„Den Leuten nicht das Denken abnehmen“

Darüber, was ihre Konzepte verbindet und was sie trennt, sprachen auf Einladung des Südwind-Magazins Hartwig Kirner, Geschäftsführer von FAIRTRADE Österreich, Tobias Radinger, Inhaber der Kaffeefabrik in Wien und Andrea Reitinger, Sprecherin der Importorganisation EZA Fairer Handel.

© Alexander Chitsazan

Die Auswahl für kritische KonsumentInnnen wächst. Zusätzlich zum seit Jahrzehnten bestehenden Angebot des Pioniers EZA Fairer Handel und zur steigenden Auswahl an FAIRTRADE-zertifizierten Produkten kamen in den letzten Jahren, vor allem im Kaffee-Bereich, vermehrt so genannte „Direct Trade“-Initiativen hinzu. Sie beziehen geringe Mengen hochwertiger Ware direkt von ProduzentInnen. Ein Bericht des Südwind-Magazins (11/2015) dazu löste Diskussionen aus – Anlass für eine Gesprächsrunde über gegenseitige Vorwürfe und gemeinsame Ziele.

Wenn Sie hier gemeinsam an einem Tisch sitzen, empfinden Sie sich eher als Konkurrenten um ein ähnliches Segment an Kundinnen und Kunden oder als Kämpfer für eine gemeinsame Sache?

Hartwig Kirner: Für mich geht es darum, wie wir Handelsstrukturen fairer gestalten wollen. Und dabei gibt es verschiedene Zugänge. Zwischen FAIRTRADE und „Direct Trade“ sehe ich gar keinen Widerspruch, das ist für mich eine sehr gute Ergänzung.

Tobias Radinger: Ich sehe uns auch nicht als konkurrierende Akteure. Ich denke, dass wir schon unterschiedliche Märkte ansprechen. FAIRTRADE und EZA Fairer Handel grob gesprochen eher den Massenmarkt und „Direct Trade“ mit seinem sehr hohen Qualitätsanspruch den Gourmetmarkt. Wenn es um die Art der Handelsbeziehungen geht, stoßen wir, glaube ich, in die gleiche Richtung vor.

Andrea Reitinger: Uns geht es um einen ganzheitlichen Qualitätsbegriff, nämlich um die Verknüpfung der Produktqualität mit einer hohen sozialen und ökologischen Qualität. Das ergibt dann für uns ein rundes Produkt. Wir sind vor 40 Jahren angetreten, um – nicht nur im Kaffeebereich – aufzuzeigen, wie die Situation der Bäuerinnen und Bauern ist, welches Ungleichgewicht es in den Lieferketten gibt und dem etwas entgegenzuhalten. Insofern: Wir sind nicht alle Kämpfer für dieselbe Sache, es gibt schon graduelle Unterschiede.

Wenn eine Kundin oder ein Kunde Produkte von Ihnen dreien vor sich liegen hat, wieso sollte sie oder er gerade zu Ihrem greifen?

Radinger: „Direct Trade“ ist kein eindeutiger Begriff, die Ansätze gehen sehr auseinander. Der Ausgangspunkt war und ist aber immer die Tassenqualität. Die Vorreiter im „Direct Trade“ fanden, man könne über FAIRTRADE nicht die höchste Qualität bekommen.

Heißt das, wer den besseren Kaffee möchte, sollte zu Ihnen kommen?

Radinger: Ich will niemandem vorschreiben, wie er einkaufen soll. Wichtig ist ein mündiger Konsument, der hinterfragt, was hinter einem Konzept steht. Es kann sein, dass hinter manchen Konzepten von „Direct Trade“ nicht mehr steht als: Wir kaufen direkt, und wir zahlen mehr. Das reicht mir nicht.

Kirner: Für mich ist es zum Teil ein großes Missverständnis, zum Teil ein gerütteltes Maß an Naivität, weshalb Diskussionen über die Abgrenzung zu FAIRTRADE entstehen. FAIRTRADE bedeutet nicht automatisch, dass es um Massenprodukte geht. Wir zertifizieren in Österreich etwa die teuerste Schokolade und gleichzeitig gibt es auch Massenschokoladen. Natürlich wird bei qualitativ hochwertigen Produkten ein Aufschlag gezahlt. Naiv wirkt es, wenn Initiativen des „Direct Trade“ so tun, als kennen sie alle Bauern persönlich und würden dann vielleicht noch selbst die zwei Säcke Bohnen hierher bringen. Das stimmt schlicht und einfach nicht.

Und wieso sollte ein Konsument zu einem Produkt mit einem FAIRTRADE-Siegel greifen?

Kirner: FAIRTRADE überwacht und kontrolliert, dass entsprechende Standards eingehalten werden. Und es gibt einen Mindestpreis und eine Prämie für die Kooperativen.

