Den Prozess begleiten

Was von Medien in Zeiten einer polarisierenden Flüchtlingsdebatte gefragt wäre. Empfehlungen von Fritz Hausjell.

Die große Zahl der Flüchtlinge, die zu uns gekommen sind und wohl weiter kommen werden, ist zweifellos eine enorme politische und gesellschaftliche Herausforderung. Die Medien sind gefordert, diesen Prozess zu begleiten. Neben dem klassischen Informationsjournalismus und ausführlichen Debatten sollten Medien die Gebiete Kultur, Geschichte, Religion und Lifestyle gezielt dazu gestalten. Denn wer „das Fremde“ als Grundlage für Ängste diagnostiziert, kann dafür sorgen, dass Unbekanntes nicht länger fremd bleibt. Es ist nötig, die Lebenswelten der hierher geflüchteten Menschen fair auszuleuchten. Denn – Hand aufs Herz – wer von uns weiß schon wirklich viel oder mitunter überhaupt etwas darüber, wie jene, die sich aus beispielsweise Syrien nach Österreich retten konnten, vor dem Krieg dort gelebt, gedacht, gehofft haben?

Es reicht nicht, nur die Politik und die ExpertInnen über geflüchtete Menschen in unseren Medien zu Wort kommen zu lassen, es braucht auch direkte Stimmen. Unter den hier Zuflucht findenden Menschen gibt es genug JournalistInnen. Heimische Medien sollten diese viel öfter als bisher als PartnerInnen zur journalistischen Begleitung der aktuellen Herausforderungen begreifen. Diese neuen ExiljournalistInnen haben exzellenten Zugang zu ihren Communities.

Gerüchte rasch checken. Der Qualitätsjournalismus wird auch dadurch gefordert, dass zahlreiche Gerüchte über Flüchtlinge und deren HelferInnen in Umlauf gebracht werden. Hier gilt es, noch stärker als bisher durch penible Recherche zu prüfen. Bei Aufdeckung von Gerüchten ist es wichtig, die UrheberInnen aufzuspüren, wie es etwa das Medienmagazin „Zapp“ des Norddeutschen Rundfunks exemplarisch bereits gemacht hat.

Zudem würde ein flächendeckendes Monitoring der Gerüchte künftig die Möglichkeit bieten, rascher zu reagieren und die Quellen zu identifizieren. Wenn Medienanbieter diese notwendige Leistung entwickeln und der Gesellschaft zur Verfügung stellen, könnten sie gewiss beim Thema Glaubwürdigkeit bei den BürgerInnen punkten.

Transparenz herstellen. Auch in Österreich überziehen radikale Gruppen mittlerweile „klassische“ Medien mit dem Vorwurf des Verschweigens (etwa der Nationalität oder Ethnie von Tatverdächtigen), und es debattieren in der Mitte der Gesellschaft angesiedelte Zirkel über die „Lügenpresse“.

Qualitätsvoller Journalismus geht kritisch distanziert gegenüber allen Seiten heran und ist daher manchen immer schon unangenehm gewesen. Je mehr jemand die kritische Auseinandersetzung scheut, desto eher versucht er oder sie Medien zu denunzieren oder gar physisch zu attackieren. Was etwa PEGIDA in Deutschland macht, folgt in Ansätzen dem Muster der Nationalsozialisten vor 1933. Aus dieser historischen Erfahrung heraus gilt es wachsam zu sein und sind ähnliche Strategien heute einfach nicht zu dulden. Mehr Transparenz über das eigene journalistische Handeln zu vermitteln, um so die Medienkompetenz bei den BürgerInnen zu stärken, erscheint mir die eine nötige Antwort zu sein. Denn für Menschen, die weniger mit der Medienwelt vertraut sind, machen im Zuge der „Lügenpresse“-Kampagnen strapazierte Vorwürfe mitunter durchaus Sinn.

Die Medienseiten und -sendungen, z.B., sollten nicht nur spezielle Stories bieten, die in erster Linie InsiderInnen nutzen und verstehen. Solange viele in der Gesellschaft nicht wissen, wie Medien funktionieren, haben Verschwörungstheoretiker ein leichtes Spiel.

Differenzieren. Nachdem nun die Grenzen gegen Asylsuchende wieder hochgezogen wurden, brauchen diese wieder Fluchthelfer oder Schleuser und Schlepper. Die Medien sollten es schaffen, hier künftig zu differenzieren. Ja, es gibt Kriminelle, die die Not der zur Flucht genötigten Menschen schamlos ausnutzen. Aber die hiesigen Gesetze und Gerichte differenzieren viel zu wenig. Menschen, die anderen auf ihrer Flucht nur geholfen haben, werden unnötigerweise auch kriminalisiert und inhaftiert. Wo bleibt hier der justizkritische Journalismus?

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