Der bedächtige Kämpfer

Von Monika Austaller ·

Pablo Solón ist ein Globalisierungskritiker aus Bolivien. Was Che Guevara und Evo Morales mit seinem Lebensweg zu tun haben, erzählte er im Rahmen eines Wien-Besuchs.

Pablo Solón war 13 Jahre alt, als sich im Jahr 1971 das Leben der Familie schlagartig änderte. Am Tag vor Weihnachten wurde Solóns älterer Bruder verhaftet. Er war mit der Gruppe rund um Che Guevara verbunden gewesen. „Alles was ich später tun sollte, habe ich wegen dieses Moments getan“, meint Solón im Rückblick mit ruhiger, bestimmter Stimme.

Nach einem Jahr im Gefängnis verschwand sein Bruder spurlos. Die Mutter, mittlerweile verstorben, suchte unermüdlich nach dem Bruder – erfolglos.

Als Sohn des bekannten Malers Walter Solón Romero und der Musiklehrerin Gladis Oroza wuchs Pablo Solón in der bolivianischen Mittelklasse auf. Der junge Pablo begeisterte sich für Mathematik, konnte jedoch nicht anders, als sich politisch zu engagieren. So studierte er Soziologie und finanzierte sein Studium, indem er in einer Fabrik für Zinnkerzenständer Teile sortierte.

Wichtige Gewerkschaft. In Bolivien gab es damals eine einzige Gewerkschaft für MinenarbeiterInnen, Bäuerinnen und Bauern sowie Studierende. Sie war die Avantgarde sozialer Kämpfe. Solón wurde nationaler Berater ihrer Bauernorganisation. Dort lernte er den heutigen Präsidenten des Landes, Evo Morales kennen, der die Coca-Bäuerinnen und -Bauern vertrat.

Umweltaktivist wurde Solón erst im Kampf gegen die Privatisierung der Wasserversorgung in der Stadt Cochabamba Ende der 1990er Jahre. Damals sei ihm das indigene Verständnis von Wasser als „Blut der Mutter Erde“ zu eigen geworden, sagt er im Gespräch mit dem Südwind-Magazin. Der im Jahr 2000 gewonnene sogenannte Wasserkrieg gab der bolivianischen Zivilgesellschaft ein großes Selbstbewusstsein. 2005 wurde Morales zum ersten indigenen Präsidenten Boliviens gewählt.

Morales wollte Solón in die Regierung holen. Erst lehnte dieser ab – er verstand sich als Aktivist. Dann aber lenkte er ein und steuerte seine Expertise auf politischer Ebene bei – schließlich als Regierungsverantwortlicher für Freihandel: Als solcher setzte er sich für die in der bolivianischen Verfassung verankerten Rechte ein, die im Rahmen von Freihandelsabkommen gefährdet waren.

Pablo Solón u.a.: Systemwandel. Alternativen zum globalen Kapitalismus

Mandelbaum Verlag, Wien 2018, 272 Seiten, € 16

Viele vertreten nach wie vor die Meinung, dass Kapitalismus die einzige sinnvolle Wirtschaftsform ist. Dieser Einstellung tritt Pablo Solón mit einer Vielzahl von Alternativen entgegen – von Buen Vivir (vgl. auch Dossier in dieser Ausgabe), das Eingang in die Verfassungen Boliviens und Ecuadors gefunden hat, bis zum Konzept der Gemeingüter/Commons, den Ökofeminismus, Deglobalisierung sowie Degrowth. Das sind alles wichtige Konzepte für eine sozial-ökologische Transformation.  Und Solóns Buch liefert einen wichtigen Beitrag zu einem konstruktiven und kreativen Dialog dorthin. Es wird durch einen Überblick über aktuelle Debatten im deutschsprachigen Raum ergänzt.

2009 ging er als Botschafter Boliviens bei den Vereinten Nationen nach New York und setzte Resolutionen zum Internationalen Tag der Mutter Erde und zum Menschenrecht auf Wasser durch. Nach zwei Jahren kehrte er in seine Heimat zurück, um seine kranke Mutter zu pflegen. „Wenn du dich nicht um deine eigene Mutter kümmerst, wirst du dich nie um Mutter Erde kümmern“, erklärt er seine Beweggründe dafür.

Bruch mit Morales. Wieder zurück in der Politik, wuchsen Differenzen zwischen Solón und Morales – bis zum endgültigen Bruch, als der Präsident mit Polizeigewalt Indigene unterdrückte, die gegen Straßenbau im Nationalpark Tipnis demonstrierten.

Um Abstand zu bekommen, arbeitete Solón für die NGO „Focus on the Global South“ in Bangkok, Thailand. Mittlerweile ist er wieder in La Paz und pflegt in der Fundación Solón nicht nur das Museum seines Vaters, sondern engagiert sich auch gegen Staudammprojekte und Waldrodung sowie für Klimaschutz.

Er wünsche sich, so Solón,  dass die Menschheit nicht zu sehr leiden müsse, bevor ihr klar werde, dass sie auf dem falschen Weg sei.  Ziel müsse die Überwindung  des Kapitalismus, des Partriarchats und des Anthropozentrismus sein. Die Menschen sollten sich von dem Verständnis verabschieden, dass die Umwelt allein ihren Bedürfnissen dienen solle.

Monika Austaller ist Journalistin und studiert Socio-Ecological Economics and Policy an der Wirtschaftsuniversität Wien.

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