Den Alltag filmisch einfangen

Von Johanna Kellermann ·

Die massiven Veränderungen, denen Baluchistan derzeit unterworfen ist, verlangen geradezu nach Dokumentation. Grund genug für das österreichische Kunstprojekt „ipsum“, diesen Teil Pakistans zum Zielort seiner Aktivitäten zu machen.

Baluchistan, Pakistans größte Provinz, war und ist ein Schauplatz widersprüchlicher Entwicklungen. Trotz ihrer Unwirtlichkeit wurde die karge Wüstenregion schon früh zum Schmelztiegel zahlreicher Völker, die sich hier niederließen. In der jüngsten Geschichte kämpften diese gegen die Zentralisierungsversuche der pakistanischen Regierung und um den Ausbau ihrer Selbstbestimmung.
Nach einer Phase blutiger Auseinandersetzungen zwischen Baluchistans Guerilla und dem Militär in den 1960er und 1970er Jahren kommt es heute nur noch zu vereinzelten Zusammenstößen, etwa wenn sich die lokalen Clanchefs von der Regierung in ihren Rechten beschnitten fühlen.
Die wirtschaftliche Attraktivität Baluchistans wird dadurch jedoch nicht beschnitten. Neben dem bestehenden Ressourcenreichtum rückt auch die Küstenstadt Gwadar, die derzeit zu einem riesigen Import-Export-Hafen ausgebaut wird, immer mehr ins internationale Rampenlicht. Der Ausbau der Infrastruktur, die Schaffung neuer Arbeitsplätze und verstärkte industrielle Entwicklung gehen an Mensch und Region nicht spurlos vorüber.

Bis an den Horizont erstreckt sich die Steinwüste, aus der sich da und dort niedrige, kahle Hügel erheben, manche schroff und ausgezehrt von Wind und Witterung, manche lediglich große Schotterhaufen.
In diese Landschaft eingebettet liegt Turbat, mit rund 70.000 EinwohnerInnen die größte Stadt der Umgebung: verschlafen, mit einer Hauptstraße, an deren Rand sich dicht an dicht kleine Häuschen und zahlreiche Marktstände drängen. Mit dem Jeep durchqueren wir, das Ipsum-Team (siehe Kasten S. 18), die karge Landschaft: Vorbei an vereinzelten Dörfern aus einfachen Lehmhäusern mit flachen Dächern. Vorbei an Gärten aus Dattelpalmen. Vorbei an Menschen mit dunkler Haut und krausen Haaren.
Zweifellos, ein großes Land wie Pakistan hat viele Gesichter; dennoch ist das Bild, das sich einem hier erschließt, so frappierend anders, dass man glauben könnte, wir wären in Nordafrika gelandet. Das einzige, womit wir sehr wohl gerechnet hatten, ist die trockene Hitze der Wüste.
Die Straße, die Turbat mit dem etwa 80km entfernten Dörfchen Soro verbindet, dem Ziel unserer Reise, ist benannt nach Zobaida Jalal, Pakistans Unterrichtsministerin und unsere künftige Gastgeberin. Den kommenden Monat werden wir dazu nutzen, junge Menschen zum Geschichten-Erzählen zu animieren.
Mit Kameras und akustischen Aufnahmegeräten werden sie die persönliche Wahrnehmung ihres Alltags und ihrer Umgebung einfangen, ihre individuelle Realität in Bild und Ton manifestieren. Um mit dem jeweiligen Ausdrucksmittel umgehen zu können, wird ein Workshop veranstaltet, bei dem die TeilnehmerInnen grundlegende theoretische und praktische Kenntnisse erwerben und ein selbst gewähltes Thema erarbeiten. Dabei schärft der Umgang mit der Kamera oder dem Aufnahmegerät die bewusste Wahrnehmung der Umwelt. Scheinbar Unbedeutendes und Unbeachtetes aus dem Alltag gelangt hier ins Rampenlicht.

