Der Albtraum am Ort seines Ursprungs

Das Bild des Nachtwächters vor dem Fischereiinstitut in Mwanza, Tansania, ging um die Welt. Doch wie ist der Erfolg des Dokumentarfilms „Darwin’s Nightmare“ bei ihm und anderen Mitwirkenden angekommen? Eine Reportage von Lena Hörnlein.

Von Lena Hörnlein
Eine Schlüsselfigur des Films ist Raphael Tukiko. Der 52-Jährige arbeitet als Wachposten bei „Tafiri“, dem Fischerei-Forschungsinstitut in Mwanza. Dort traf er 2003 auf den Filmregisseur Hubert Sauper, der ihn als Ortskundigen und Übersetzer engagierte. Im Film „Darwin’s Nightmare“ redet er bei Nacht vor dem Institutsgebäude stehend und mit Giftpfeil und Bogen bewaffnet über die Gefahren seiner Arbeit. Ein wenig merkwürdig wirkt er schon mit seinen steinzeitlichen Waffen und den geröteten Augen. Und bemitleidenswert, wie er für einen Hungerlohn seine Arbeit tut.
Ich erlebe ihn anders: Bei Sonnenschein und einer Zigarette sitzt er vergnügt vor dem Fischereiinstitut und plaudert mit Kollegen. Als ich erkläre, ich kenne ihn aus dem Kino, ist er zunächst misstrauisch. Doch als er merkt, dass ich keine Kamera dabei, dafür aber ein Jahr in Tansania gelebt habe und Kiswahili kann, wird er gesprächig: Den fertigen Film habe er nie gesehen. „Darwin’s Nightmare“ wurde im Fischereiinstitut gezeigt, doch: „Auf einem Aushang war angekündigt: Das ist der Film, in dem Raphael schlechte Dinge über Tansania erzählt! Aus Angst bin ich an diesem Tag nicht zur Arbeit gegangen.“

In einer Filmszene liest Raphael Tukiko einen Artikel aus der Zeitung „The East African“ vor, in dem der Journalist Richard Mgamba aus Mwanza einen Fall von illegalem Waffenhandel am Flughafen der Stadt aufdeckt. Nun erzählt der Angestellte, er habe wegen seiner Rolle im Film beinahe seinen Arbeitsplatz verloren. Der Wohnsitz von Tukiko und seiner Familie liegt – unerwartet idyllisch – mit Blick auf den Victoriasee, zwischen den für Mwanza typischen Felsen und grünen Wiesen. „Letztes Jahr wurde unser Haus demoliert“, erzählt der Gastgeber. „Wahrscheinlich, weil die Regierung hoffte, wir würden wegziehen und sie könnte unser Grundstück teuer verkaufen. Das kommt in letzter Zeit häufig vor.“ Kein Wunder, dass wohlhabende TansanierInnen in dieser Gegend gerne Luxus-Wohnsitze errichten. Doch die Familie habe sich nicht einschüchtern lassen und sei geblieben. Raphael Tukiko baute anstelle des zerstörten Hauses ein Lehmhaus für seine Kinder und seinen alten Vater. Er selbst schläft unter einem Wellblechdach. „Wir haben es nicht leicht. Aber irgendwie kommt man immer zurecht“, meint der Familienvater.
Die Familie lädt zu Reis, Gemüse und frisch getrockneten Dagaa, einer Sardinenart, ein. Alle greifen zu, es wird geplaudert, und ich fühle mich sofort zu Hause. Hatte sich mir von Tukikos Auftreten in „Darwins Albtraum“ der Eindruck eines hilflosen Globalisierungsverlierers eingeprägt, sehe ich jetzt einen stolzen Gastgeber vor mir. Mit den negativen Nachwirkungen, die seine Mitarbeit an dem Film für ihn gehabt hat, scheint er gelassen umzugehen. Allerdings fragt er sich, so Tukiko, was sie ihm persönlich außer Schwierigkeiten gebracht habe.

Mwanza ist, anders als der Film erwarten lässt, eine der malerischsten und zugleich modernsten Städte Tansanias. In der geschäftigen Innenstadt verkaufen FischhändlerInnen Sato an Einheimische. Dieser Buntbarsch, auch Tilapia genannt, ist ein beliebtes Nahrungsmittel und viel schmackhafter als der fette Sangara – Nilbarsch – wie sie erklären. „Den sollen ruhig die Europäer essen“, meinen einige grinsend.

