spirituelle Praxis, die das Selbst mit einem höheren Bewusstsein in Harmonie bringen soll. Yoga sei eingebettet in den Hinduismus, doch könne es von allen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit praktiziert werden.

Vivekananda stärkte mit seinem Auftritt in den USA das Selbstbewusstsein der Hindus weltweit und förderte damit auch den in Indien aufkommenden Hindu-Nationalismus. Dieser sollte später als Grundstein für die friedliche Revolution Ghandis dienen, die in weiterer Folge 1947 die Unabhängigkeit von den Briten brachte.

Neben Vivekananda gibt es noch einige andere, die die Philosophie und Praxis des Yoga im Westen berühmt machten – etwa Swami Sivananda oder Paramahansa Yogananda, der Autor des 1946 erschienenen und später weltbekannten Buches „Autobiographie eines Yogi“. Diese YogaMeister waren vor allem spirituelle Lehrer, die die uralte Yoga-Philosophie des Weisen Patanjali in die Welt trugen.

Die hauptsächlich physische Yoga-Praxis, wie sie bis heute weltweit Schule gemacht hat, wurde vor allem von dem südindischen Gelehrten Tirumalai Krishnamacharya massiv geprägt (siehe Krishnamacharya, der Brückenbauer). Nachdem Yoga seit Jahrtausenden im Privaten praktiziert worden war, wurde es durch seine Vorführungen ab den 1920ern einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Krishnamacharya suchte sich Schüler*innen, denen er mit großer Strenge begegnete und denen er viel abverlangte: eine davon war Indra Devi, die aus Deutschland zu ihm kam und die er zur allerersten Yoga-Lehrerin ausbildetet.

Frauen war es bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts überhaupt nicht erlaubt, Yoga zu praktizieren und auch danach war es nicht üblich, von gleichaltrigen Männern zu lernen bzw. selbst zu lehren.

Krishnamacharya aber wollte Yoga Frauen zugänglich machen. Er erntete damit das Missfallen der Traditionalisten seiner Zeit (es schien ihn jedoch nicht zu kümmern).

Einst und jetzt: Die Posen ähneln sich, trotz immer neuer Interpretationen der Übungen.© Science Photo Library / picturedesk.com

Auf Erfolgskurs. Zur heutigen Popularität in den USA und Europa brachten Yoga die Schüler*innen von Krishnamacharya. Vor allem Bellur Krishnamachar Sunda-raraja Iyengar und Krishna Pattabhi Jois machten sich selbst einen Namen.

Iyengar war seit seiner Geburt ein schwaches, kränkelndes Kind. Krishnamacharya, der Iyengars Schwager war, holte ihn zu sich und meinte, Yoga werde ihm helfen. Nach einigen Jahren war Iyengar völlig geheilt und avancierte zu seinem Lieblingsschüler. Er wurde selbst zum Yoga-Lehrer und übte bis zu zehn Stunden am Tag.

Iyengar wollte unbedingt herausfinden, wie genau die einzelnen Haltungen, die Asanas, funktionieren: worum es bei einer Rückbeuge geht; wie das Becken stehen muss, damit es bei der Drehung der Wirbelsäule ein solides Fundament bildet; welchen Zeh er anspannen musste, um Innen- und Außenseite des Beines zu aktivieren.

Damit schuf er die Grundlagen für seine später bei Yoga-Fans weltweit berühmte Iyengar-Methode – die Entwicklung von Kraft, Standfestigkeit und klarer Körperausrichtung im Zusammenhang mit Flexibilität, Balance und Entspannung.

Bereits in den 1950er Jahren wurde Iyengar zum Lehrer vieler bekannter Persönlichkeiten im In- und Ausland. Zu seinen Schüler*innen zählten damals der Philosoph Jiddu Krishnamurti, Jawaharlal Nehru, der erste Ministerpräsident Indiens, Königin Elisabeth von Belgien und Yehudi Menuhin, einer der bedeutendsten Geigenvirtuosen des 20. Jahrhunderts.

Zur selben Zeit wie Iyengar war Jois Schüler von Krishnamacharya in Mysore, einer kleinen Stadt in Südindien. Dieser erweiterte den von Krishnamacharya entwickelten Stil des Ashtanga Yoga Anfang der 1930er Jahre. Er legte den Fokus weniger auf die Elemente des traditionellen Yoga wie Philosophie und Meditation und konzentrierte sich mehr auf anspruchsvolle körperliche Bewegung und Atmung.

1964 kam ein Belgier namens André van Lysebeth zu Jois nach Mysore und studierte bei ihm. Zurück in Europa schrieb dieser ein Buch über Yoga und erwähnte darin u.a. seinen Lehrer. So machte er Jois und seine Lehre dessen bekannt, was heute auf der ganzen Welt als Ashtanga Yoga praktiziert wird.

Ashtanga Yoga und das Yoga nach Iyengar sind inzwischen die am weitesten verbreiteten Yoga-Stile der Welt.

Damals dauerte es nicht lange, bis die ersten Schüler*innen aus den USA und Europa im südindischen Mysore eintrafen, um bei Jois Yoga zu lernen. Er selbst bereiste bis kurz vor seinem Tod 2009 die westliche Welt, um zu unterrichten.

Big Business. In den 1980er und 1990er Jahren wurde Yoga in den USA und Europa populär und immer mehr auf die Bedürfnisse der Menschen abseits von Indien ausgerichtet: Anstelle eiserner Disziplin und dem uneingeschränkten Folgeleisten gegenüber den Lehrenden – Elemente, die im traditionellen indischen Yoga dazugehörten – traten im Westen Wellness, Wohlfühlen und Entspannung als Ausgleich zum hektischen Alltag.

Angereichert mit diesen neuen Interpretationen kam es auch wieder zurück nach Indien. So wurde es vor allem von einer neuen indischen Mittelklasse übernommen, die Yoga nicht wie frühere Generationen zu Hause, sondern gerne im Fitnessstudio praktiziert und dafür gutes Geld zahlt. Einer großen Studie des US-amerikanischen Marktforschungsinstitut Allied Market Research zufolge wurden mit Yoga 2019 weltweit rund 37,5 Milliarden US-Dollar umgesetzt.

Zum Vergleich: Das Fastfood-Unternehmen McDonald’s machte im gleichen Jahr einen Umsatz von 21 Milliarden Euro.

Bedingt durch die Corona-Pandemie steigen zurzeit weltweit die Umsätze im Bereich Yoga-Kleidung und besonders die von Online-Yoga-Kursen.

Yoga befriedigt offenbar eine Reihe von Bedürfnissen, die die Menschen auf der ganzen Welt teilen: vom Streben nach Fitness, Stressbewältigung, Körperbewusstsein bis zum mentalen Loslassen und Meditation sowie dem achtsamen Umgang mit der Umwelt.

In diesem Sinne profitieren wohl viele vom dem, was der Yoga-Guru Krishnamacharya einst gesagt hat: „Yoga ist Indiens Geschenk an die Welt.“

Gundi Lamprecht ist Redakteurin des ORF in der Abteilung „Religion und Ethik multimedial“. Ihre Spezialgebiete sind Buddhismus und Hinduismus. Seit vielen Jahren lernt und lehrt sie Ashtanga Yoga.

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