Dass wir unsere Aktivitäten nun in Baluchistan durchführen können, verdanken wir dem Engagement von Rasheeda Raza, einer Fotografin aus Lahore, die seit Jahren den Wunsch hegt, mit den Menschen dieser abgelegenen Region zusammenzuarbeiten. Ihre Begeisterung hat sie an die Unterrichtsministerin weitervermittelt. Zobaida Jalal stammt aus Baluchistan und hat großes Interesse daran, dieses rückständige Gebiet zu fördern. Jalals Familie ist hier sehr angesehen: Sie hat für die Region Beachtliches geleistet. Ihrem Großvater ist es zu verdanken, dass Soro und die umliegenden Dörfer heute mit einem Bewässerungssystem ausgestattet sind. Mit einer kleinen Gruppe von Arbeitern hat er über zehn Jahre hinweg dieses Projekt umgesetzt. Als er schließlich zu alt wurde, um die Tätigkeiten zu koordinieren, kam sein Sohn Mir Jalal Khan zurück aus Kuwait, wo er gelebt und gearbeitet hatte, um das Unternehmen abzuschließen. Dieser war schockiert über das Bild, das ihm seine ursprüngliche Heimat bot. In den 30 Jahren seiner Abwesenheit hatte sich nichts verändert, die Bevölkerung hatte nach wie vor mit ihrer großen Armut zu kämpfen.
Auf Initiative von Mir Jalal Khan gibt es heute in Soro eine private Mädchenschule, die von rund 200 Schülerinnen besucht wird. In der Unterstufe sind Buben und Mädchen noch gemischt, danach geht es nur für die Mädchen weiter – die Buben müssen an die staatliche Schule wechseln. Heute ist der Großteil der Bevölkerung alphabetisiert; es herrscht allgemeines Bewusstsein von der Notwendigkeit von Schulbildung. Mir Jalal Khan ist darüber hinaus verantwortlich für den Aufbau verschiedener Gesundheits- und Hygieneprogramme. Sein Engagement wird heute von den Töchtern der Familie weiter getragen.

Baluchistans Gesellschaftssystem unterscheidet sich in einigen Aspekten vom übrigen Pakistan. Es sieht beispielsweise vor, dass Väter ihre Töchter mit Grundbesitz ausstatten müssen, wenn diese heiraten. Nach der Hochzeit entscheidet die Tochter, ob sie bei ihren Schwiegereltern leben oder zu ihren Eltern zurückkehren möchte. Daher wohnen auch im großen Gebäudekomplex der Jalals mehrere Brüder und Schwestern mit ihren Familien – einige Generationen sind hier unter einem Dach vereint. Die Familie Jalal nimmt uns herzlich auf und lässt diesen Ort auch für uns zu einem Zuhause werden.
Wir sind ein Team aus sieben Leuten, daher ist es möglich, gleich drei Gruppen für Workshops aufzustellen. Zwei davon finden in der Mädchenschule statt, wobei eine Gruppe mit Kameras und die zweite mit Audiorecordern arbeiten wird. Eine dritte Gruppe arbeitet ebenfalls mit Kameras. Sie setzt sich aus jungen Männern zusammen, die teils noch die öffentliche Schule besuchen und teils schon im Berufsleben stehen.
Die Ergebnisse der jeweiligen Arbeiten der TeilnehmerInnen sind in ihrer Unterschiedlichkeit äußerst interessant. In der Herangehensweise an das Ausdrucksmittel, der Wahl der Themen, der Umsetzung von Ideen ist bemerkbar, wer bereits Lebenserfahrung hat, wer gewohnt ist, viel mit den Händen zu schaffen. Während die Männer hier von Anfang an sehr konkret sind, haben viele der Mädchen noch einen etwas zögerlichen Zugang. Im Laufe der Wochen führen aber Erkenntnisse und wohl auch gestärktes Selbstvertrauen dazu, dass gerade die Mädchen überraschend gelungene Arbeiten hervorbringen.
Was alle Gruppen verbindet, ist ihre Begeisterungsfähigkeit und die Ernsthaftigkeit und Sorgfalt, mit der sie an ihre Arbeit herangehen. Interessant und vielfältig ist die Wahl ihrer Schwerpunkte: Typische Berufe, die Gesellschaft, die Bedeutung des Wassers, Nahrungsmittel, die eigene Kultur, Mode, das örtliche Krankenhaus, Pflanzen und Tiere sind ebenso Thema wie der allgegenwärtige Drogenmissbrauch, der in der Region ein akutes Problem darstellt. Ein Problem, das auf Arbeitslosigkeit und Existenzängsten gründet.

