Der bessere Kandidat

Leider hat im Vorjahr die EU und nicht Gene Sharp den Friedensnobelpreis bekommen.

Von Irmgard Kirchner

Viel ist gelästert worden über die Vergabe des Nobelpreises an die Europäische Union im Vorjahr. Stellen wir uns vor, er wäre zwischen der EU und dem Friedensforscher Gene Sharp geteilt worden. Dann wären Macht und Gegenmacht gleichzeitig ausgezeichnet worden. Der heute 85-jährige US-amerikanische Politikwissenschaftler hatte zuvor den Alternativen Nobelpreis erhalten und galt in Insiderkreisen als Favorit für die wohl renommierteste Auszeichnung der Welt.

Sharp erforscht Strategien und Methoden des gewaltfreien Widerstandes durch die Jahrhunderte und rund um den Globus. Die von ihm genannten 198 Methoden gewaltfreier Aktionen eignen sich nicht nur zur Anwendung in gewalttätigen Konflikten, sondern auch zur Überwindung politischer Passivität und Stagnation. Die New York Times bezeichnete ihn im Vorjahr als einen der am wenigsten anerkannten einflussreichen Vordenker der Gegenwart („intellectual shaker and mover“).

Sharp stellt seine Forschungsergebnisse teilweise kostenlos via Internet zur Verfügung (www.aeinstein.org). Sein Material hat weltweit Einfluss auf politische Bewegungen. Es wurde – um nur einige wenige Beispiele zu nennen – eingesetzt beim Sturz des Milošević-Regimes in Serbien, bei der orangen Revolution in der Ukraine, im Arabischen Frühling und in der Occupy-Bewegung.

Gewaltfreier Widerstand ist eine ermächtigende Möglichkeit. So geht Sharps Denken von der Annahme aus, Diktatoren seien nie so stark, wie sie vorgeben zu sein, und die Menschen seien nie so schwach, wie sie glauben zu sein.

Die Ikonen des gewaltfreien Widerstandes unserer Zeit – Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Aung San Suu Kyi – kommen aus Ländern des Südens oder aus marginalisierten Schichten. Wer sich mit globaler Entwicklung beschäftigt, hat gewaltfreien Widerstand immer im Fokus. So auch unsere Zeitschrift: ob es sich um den Hungerstreik iranischer Menschenrechtsaktivistinnen, den Protest burmesischer Mönche oder einen Schweigemarsch von ZapatistInnen in Mexiko handelt. Gewaltfreier Widerstand ist die Politik der Zivilgesellschaft und der scheinbar von politischer Mitsprache Ausgeschlossenen.

Die Vielfalt an gewaltfreien Methoden eignet sich jedoch nicht nur zum Sturz von Diktatoren, sondern auch zur Politikgestaltung in stabilen Demokratien, ob es sich um die Occupy-Bewegung, das Flüchtlingscamp in der Wiener Votivkirche oder Heini Staudinger gegen die Finanzmarktaufsicht (siehe SWM 12/2012) handelt.

Es ist gut, das im Superwahljahr in Österreich in Erinnerung zu behalten. Wenn, wie vorauszusehen, Schaukämpfe und Alibidiskussionen von den wichtigen Themen ablenken. Es gibt viel mehr Möglichkeiten, Politik zu gestalten, als einige Kreuze in der Wahlzelle zu machen.

Es wäre ein wunderbares Signal, in der Person von Gene Sharp stellvertretend auch all diese bunten, kreativen und auch Gemeinschaft stiftenden Aktionsformen mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen.

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