Reitinger: Mich lässt es manchmal ein bisschen sprachlos zurück, wenn behauptet wird, FAIRTRADE könnte nicht Qualität bieten. Da kann ich nur sagen: Glauben Sie denn wirklich, dass die Konsumentinnen und Konsumenten Masochisten sind und einfach nur zu einem Produkt greifen, weil sie vielleicht von der sozialen und ökologischen Komponente überzeugt sind? Aber eigentlich finden, dass das Produkt grauslich schmeckt?

Wieso ist es dann so, dass es offensichtlich ein relativ großes Marktsegment für Initiativen wie die Kaffeefabrik gibt, wenn ohnehin schon genügend Qualität geboten wird?

Reitinger: Was ist groß? Wenn man bei vier Prozent – das ist derzeit der Marktanteil an fair besiegeltem Kaffee in Österreich – bereits von einem Massenmarkt spricht, dann frage ich, in welchem Segment bewegt sich der Gourmetmarkt? Das ist die Nische in der Nische, da braucht man sich nichts vorzumachen. 96 Prozent werden noch immer konventionell gehandelt. Für mich ist nicht nur die Produkt-, sondern auch die Unternehmensebene wichtig. Wir sind damals angetreten, um unter Beweis zu stellen, dass ein anderes Wirtschaften und ein anderer Handel möglich sind.

Was ist der Vorteil, wenn ich ein EZA-Produkt, etwa im Weltladen, kaufe gegenüber dem Kauf eines FAIRTRADE-zertifizierten Produkts aus dem Supermarkt? Reicht FAIRTRADE nicht?

Reitinger: Ein Ziel von FAIRTRADE ist es, dem konventionellen Handel die kontrollierte Teilnahme am System des Fairen Handels zu ermöglichen. Ein Weltladen agiert aus einer völlig anderen Motivation heraus und hat immer mehr als den Verkauf eines Produkts als Zielsetzung. Es geht auch um Bewusstseinsarbeit und darum, weltwirtschaftliche Zusammenhänge, Strukturen und Ungerechtigkeiten aufzuzeigen. Das gilt auch für die EZA.

Das heißt, man bekommt bei EZA Fairer Handel als Konsument noch ein Stück mehr?

Reitinger: Definitiv.

Kirner: Da stimme ich zu.

Radinger: Zum Thema Qualität: Ich will nicht sagen, FAIRTRADE- oder EZA-Kaffee verursacht den Menschen Schmerzen, nein. Aber Kaffees werden heute nach internationalen Standards bewertet und da gehe ich jede Wette ein, dass die Kaffees, die wir als Roasters United, zu dessen Netzwerk die Kaffeefabrik gehört, importieren, bessere Bewertungen erzielen als ein EZA-Kaffee. „Direct Trade“ will, was Qualität betrifft, ans obere Limit kommen. Und für Roasters United kann ich sagen: Wir werden unserem Anspruch, jede Kooperative einmal im Jahr zu besuchen, gerecht.

Aber ist das dann eine unabhängige Kontrolle, wenn die Auftraggeber selbst die Kooperativen besuchen?

Radinger: Wir sind in erster Linie Überzeugungstäter und nicht Geschichtenerzähler. Wir zahlen bessere Preise und wir importieren als Roasters United ausschließlich Bio- und Kooperativen-Kaffee.

„Direct Trade“ hat keine einheitlichen Standards, wie können sich da Konsumentinnen und Konsumenten auf etwas verlassen? Sie müssen sich sehr genau informieren, während sie bei einem Siegel Bescheid wissen, oder?

Radinger: Ja, wobei auch bei FAIRTRADE gibt es etwa Durchrechnungen mit Prozentanteil, was bedeutet, dass in dem konkreten Schokoriegel gar nicht unbedingt FAIRTRADE-Schokolade enthalten ist (sogenannter Mengenausgleich, Anm. der Red.). Das muss man auch wissen. Der Konsument muss immer Dinge in Frage stellen.

Kirner: Schokolade ist eine Ausnahme. Bei Kaffee kann man genau sagen, aus welcher Kooperative die Kaffeebohne in der Packung stammt. Was ich nicht verstehe, ist, warum sich die „Direct Trade“-Initiativen immer so an FAIRTRADE abarbeiten. Ich habe mir angeschaut, wo Sie, Herr Radinger, zum Teil den Kaffee beziehen – da sind sehr viele FAIRTRADE-Kooperativen dabei. Ich verstehe nicht, wieso man dauernd sagt, FAIRTRADE ist ein schlechtes Konzept, wenn man selbst zum Teil von diesen Kooperativen kauft. Was schon stimmt, ist, dass im hochqualitativen Segment der Preis automatisch höher ist, auch für die Bauern oder die Kooperative. Wir reden hier aber von einem ganz kleinen Segment.