Bezüglich der Situation am Arbeitsmarkt stellt sich nun allerdings vorsichtiger Optimismus ein. Wenige Autostunden von Soro entfernt plant die Regierung ein gigantisches Städteprojekt: Die unscheinbare Küstenstadt Gwadar wird umfunktioniert zu einem Hafenstützpunkt und soll zu einem Umschlagplatz vor allem für Erdöl werden. Die begünstigte Lage (nahe der Grenze zum Iran, wenige Autostunden von Karachi entfernt und über den Seeweg auch mit Dubai günstig verbunden) macht Gwadar zu einem lukrativen Standort.
Gegenwärtig ist man dabei, eine riesige Zufahrtsstraße durch die Wüste zu planieren, Wasser- und Stromversorgungsnetze werden ausgebaut, um mit dem gewaltigen Unternehmen Schritt halten zu können, Hochhäuser schießen aus dem Boden, und an den Immobilien- und Spekulationsgeschäften verdienen sich bereits einige Unternehmer eine goldene Nase.
Doch auch das Innere Baluchistans ist wirtschaftlich interessant: Das Umland von Quetta, der Hauptstadt der Provinz, gilt als Obst- und Gemüsekorb Pakistans, die Bergregionen weisen große Vorkommen an Erzen und Mineralien auf und darüber hinaus besitzt Baluchistan eines der weltweit größten Vorkommen an Erdgas. Die Regierung trifft bereits Maßnahmen, diese Gebiete künftig wirtschaftlich nutzbarer zu machen, indem sie Straßennetze anlegt und die Infrastruktur ausbaut.
Was wird bleiben von dem momentanen Gesicht Baluchistans, wenn das „Projekt Gwadar“ fertig gestellt ist? Wie wird sich die Riesenstadt auf die Umgebung auswirken? In Landflucht? Verlassenen Dörfern? Welchen Veränderungen wird das Landesinnere unterzogen? In diesen Zeiten des Umbruchs, des kulturellen und wirtschaftlichen Wandels haben die TeilnehmerInnen der ipsum-Workshops mit ihren Werken Dokumente geschaffen. Sie halten fest, was derzeit besteht, und geben uns ein komplexes Bild von Menschen, Gesellschaft, Kultur und Traditionen. Sie sind Statements zur eigenen Lebensrealität.
Am Ende der Workshops präsentieren die KünstlerInnen ihre Werke in einer großen Ausstellung in der Mädchenschule. Zahlreiche Leute aus dem Dorf kommen – das wollen sie sich nicht entgehen lassen. Es ist das erste Mal, dass hier eine Ausstellung dieser Art stattfindet, mit Bildern und Tondokumenten der eigenen Lebenswelt – so etwas hat es bisher nicht einmal in Turbat gegeben.

Die meisten sind begeistert, einige wollen sogar gleich ein Bild kaufen. Eine gewaltige Motivation für die FotografInnen, ihre kreativen Arbeiten weiterzuführen. Das Rüstzeug dazu – sowohl die materielle Ausstattung wie die Bereitschaft, sich mit ihrer Welt auseinanderzusetzen und diese Perspektiven nach Außen zu vermitteln – haben sie in den vergangenen vier Wochen erhalten.
Es wird spannend, eines Tages zurückzukehren, um festzustellen, wer „weitergemacht“ hat. Und ob es morgen das Baluchistan von heute noch gibt.


Selbst sehen

Das Projekt, in dessen Rahmen die hier geschilderten Aktivitäten stattfinden, heißt „ipsum“ (lat.: selbst) und entstand durch die Initiative einiger engagierter junger Menschen aus Österreich, die in verschiedensten Bereichen tätig sind (siehe auch SWM 5/06). Seit mehr als drei Jahren ermutigt ipsum Menschen in der ganzen Welt dazu, sich über das Medium Kamera auszudrücken. Bisher fanden Projekte in Angola, Österreich und Pakistan statt; im April d. J. begann ein neues Projekt in Afghanistan.
Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich und der persönlichen Wahrnehmung der Umwelt werden in Ausstellungen und über die ipsum-Homepage (www.ipsum.at) an die Öffentlichkeit herangetragen. Dieses Öffentlichmachen geschieht nur mit dem Einverständnis der UrheberInnen.
WeH

Johanna Kellermann studiert Spanisch und Französisch an der Romanistik in Wien und ist Mitglied des Kunstprojektes ipsum. Im Sommer 2005 war sie an der Umsetzung eines Fotoworkshops in Baluchistan beteiligt.

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