In der Stadt treffe ich Jonathan Nathanael, eine andere Hauptfigur in dem Film, der selbst gemalte Postkarten an TouristInnen verkauft. „Er ist gekommen und wieder gegangen. Geholfen hat er uns nicht“, so sein erster wütender Kommentar, als ich ihn auf Hubert Sauper anspreche. Erst ein holländischer Freund, der in Mwanza arbeitete, habe ihm ermöglicht, den Film zu sehen. „Mir erzählte Hubert, er würde für die Europäische Kommission arbeiten. Ich dachte, er mache einen Aufklärungsfilm für einige wichtige Leute aus Politik und Wirtschaft. Nie hätte ich geglaubt, dass mich tausende Europäer im Kino sehen“, beschwert Nathanael sich weiter. Auf meine Bitte hin zeigt er seine Fischpostkarten aus „Darwin’s Nightmare“: Kleine Männchen, die riesige Fische in den Bauch eines Flugzeuges tragen. Fische, die beim Fallen aus einem Flugzeug einen Weißen erschlagen, der vor einem Gebäude mit europäischer Flagge steht. Ein abgestürztes, brennendes Flugzeug mit der Überschrift „Darwin’s nightmare“. Wie kam er auf die Idee dieser Motive? „Durch Hubert. Er meinte, mal’ doch etwas mit Fischen und Flugzeugen.“ Und „Darwin’s nightmare“, was bedeutet das? „Ein Albtraum ist ein schlechter Traum“, erklärt Jonathan. „Darwin ist irgendein Europäer von früher. Wer genau, weiß ich auch nicht. Darwins Albtraum bedeutet eben, dass dieser Darwin schlecht träumt.“
Mit Fisch hat Jonathan so wenig zu tun wie jeder Maler, dem man aufträgt „etwas mit Fischen“ zu malen.
Ob er sich gut verstanden habe mit dem Regisseur? „Nein.“, Jonathan lacht spöttisch. „Er hat uns doch alle hereingelegt.“ Seine Stimme verrät Enttäuschung. Wenn er gewusst hätte, dass das „so ein Film“ sei, für ein riesiges Publikum, er hätte nicht eingewilligt.
Richard Mgamba, Journalist für die tansanische Tageszeitung „The Citizen“, klärt mich über die zwei Fälle von illegalem Waffenhandel auf, die 2001 am Flughafen von Mwanza entdeckt worden waren. Er hatte damals dazu recherchiert und 2002 im East African darüber berichtet. Sein Artikel wird im Film zitiert und Mgamba ist in einer der letzten Szenen zu sehen, in der er die ausbeuterische Politik Europas gegenüber Afrika anprangert. Eine direkte Verbindung zwischen dem Handel mit Waffen und dem Export von Victoriabarsch bestehe aber nicht – anders als das DVD-Booklet behauptet, sei der Fisch nicht „ein beliebtes Zahlungsmittel für Waffen“. Es seien lediglich dieselben Flugzeuge.
Der 34-jährige Tansanier, der in Kenia studiert hat, wurde bereits mehrmals wegen seiner Berichterstattung zu verschiedenen heiklen Themen ohne anschließenden Prozess verhaftet. Einmal recherchierte er zu einem angeblichen Sexskandal innerhalb der katholischen Kirche in Mwanza, ein anderes Mal zum unaufgeklärten Tod zweier Arbeiter in einer Fischfabrik. Auch jetzt bestätigt Mgamba, dass „Darwin’s Nightmare“ einige wichtige Probleme Tansanias thematisiere. „Zum Beispiel Aids. Mwanza ist wegen der europäischen Piloten ein ‚Hot spot‘: Überall, wo Männer nicht bei ihren Familien leben, wächst Prostitution und damit HIV.“
Viel Positives findet Mgamba jedoch nicht an Saupers Werk. Wegen seiner im Film gezeigten Stellungnahme zu illegalen Waffentransporten habe der Journalist große Probleme mit den örtlichen Behörden bekommen. Laut Mgamba trage Sauper dafür Verantwortung: Er selbst habe dem Regisseur ausdrücklich aufgetragen, seine Identität nicht preiszugeben. Da Sauper dies aber getan habe, müsse er nun um Ruf und Arbeit fürchten. „Während er den Ruhm absahnt, trage ich für ihn das Kreuz,“ bemerkt Mgamba bitter.

Ende Juli 2006 machte der tansanische Präsident Jakaya Kikwete bei einem Besuch in Mwanza „Darwin’s Albtraum“ zum Thema seiner monatlichen Fernsehansprache. Der Film sei eine „komplette Lüge über Tansania und seine Fischindustrie“. Kikwete wies besonders das vom Film suggerierte Bild zurück, den TansanierInnen bliebe nichts anderes als Fischköpfe und Gräten, da die guten Filets exportiert würden. Außerdem sei Mwanza kein Waffenumschlagplatz. Hubert Sauper versuche mit seinem Film, Tansanias guten Ruf in der Welt zu schädigen (s. auch SWM 10/2006, S. 8).
Mit dieser Polemik löste Kikwete eine hitzige Debatte aus. Alle großen tansanischen Zeitungen berichteten über den „filamu ya mapanki“, den Fischgräten-Film. Die meisten TansanierInnen haben so wohl überhaupt das erste Mal von „Darwin’s Nightmare“ gehört. Am 5. August des Vorjahres organisierte die Regierungspartei CCM (Partei der Revolution) in Mwanza eine Demonstration gegen den Film. Die Mitwirkenden wurden beschuldigt, als Marionetten für den Europäer gearbeitet zu haben. DemonstrantInnen forderten, Richard Mgamba die Staatsbürgerschaft zu entziehen, wie er berichtet.
Da Sauper laut Mgamba voreingenommen, mit einer „hidden agenda“, gekommen sei und nicht die afrikanische Wirklichkeit zeige, plant der Journalist eine Gegendarstellung in Form eines Films, für den er noch einen Produzenten sucht. Vorläufiger Titel ist „In the Footsteps of Darwin’s Nightmare“, ein Teil des Films sei schon abgedreht. Er soll das Thema aus tansanischer Sicht beleuchten – dafür ist es, wie Mgamba sagt, höchste Zeit.

Lena Hörnlein studiert Volkswirtschaft in Bayreuth und hat während eines in Tansania geleisteten Freiwilligen Ökologischen Jahres im Juli 2006 Mwanza besucht.

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