Reitinger: Beim Konzept des Fairen Handels geht es ganz stark darum, dass man nicht bei Einzelnen einkauft, sondern von organisierten Kleinbäuerinnen und -bauern. Das tun viele bei „Direct Trade“ nicht. Uns geht es darum, Menschen zu stärken, die sich zusammentun, weil sie dadurch einfach mehr erreichen können. Und wir arbeiten sehr direkt mit den Kooperativen zusammen, sind als Handelspartner regelmäßig vor Ort, bringen wichtige Informationen mit und laden auch umgekehrt Produzentinnen und Produzenten nach Europa ein.

Von FAIRTRADE hört man immer wieder die Kritik, „Direct Trade“-Initiativen würden ein Lifestyle-Produkt anbieten und keinen entwicklungspolitischen Ansatz verfolgen. Ist FAIRTRADE in der öffentlichen Wahrnehmung nicht auch zusehends ein Lifestyle-Produkt geworden?

Kirner: Ob jeder Konsument unseren Ansatz bis ins letzte Detail kennt? Nein, wahrscheinlich nicht, das ist auch nicht notwendig. Ich glaube, es geht darum, dass man eine Idee voranbringt. Grundsätzlich ist FAIRTRADE eines der drei bekanntesten Siegel in Österreich. Und wir wissen auch, dass die Menschen verstehen, worum es dabei geht. Ich glaube, es gibt wenige Siegel, die so klar mit den Zielen identifiziert werden, die dahinter stehen.

Reitinger: Wobei mein Eindruck schon ist, dass sich das sehr gut in dieses kapitalistische Marktsystem einfügt. Man versucht, einfach alle Marktsegmente möglichst gut zu bedienen – von Superbilligstpreis bis Gourmet.

Denken Sie, Herr Radinger, darüber nach, was Sie zu einer Veränderung des Weltwirtschaftssystems beitragen können?

Radinger: Da werden wir mit unserer Nische nichts bewegen. Natürlich bewerben wir unser Modell und wollen auch selbst wachsen. Mir ist lieber, wir nehmen großen, kommerziellen Röstern etwas vom Kuchen weg als FAIRTRADE. Aber das kann man sich nicht immer aussuchen.

Reitinger: Die EZA will zeigen: Man kann sehr wohl wirtschaftlich tragfähig sein mit unserem Modell. Aber uns ist absolut bewusst, dass wir damit nicht das ungerechte Weltwirtschaftssystem aus den Angeln heben. Das muss mitkommuniziert werden, sonst führt es nämlich genau dazu, dass wir die ungerechten Strukturen durch Fairen Handel ein bisschen behübschen.

Kirner: Wenn ich mir anschaue, was dazu beigetragen hat, dass Handelsstrukturen überhaupt ein Thema sind, dann war das der Faire Handel. Wir werden es aber niemals schaffen, dass wir das EU-Handelsregime von heute auf morgen ändern. Wir können konkret zeigen, dass es auch anders geht – etwa im Bananenmarkt, wo wir mittlerweile 20 Prozent des Volumens in Österreich zertifizieren.

Radinger: Ich habe schon ein bisschen ein Problem damit, wenn ich große Unternehmen sehe, Coffeeshop-Marken oder Kapselhersteller, die sich über Zertifizierungen behübschen. Es wäre naiv zu glauben, dass ein riesiges, börsennotiertes Unternehmen ein echtes Interesse an der Verbesserung der Lebenssituation der Produzenten hat. Da frage ich mich schon, geht man mit jemandem einen gemeinsamen Weg, nur um ihm die Gelegenheit zu geben, sich ein Mäntelchen umzuhängen?

Kirner: Die Realität ist, die großen Mengen werden von großen Nahrungsmittelkonzernen bewegt. Konkret Nestlé ist einer der ganz großen Kaffeeröster weltweit. Warum soll ich nicht versuchen, einen großen Konzern zu einer faireren Beschaffung zu bewegen? Wenn es gelingt, dann gelingt wirklich was.

Und da besteht keine Gefahr, dass Standards aufgeweicht werden?

Kirner: Gerade die großen Konzerne haben kein Interesse daran, dass FAIRTRADE die Standards aufweicht. Sonst würden sie sich woanders zertifizieren lassen oder eigene CSR-Initiativen starten.

Radinger: Für mich ist es auch eine Frage des ökologischen Fußabdrucks. Bei Kapselkaffee kann fairer Kaffee drin sein, aber das Mäntelchen, das man sich mit einem Siegel gibt, passt dann nicht einmal über eine Schulter.

Reitinger: Gütesiegel wie FAIRTRADE geben vielen Menschen eine Orientierung beim Einkauf, aber sollten den Leuten nicht das Denken abnehmen. Man darf nicht dem Trugschluss verfallen, mit der Zertifizierung eines Produkts hätte sich ein Konzern insgesamt verändert. Generell können wir uns nicht mit freiwilliger Selbstverpflichtung zufrieden geben, das kann bestenfalls ein Zwischenschritt sein, hin zu einem politischen Rahmen. Und da sind wir alle extrem gefordert.

Gesprächsleitung: Nora Holzmann

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